Wie Corona unsere Gesellschaft verändert

Ich erinnere mich noch an die Zeit vor einem Jahr. Frühling 2020! Damals war Corona für uns alle noch Neuland. Neben allem Schlimmen, das wir erlebten und wovor wir Angst hatten, gab es auch einen leisen Optimismus. Viele hofften, dass durch die Pandemie auch Positives in Gang kommen würde. Covid-19 galt als Augenöffner. Der „Brennglaseffekt“ war in aller Munde. Bernd Ulrich schrieb in der Zeit (20.05.):
„Corona ist nicht die Mutter aller Krisen, noch weniger stellt sie die größte Gefahr für die Menschheit dar (das ist und bleibt das ölologische Desaster, das sich mit wachsendem Tempo vollzieht), Corona ist aber vielleicht die aufklärerischste Krise, weil sie die Welt so verlangsamt hat, dass man ihre Bewegungsgesetze besser verstehen kann.“

So hat uns die Pandemie auf die mächtigen Schattenseiten der Globalisierung hingewiesen. Sie führte uns (wieder mal) vor Augen, dass die Lebensverhältnisse in unserer Welt schrecklich ungerecht sind, weil die Pandemie zwar alle bedroht, aber nicht alle gleich hart trifft. Sie ließ uns spüren, wie schön eine Welt sein könnte, in der die Natur wieder eine Chance hat. Ich erinnere an die Fische in den Kanälen von Venedig, die man endlich wieder sehen konnte. (Delphine waren es dann wohl doch nicht). Nicht zuletzt zeigte sie uns und zeigt uns immer noch, was gesellschaftlich und politisch alles möglich ist, wenn man nur will. Wer also angesichts des Klimawandels und der notwendigungen Veränderungen immer noch sagt, das sei unrealistisch, das gehe nicht, der sieht auf einmal, was alles geht, wenn man nur will.

Irgendwann habe ich mitr dann gedacht. Stimmt alles, und stimmt auch wieder nicht. Es ist ja doch eine Frage, ob Corona Menschen wirklich zu einer neuen Denk- und Lebensweise bewegt oder die Krise einfach bestätigt, was man schon immer gedacht hat. Ist es nicht so, dass sich die Umweltaktivisten genauso bestätigt sehen wie die Turbokapitalisten, die Achtsamen wie die Geschäftigen, die Demokratiebewussten genauso wie die Verschwörungstheoretiker? Polarisiert die Krise, anstatt zu neuen Denkweisen zu inspirieren? Verhärtet sie, statt zu einem konstruktiven Dialog beizutragen?

Wahrscheinlich stimmt beides: Corona hat eine aufklärerische Funktion. Es führt bei manchen zu einer Veränderung im Denken, vielleicht auch nur so, dass es einen Pol verstärkt, der mehr oder weniger implizit schon da war. Die Krise führt aber natürlich auch zu Polarisierungen und Verhärtungen. Sie ermutigt zum gesellschaftlichen Dialog und gleichzeitig bremst sie ihn.

Im Moment denke ich aber noch stärker in eine ganz andere Richtung. Vielleicht wird die Pandemie einfach auch dadurch etwas verändern, dass sie neue Gewohnheiten entstehen lässt. Wer lange nicht mehr auf Geschäftsreise in Deutschlanvd geflogen ist, der merkt vielleicht irgendwann, dass es mit der Bahn auch ganz gut geht und manches sich in Form einer Zoom-Konferenz noch einfacher erledigen lässt. Freilich: Nicht nur die in meiner Perspektive guten neuen Gewohnheiten könnten sich verfestigen, sondern auch die, die ich nicht so schätze. Was ist, wenn die im Gefolge der Krise weiter zunehmende Digitalisierung dazu führen wird, dass unser Miteinander noch unpersönlicher und technokratischer wird? Um nur ein Beispiel zu nennen.

Am Ende führen all diese Überlegungen vielleicht doch nur zu einem Patt. Es wird sich viel verändern, so viel ist klar, und das in sehr kurzer Zeit. Aber ob zum erhofften Guten oder zum befürchteten Schlechten bleibt abzuwarten. Vielleicht sind Krisen dieser Art einfach nur Entwicklungsbeschleiniger. Deshalb sollte man sich keinem Fatalismus ergeben, sondern die Chance der Stunde nutzen, um das voranzutreiben, was einem am Herzen liegt. Eines scheint mir immerhin klar: „Alles hat seine Zeit“. Das, was heute besonders gut geht, geht morgen vielleicht nur noch schwer oder gar nicht mehr. Also sich nicht zu sehr darauf verlassen, dass die Krise etwas bewirkt, sondern selber machen … Banal, aber wahr.

Aktuelles

5. April 2021

„Das Café am Rande der Welt“ und die Geschichte von den Emmausjüngern

Gestern habe ich ein kleines Büchlein gelesen: „Das Café am Rande der Welt“, von John Strelecky. Ein Bestseller! Deutsche Erstausgabe: 2007. Ich halte die 54. Auflage aus dem letzten Jahr in der Hand. Beachtlich! Wieder mal ein Bestseller, den ich relativ spät gelesen habe.

Wie auch immer. Ich fand das Buch anregend. Nicht so sehr wegen seines Inhalts. Den habe ich einfach schon zu oft gehört und gelesen in der immer inflationärer werdenden Lebensratgeber-Literatur. Er heißt auf den Punkt gebracht: „Lebe dein Leben, und zwar jetzt – und lass dich nicht für blöd verkaufen von denen, die dir durch ihre oft materiellen Glücksverheißungen das Blaue vom Himmel versprechen.“ In diesem Buch wird übrigens sogar ein Kürzel für den Sinn des Lebens gefunden, und das heißt: „ZDE“ = „Zweck der Existenz“. Diesen ganz individuellen „ZDE“ gilt es zu finden und zu leben. Irgendwie natürlich alles richtig, aber auch ein wenig banal, vor allem: wenn das bloß immer so einfach wäre. Viktor Frankl, der bekannte Psychotherapeut aus Österreich, hat sich dieser Aufgabe übrigens schon vor längerer Zeit auf etwas höherem Niveau gestellt. Er nannte das Logotherapie. Eine Therapie, die den Menschen individuell helfen soll, ihren spezifischen Lebenssinn zu finden, also das, wofür sie da sind. Was wiederum eine der drei Fragen ist, mit denen der Besucher dieses eigenartigen Cafés auf der Speisekarte konkfrontiert wird: „Wozu bin ich da?“ Aber lassen wir das! Wie gesagt, was mir gefallen hat, ist weniger der Inhalt. Es ist vor allem die Rahmengeschichte, und die ist folgendermaßen konstruiert:

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13. März 2021

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