"Sehend werden" - Wie die Johannesoffenbarung die Wirklichkeit erschließt

1 Die Offenbarung, das Buch mit sieben Siegeln? – eine Hinführung

„Sehend werden“, mit diesen beiden Worten lässt sich das Ziel der Johannesoffenbarung treffend beschreiben. Man sagt manchmal: „Ein glaubender Mensch sieht keine andere Wirklichkeit, aber er sieht sie anders.“ Genau darum geht es Johannes: aus der Perspektive des Glaubens einen neuen und anderen Blick auf die Wirklichkeit zu werfen, einen Blick, der durch das göttliche Licht ermöglicht wird, das von der alttestamentlichen Heilsgeschichte und der Christuserfahrung ausgeht. Dieses Licht leuchtet die Tiefen der kosmischen und menschlichen Wirklichkeit aus, es erschließt den Glaubenden eine Tiefendimension, die ansonsten verborgen bleiben würde.

Wir sollen also nicht an der Oberfläche bleiben, uns nicht mit dem begnügen, was uns die Zeitungen und das Fernsehen tagtäglich an scheinbaren Wahrheiten ins Haus liefern, sondern den Dingen auf den Grund gehen. Wir sollen hinter den Schein, der uns so oft blendet, zum Sein vordringen. Wir sollen nach dem fragen, was unsere gesellschaftliche und politische Wirklichkeit im Innersten formt und durchdringt, im Guten wie im Bösen. Johannes gehört also tatsächlich noch zu den eigenartigen und heute eher belächelten Gestalten grauer Vorzeit, die davon ausgehen, dass es so etwas wie ein Wesen bzw. ein Unwesen gibt, und es sich deshalb auch lohnt, hinter die Fassaden des Weltschauspiels zu blicken, um zu begreifen, was eigentlich gespielt wird. Apokalypse heißt übersetzt Enthüllung. Genau in diesem Sinn ist Johannes Apokalyptiker: Er will die Wirklichkeit offen legen, wie sie ist. Er will die Decke wegnehmen, die uns oft die Sicht verhüllt.
In gewisser Weise ist Johannes ein Idealist, aber eben nur in gewisser Weise. Denn es geht ihm nicht in erster Linie um Philosophie und abgründige Spekulation, nicht um ein Erkennen um des Erkennens willen, sondern um eine Erkenntnis des Herzens. Er will uns für die göttliche Wahrheit begeistern und uns gleichzeitig für die Gefährdungen sensibilisieren, die unsere Welt, unsere Gesellschaft und unser Leben bedrohen. Er ermutigt uns, Gott in allen Bezügen unseres Lebens Raum zu geben: „Weise mir Herr, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit.“ (Ps 86,11)

Johannes – ein Prophet
Man kann das alles auch noch viel einfacher sagen: Johannes steht in der Nachfolge der alttestamentlichen Propheten. Diese wollten ja auch nicht in erster Linie die Zukunft „voraussagen“, sondern den Menschen helfen, den Willen Gottes in ihrer jeweiligen Gegenwart zu erkennen. Salopp und etwas anachronistisch formuliert: Die Propheten hatten in der einen Hand die Bibel und in der anderen Hand die Zeitung. Sie haben versucht, die gesellschaftliche und politische Wirklichkeit im Lichte der ihnen geoffenbarten biblischen Botschaft zu interpretieren, um den Menschen ihrer Zeit die Chance zu geben, den von Gott gewollten Weg zu erkennen. Treffend formuliert Jürgen Ebach: „Nicht das Vorhersagen der Zukunft war das Ziel der Propheten, sondern das offene Heraussagen dessen, was ist, das Aufdecken der gegenwärtigen Verhältnisse im Licht der Folgen – wenn es so weitergeht.“ Die Zukunft kommt also durchaus in den Blick, weil jede Lebensweise ihre eigene in die Zukunft gerichtete Dynamik entfaltet, so dass man mit gewisser Wahrscheinlichkeit sagen kann: Wenn ihr diesen Weg einschlagt, dann hat dies eben auch Konsequenzen, dann entwickelt sich daraus eine Dynamik hin zum Guten oder zum Bösen, eine Aufwärts- oder eine Abwärtsspirale. Aber diese Form von Zukunftsweissagung ist keine Hellseherei à la Nostradamus. Sie hat ihre eigene Logik, geht davon aus, dass es nicht ohne Folgen bleiben kann, wenn man die vom Schöpfer gegebenen Gesetze des Lebens verachtet, weil man besser zu verstehen meint, wie das Leben funktioniert. Sie hat deshalb auch mitnichten den Anspruch, dass es „nur so und nicht anders“ geschehen kann, sondern steht immer unter dem Vorbehalt: So wird es geschehen, wenn alles so weitergeht. Wenn alles nicht so weitergeht, zum Beispiel weil sich die Menschen ändern und zu Gott umkehren, dann kann alles auch ganz anders kommen.

Es ist nicht zuletzt diese Logik, die die Johannesoffenbarung so aktuell macht. Jedem heute ist bewusst, dass es katastrophale Folgen haben wird, wenn wir die Klimaerwärmung nicht stoppen, den Turbokapitalismus in die Schranken weisen oder das Gewaltpotential in unserer Welt verringern. Die Logik der Offenbarung ist keine andere, auch wenn sie alles unter theologischem Vorzeichen betrachtet und deshalb nicht glauben kann, dass alles nur am Menschen hängt. Denn eines steht für Johannes unverbrüchlich fest: Gott hat Jesus als Weltherrscher eingesetzt, und er wird nicht eher ruhen, bis durch ihn seine Herrschaft in allen Ecken und Winkeln dieses Kosmos aufgerichtet ist, egal wie klein oder groß der menschliche Widerstand auch sein mag. Der menschliche Tun-Ergehens-Zusammenhang hat seine Bedeutung, aber er wird immer wieder gebrochen durch das göttliche Handeln.

Die Johannesoffenbarung – ein Endzeitfahrplan?
Man hat die Offenbarung oft anders gedeutet, sah in ihr genau das, was ich als „Hellseherei à la Nostradamus“ gebrandmarkt habe. Man erblickte in ihr eine Art Endzeitfahrplan, in dem der Verlauf der Heils- und Weltgeschichte punktgenau beschrieben ist. Wer wissen will, in welcher geschichtlichen Phase er sich jeweils befindet, der muss nur zur Offenbarung greifen und sie sie nach allen Regeln der spekulativen Schriftgelehrsamkeit entschlüsseln. Nicht selten motivierten irgendwelche Katastrophen oder unheimlich anmutende Entwicklungen fromme Christen zu solch abenteuerlichen Vorstößen. Fast immer wurde man dabei auch fündig und konnte das zu erklärende Ereignis in der Schrift schnell ausfindig machen. Selbst Martin Luther, der bekanntlich nicht viel von der Apokalypse hielt („mein Geist kann sich in diese Buch nicht schicken“, weil „Christus drinnen weder gelehret noch erkannt wird“) , brauchte nicht lange, um den Papst oder die Kirche seiner Zeit in der Offenbarung als teuflische Größe dingfest zu machen. Eine solche Auslegung mag verständlich sein, da wir Menschen uns gerade in unsicheren Zeiten nach Orientierung und Gewissheit sehnen. Aber hilft diese Art von Orientierung wirklich weiter? Führt es zu innerer Urteilsfähigkeit, wenn man die Offenbarung als eine Art Geheimdokument versteht, bei dem es nur darum geht, den richtigen Übersetzungsschlüssel zu finden? Besteht waches und prophetisches Zeitbewusstsein nicht eher darin, dass man mit einem kritischen und von der biblischen Botschaft erleuchteten Verstand die Ereignisse der Zeit zu deuten versucht, also von innen her zu begreifen versucht, wo Entwicklungen mit dem Willen Gottes übereinstimmen und wo sie ihm widersprechen? Natürlich hat Gott mit unserer Welt einen Plan, aber dies bedeutet gewiss nicht, dass alles vorherbestimmt ist und der Mensch keinen Einfluss mehr auf den Lauf der Dinge hat. Biblisch gesehen will Gott in einem nie ganz zu ergründenden Zusammenspiel von göttlicher Lenkung und menschlichem Handeln seine Ziele erreichen. Wir sind Mitspieler, keine bloßen Marionetten. Die evangelikale Romanreihe „Left behind“, die versucht, die Endzeitpassagen der Offenbarung und anderer neutestamentlicher Schriften zu kombinieren, um daraus einen direkten Geschehensverlauf der Endzeit abzuleiten, hätte Johannes vermutlich nur amüsiert, vielleicht aber auch schockiert, weil er befürchten muss, dass Menschen, die schon ganz genau wissen, wie alles abläuft, völlig orientierungslos sind, wenn ihnen die Versuchung und das Böse dann in ganz anderer Gestalt und von wo ganz anders her begegnen sollten. Noch mehr hätte er es aber wahrscheinlich bedauert, wenn er erfahren hätte, dass seine Schrift zu den Lieblingsbüchern einiger amerikanischer Präsidenten gehören sollte, und ihre Lektüre sie ermutigt hat, die „Achse des Bösen“ in dieser Welt auszumachen, um dann selbst – gleichsam als Lichtgestalten – das Böse mit Stumpf und Stiel auszurotten.

Da es Johannes um eine Interpretation der Gegenwart im Lichte der göttlichen Offenbarung geht, versteht es sich von selbst, dass er erst einmal seine eigene Zeit im Blick hat. Das ist, wenn die herkömmliche zeitliche Einordung richtig ist, die Zeit des ausgehenden ersten Jahrhunderts, die Regierungszeit des römischen Kaisers Domitian. Wir können die Offenbarung also nicht einfach und unvermittelt auf uns beziehen, sondern müssen zuerst verstehen, was Johannes seinen Adressaten damals sagen wollte, bevor wir seine Botschaft in einem zweiten Schritt auf uns anwenden. Sehr mühsam ist dieser zweite Schritt jedoch nicht, da Johannes bemüht war, die Tiefenschichten der Wirklichkeit aufzudecken, die Strukturen und Wesensmerkmale, die allem Sein zugrunde liegen, und diese Strukturen und Wesensmerkmale sind heute natürlich noch die gleichen, auch wenn sie in ganz anderen kulturell-gesellschaftlichen und soziologischen Kontexten begegnen. Wir werden zum Beispiel sehen, dass Johannes sich kritisch mit dem auseinandersetzt, was wir heute als Globalisierung bezeichnen würden. Nun hat Globalisierung heute noch einmal ganz andere Dimensionen als in der römischen Welt des Johannes. Aber das, was man heute als positive oder negative Dynamik der Globalisierung beschreiben kann, war natürlich auch damals schon im Ansatz gegeben. …

(Das Buch ist bei der Evangelischen Verlagsanstalt in Leipzig erschienen und für 16,80 € erhältlich – siehe Publikationen)

---