Zum Andenken an Schalom Ben Chorin

Das Lebenswerk Schalom Ben Chorins aus einer christlichen Perspektive
(gehalten am Evangelischen Kirchentag 2013)

Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist mir eine große Freude und Ehre, dass ich heute vor Ihnen stehen darf, um das Werk Schalom Ben Chorins aus einer christlichen Perspektive zu würdigen.

Wenn ich an Schalom Ben Chorin denke, dann steigen verschiedene Bilder in mir auf. Ich sehe einen älteren Herrn mit einem verschmitzten Lächeln vor mir. Ich sehe ein gutes Glas Wein vor ihm stehen und vielleicht auch noch eine Zigarre in seiner Hand, vor allem aber sehe ich einen Menschen, der mit Charme, großer Liebenswürdigkeit und einer intensiven persönlichen Präsenz seinen Zuhörern und Zuhörerinnen ein Thema des christlich-jüdischen Dialogs nahebringt. Sein Vortrag ist gelehrt, aber alles andere als spröde und langweilig, sondern mit vielen Anekdoten und witzigen Bemerkungen gemischt, so dass es schwer fällt, sich dem Vormitternachtsschlaf hinzugeben. Man spürt: Hier redet einer, der ein Anliegen hat, der das Herz seiner Zuhörer erreichen will und der sich deshalb auch nicht zu schade dafür ist, abstrakte Sachverhalte auf ein einfaches Niveau herunter zu brechen. Schalom Ben Chorin hatte die große Gabe, populär und verständlich zu sprechen, ohne dabei zu simplifizieren. So jedenfalls habe ich ihn erlebt, und das war vor allem in seinen letzten Lebensjahren, wo ich als evangelischer Pfarrer in Jerusalem gearbeitet und viele Veranstaltungen mit ihm durchgeführt habe. Eines ist ihm übrigens auch gelungen: Er hat es geschafft, mir die Jerusalemer Staus zu versüßen. Denn da ich ihn meist von seiner Wohnung im Westteil abholen und auch wieder zurückbringen musste, hatte ich viele gute Möglichkeiten ihm all die Fragen zu stellen, die ich schon immer einmal fragen wollte, und er konnte dem nicht entrinnen.

Wenn ich nun heute sein Lebenswerk aus einer christlich-theologischen Perspektive würdigen soll, dann muss ich gleich am Anfang sagen, dass dies in einem Vortrag von ca. dreißig Minuten kaum möglich sein wird. Dafür sind seine Veröffentlichungen zu zahlreich. Wenn ich mich deshalb nicht in Allgemeinplätzen ergehen möchte, und dazu habe ich wenig Lust, dann muss ich auswählen und stehe damit vor der Qual der Wahl.

Nun steht eines ohne Zweifel fest: Das, was Schalom Ben Chorin bekannt gemacht hat, waren seine engagierten und immer wieder auch Buch gewordenen Beiträge zum christlich-jüdischen Dialog. Viele Christen und Christinnen haben seine Bücher gelesen und ihn bei Vorträgen in Jerusalem oder in Deutschland erlebt. Das bekannteste seiner Werke dürfte dabei seine Trilogie sein, diese drei Bücher, in denen er sich intensiv mit Jesus (Bruder Jesus – Der Nazarener in jüdischer Sicht), Paulus (Paulus – der Völkerapostel in jüdischer Sicht) und Maria, der Mutter Jesu auseinandersetzt. Er hat diese Trilogie „Die Heimkehr“ genannt und damit programmatisch deutlich gemacht, worum es ihm geht: Die Grundgestalten des Christentums sollen endlich wieder als Juden und Jüdinnen in den Blick kommen, sie sollen nach einer fast zweitausendjährigen Diaspora in ihre ursprüngliche Heimat zurückkehren. Dabei hat sein Buch über Jesus von Nazareth sicher besondere Bedeutung, was auch die zahlreichen Auflagen zeigen. Jesus hat Ben Chorin von Anfang an fasziniert. Bereits in frühen Jahren schrieb er so manches Gedicht über den Nazarener. Bei dieser Heimkehr geht es Ben Chorin nun freilich nicht darum, Christen etwas wegzunehmen. Ganz im Gegenteil: Er will Christen und Christinnen helfen, die jüdische Substanz ihres Glaubens neu zu entdecken, weil er der Überzeugung ist, dass christlicher Glaube sich ohne seine jüdischen Wurzeln nicht adäquat verstehen kann und so zwangsläufig auf Irrwege gerät. Und natürlich will er auch das Gemeinsame zwischen Christen und Juden herausstellen, um ein neues Miteinander zu ermöglichen. In gewisser Weise hat er gegenüber Christen vielleicht sogar so etwas wie ein seelsorgerliches Anliegen. Ich fand es jedenfalls immer ganz wunderbar, dass man bei ihm nie das Gefühl hatte, dass er den Christen nun die Leviten lesen wollte. Nein, er wollte helfen, helfen das Judentum neu und besser zu verstehen, um dadurch auch sich selbst besser zu verstehen. Und natürlich hat er nicht erwartet, dass Christen nun Juden werden. Er hat das Trennende geachtet und Unterschiede nicht nivelliert. Am bekanntesten ist hier sicher sein immer wieder zitierter Satz: „Der Glaube Jesu eint uns, aber der Glaube an Jesus trennt uns.“ Dennoch hat er den christlichen Weg ähnlich wie Martin Buber als ein Geheimnis der göttlichen Fügung respektiert. Denn das Innerste eines Glaubens ist einem von außen immer nur begrenzt zugänglich. In dieser ehrlichen Haltung erwies sich Ben Chorin als ein guter Schüler Martin Bubers. Dialog bedeutet eben immer beides: Ich und Du sagen – sich dem anderen zuwenden, mit allen Kräften der eigenen Seele auf ihn hören und ihn zu verstehen suchen, aber eben auch das Andere: sich selbst einbringen, mit allem, was dazu gehört, sich nicht vorenthalten, eben Ich sagen. Es ist dieser Prozess des Sich-Schenkens und des Empfangens, des Gebens und des Nehmens, in dem Gott uns neuen Ufern führt und sein Reich baut.

Sie merken schon: Zu diesem Themenkomplex gäbe es viel zu sagen. Vielleicht erwarten manche von Ihnen das auch von mir. Aber ich fürchte, dass ich Sie enttäuschen muss, und dafür sind vor allem zwei Gründe Ausschlag gebend.

Der erste Grund: Ich vermute, dass Sie, die Sie heute Morgen hier sitzen, zum größten Teil zu denen gehören, die mit vielen Einsichten, die Schalom Ben Chorin in seinen populären Bücher geäußert hat, bereits vertraut sind. Natürlich ist man mit diesen Themen nie am Ende, und natürlich wäre eine kritische Würdigung seiner Thesen ein lohnendes Unternehmen, aber ehrlich gesagt: Ich weiß nicht, wo ich da anfangen und wo ich aufhören soll.

Noch wichtiger ist mir aber der zweite Grund. Schalom Ben Chorin war nicht nur ein leidenschaftlicher Befürworter des christlich-jüdischen Dialogs, auch wenn wir ihn in Deutschland vor allem von dieser Seite her kennen, er war auch ein Jude, der sein ganzes Leben lang mit der Frage gerungen hat, wie man die jüdische Berufung in unserer Zeit begreifen kann. Warum gibt es ein erwähltes Volk? Was hat Gott sich dabei gedacht? Welche Bedeutung spielt im Rahmen dieser Fragestellung der Zionismus, die Schoa, das Heilige Land, der neu entstandene Staat Israel, die unterschiedlichen Kräfte und Meinungen in Israel, die weltweite jüdische Diaspora und vieles mehr? Diese eher nach innen gerichtete Seite, die, um einen Buchtitel von Leo Baeck aufzunehmen, ganz stark nach dem „Wesen des Judentums“ fragt, ist unter Christen vielleicht nicht so bekannt. Sie ist leider auch in Israel nicht so bekannt, da es Schalom Ben Chorin nicht wirklich gelungen ist, in Jerusalem das Gehör zu finden, das er eigentlich verdient hätte. Dieser eher vernachlässigten Seite seines Werkes will ich mich heute zuwenden. Und ich will dies tun, weil ich der Überzeugung bin, dass sein Nachdenken über die Berufung Israels auch für uns Christen zu einer Quelle der Inspiration werden kann. Wir befinden uns im christlich-jüdischen Dialog ja in einer etwas paradoxen Situation: Viele Kirchen haben sich in Stellungnahmen eindeutig zur bleibenden Erwählung Israels bekannt. Wenn ich richtig gezählt habe, sind es inzwischen bereits dreizehn deutsche Landeskirchen, die eine solche oder eine ähnlich lautende Formulierung in ihre Kirchenverfassung aufgenommen haben, zuletzt, im Jahr 2012, meine eigene, die bayerische Landeskirche. Es ist wunderbar zu sehen, dass die meisten Kirchen bereit sind, die altkirchliche Substitutionstheorie, nach der die Kirche Israel ersetzt, endgültig ad acta zu legen, weil sie mit Paulus (Röm 9-11) erkannt haben, dass Gottes Bundestreue zu Israel das Entscheidende ist und diese auch durch Christus nicht annulliert ist. Dennoch gibt es viele Fragen, wenn man nun genauer überlegt, was mit dieser Erwählung eigentlich gemeint ist. Natürlich können und sollen wir uns als Christen nicht anmaßen für das jüdische Volk herauszufinden, was nun seine Berufung ist. Das wäre arrogant und vermessen. Und dennoch: Wenn wir nicht nur Worthülsen benutzen wollen und zugleich ein Interesse daran haben, dass unsere Botschaft bei anderen auch ankommt, dann müssen wir zumindest andeutungsweise wissen, was wir mit dem Bekenntnis zur bleibenden Erwählung Israels meinen. Meine Hoffnung ist, dass uns Schalom Ben Chorin hier ein wenig weiterhelfen kann. So lade ich Sie ein, sich mit mir auf eine hoffentlich spannende Entdeckungsreise zu machen.

Schalom Ben Chorin hat mehrere Bücher verfasst, wo er sich mit diesen Fragen auseinander setzt. Ein Buch trägt den Titel „Die Erwählung Israels“. Es ist 1993 das erste Mal erschienen. Ein anderes Buch, dass sich aus der Perspektive des Holocaust mit diesen Fragen befasst heißt „Als Gott schwieg“, es stammt aus dem Jahr 1986. Das Buch jedoch, das ich Ihnen vor allem vorstellen will, weil er darin viele seiner die Erwählung betreffenden Gedanken das erste Mal publiziert hat, ist noch ein wenig älter. Schalom Ben Chorin hat es im Jahr 1956 veröffentlicht. Es heißt: „Die Antwort des Jona. Zum Gestaltwandel Israels.“

Die Antwort des Jona

Der Inhalt des kleinen Büchlein Jona dürfte den meisten unter uns vertraut sein. Für Schalom Ben Chorin ist es deshalb so interessant, weil er darin die Frage nach der Berufung Israels thematisiert sieht. Jona ist für ihn beides: ein Symbol für das reale Israel, aber auch ein Symbol für das ideale, für das von Gott gewollte Israel. So wie Jona ist Israel von Gott berufen, in dieser Welt Zeugnis von Gott abzulegen, aber wie Jona versucht es auch immer wieder diesem anstrengenden und herausfordernden Auftrag zu entfliehen, indem es lieber sein möchte wie alle anderen Völker. Doch was auch immer Israel tut, es kann seiner Berufung nicht entrinnen. Der sich schlafend stellende Jona wird angesichts des schrecklichen Sturms von den Seeleuten an Deck gezerrt und nach seiner tiefsten Identität gefragt. Auch Israel gerät immer wieder in schlimme Katastrophen hinein und erfährt in diesen den Anruf Gottes, der es zu seiner wahren Identität zurückführen will. Im Augenblick der Krise erwacht Jona-Israel (ich zitiere) „zur Erkenntnis der eigenen Existenz und gibt jene umfassende Antwort, in der Wesen und Sendung Israels in ihrer Doppelheit formuliert ist: Ich bin ein Hebräer und fürchte den Herrn, den Gott des Himmels, welcher gemacht hat das Meer und das Trockene.“ (Jona 1,9) (S. 14) In diesem Bibelwort sieht Schalom Ben Chorin die zwei entscheidenden Aspekt angesprochen, die zur Berufung Israels gehören: Israel ist ein Volk, nicht nur eine Konfession, nicht nur eine Ansammlung von Individuen, aber es ist nicht nur ein Volk, sondern es ist oder soll eben auch ein Volk sein, das Gott fürchtet. Ohne Gott verfehlt Israel seine Identität. Dieser Gott wiederum ist einerseits der Gott Israels – im hebräischen Text steht hier das Tetragramm –, er ist aber gleichzeitig auch der universale Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, so dass Israels Berufung immer nur im Spannungsfeld von Partikularität und Universalität gelingen kann. Ein Israel, das sich auf sich selbst zurückzieht, verfehlt seine Berufung genauso wie ein Israel, dass nur noch eines im Sinn hat: sich restlos zu assimilieren und in der Völkerwelt aufzugehen.

Aus dieser Perspektive, aus der Perspektive der Jonageschichte versucht Ben Chorin die Ereignisse seiner jüngsten Vergangenheit und Gegenwart zu deuten. Er treibt also Geschichtstheologie. Er ist wie einer, der in der einen Hand die Bibel und in der anderen Hand die Zeitung hält, um beides miteinander ins Gespräch zu bringen, um die geschichtlichen Ereignisse im Lichte der biblischen Botschaft auf ihren göttlichen Sinn hin zu befragen. Er hofft auf hilfreiche und zukunftsweisende Klärungen. Erlauben Sie mir hier eine kleine Zwischenbemerkung: Ich denke, dass dies, was Ben Chorin hier tut, legitim ist. Wenn wir an den Gott der Bibel glauben, dessen Markenzeichen es ist, sich durch geschichtliche Ereignisse zu offenbaren, dann müssen wir immer wieder von der Bibel inspiriert nach dem Sinn fragen. Freilich: So weiterführend und inspirierend solches Fragen auch sein kann, wir können uns auch täuschen, zumal das letzte Geheimnis der Geschichte allein Gott kennt. Kurz: Geschichtstheologie ist ein Wagnis, das immer wieder auch der Diskussion bedarf.

Ben Chorins Leitfrage heißt: „Gibt es eine Möglichkeit, den Juden von heute, so wie er ist, geschichtlich geworden, gegerbt mit allen Laugen des Hasses seiner Umwelt, enttäuscht von den Lösungsversuchen einer gescheiterten Assimilation, erfüllt von dem Stolz über den ersten jüdischen Sieg seit dem Untergang des zweiten Tempels im Jahre 70 n. Chr., zurückzuführen zur Ganzheit der Jonaantwort: zu dem national religiösen Bekenntnis, zu jener Haltung, die das Partikulare mit dem Universalen verbindet, die das Hebräertum proklamiert und zugleich die Größe Gottes in der Welt bekennt, …, und so die überzeitliche, die ewige Antwort auf den Anruf des Ewigen zurückgewinnt?“ (S.20) Was nun sind die großen Linie, die er zu erkennen meint?

Schalom Ben Chorin beginnt seine Geschichtstheologie mit den beiden Ereignissen, die für ihn im Zentrum des jüdischen Schicksals im 20. Jahrhundert stehen: dem Holocaust und der Errichtung des Staates Israel. Es sind diese Ereignisse, die geradezu nach einer Deutung schreien, und das nicht zuletzt deshalb, weil man sich Gegensätzlicheres kaum vorstellen kann: Hier der absolute Tiefpunkt, die schlimmste Heimsuchung, die Juden je getroffen hat, die Ermordung von sechs Millionen Juden, und dort das Wunder, dass es nach unendlich langer Zeit wieder einen jüdischen Staat gibt, einen Neuanfang im Land der Väter. Selten lagen Himmel und Hölle so nahe beieinander.

Es ist vermutlich diese Gegensätzlichkeit, dieses scheinbar Unvereinbare, das Ben Chorin dazu bringt, beides mit den biblischen Kategorien von Gericht und Gnade zu deuten. Die biblische Geschichtserzählung und auch die Prophetie ist ja oft bestimmt von dieser Polarität: Gott richtet und straft sein Volk, aber er erbarmt sich auch immer wieder neu und erweist seine Gnade. So deutet Ben Chorin den Holocaust mit der Kategorie des Gerichts und die Gründung des Staates Israel als Erweis der göttlichen Gnade.

Als ich das gelesen habe, bin ich – ich gebe es gerne zu – erschrocken. Kann und darf man Auschwitz mit dem schwierigen Begriff des Gerichts deuten? Ist der Holocaust denn eine göttliche Strafe für das jüdische Volk? Das assoziiert man ja unvermeidlich mit dem Begriff des Gerichts. Meint Ben Chorin das? Nun, wenn man genauer hinsieht, merkt man schnell, dass dies nicht seine Absicht ist. Es geht ihm im Grunde genommen nur darum zu überlegen, ob man die biblischen Versuche, dem Leiden Israels einen Sinn abzugewinnen, auch auf den Holocaust beziehen kann. So fragt er, ob dieses Leiden ein Hiobsleiden ist, ein Leiden des Unschuldigen, der von Gott geprüft wird? Ob es ein Leiden für andere ist, ein stellvertretendes oder gar sühnendes Leiden? Er fragt auch, ob es, zumindest hier und da, auch so etwas wie ein Strafleiden sein könnte? Ben Chorin stellt Fragen, und hier und da blitzt eine Einsicht auf, aber er verengt seine Interpretation keinesfalls auf den Aspekt des Strafgerichts. Er versteht den Begriff Gericht im Grunde genommen als Überbegriff für alles Leid, das Gott Israel zumutet, also gerade nicht im biblischen Sinn, wo es meist das Strafgericht meint. Gerade deshalb wäre es meiner Meinung nach aber auch besser gewesen, er hätte ganz auf den Begriff verzichtet oder ihn nur dort gebraucht, wo er auch wirklich so meint. Die Gefahr des Missverständnisses ist zu groß. Eines ist bei all seinen Deutungsversuchen allerdings deutlichhervor: Er sieht im Holocaust zumindest auch ein Geschehen, durch das Gott Israel wieder zu seinem Wesenskern, zu seiner Israelexistenz zurückrufen möchte. Israel kann seinem Judesein nicht entrinnen. Es muss sich ihm stellen. Darin liegt dann auch wieder die Parallele zu Jona, den die Krise auch daran erinnert, dass er seinem Judesein nicht entkommen kann.

Auf die Katastrophe des Holocaust folgt das Wunder, dass es das erste Mal seit 2000 Jahren wieder einen jüdischen Staat gibt. Ben Chorin deutet beides mit dem berühmten Kapitel von der Wiederbelebung der Totengebeine aus dem Propheten Ezechiel (Ez 37). „Aus den Gräbern bringt Gott die Gebeine Israels auf den Boden Israels. Man kann diese Zeilen nicht lesen, ohne im Innersten getroffen zu werden, wenn man an jene denkt, die buchstäblich aus den Massengräbern, aus den ‚Wohnungen des Todes‘ gerettet wurden, aus den Vernichtungslagern und Liquidierungsfabriken, und auf den Boden Israels gebracht wurden.“ (S. 44) In der Staatsgründung sieht Ben Chorin eine Israel von Gott her gegebene Chance, seiner Bestimmung nun neu zu entsprechen, sie ein Stück weit mehr Wirklichkeit werden zu lassen. Hier zeigt sich nun auch in aller Deutlichkeit, dass Ben Chorin ein tief überzeugter Zionist ist, freilich, so muss man gleich hinzufügen: ein zutiefst religiöser Zionist. Denn Zionismus ohne religiösen Kern ist für ihn nicht das, was Gott gewollt hat. So schreibt er: „Die Wirklichkeit Israels – dieses Geistwunders des 20. Jahrhunderts – ermangelt noch des Geist-Brausens, das das Werk beleben soll.“ Mit dem Staat Israel ist ein verheißungsvoller Anfang gesetzt, aber die Zeit der Bewährung steht noch aus. Und worin muss sich Israel bewähren?
Von Israel sollen positive und inspirierende Impulse in die jüdische Welt hinausgehen, gerade auf religiösem Gebiet. Solche Impulse braucht die Diaspora, weil für sie das religiöse Selbstverständnis für die Aufrechterhaltung jüdischer Identität besonders wichtig ist. „Judentum in der Diaspora, wo es sich heute noch bewusst entwickeln will“, so schreibt Ben Chorin, „wird immer auf der religiösen Ebene sich entfalten müssen.“ (S. 58) Doch genau an diesem Punkt versagen bis auf einzelne Ausnahmen die Juden im Staat Israel. Er erblickt viel Nationalismus und Säkularismus. Die Religion ist vielfach nur das Sahnehäubchen, sozusagen ein Element nationaler Folklore, steht aber selbst nicht im Zentrum. Und dort, wo die Religion im Zentrum steht, in der Orthodoxie, dort herrscht ein großes Maß an Erstarrung. Wirkliche Antworten auf die Fragen der Zeit sucht man vergeblich (S. 58).

Aber was wäre denn wünschenswert? Welches Judentum braucht Israel? Braucht es eine Religion, die die religiösen Bedürfnisse des Individuums in den Vordergrund rückt? Ein naheliegender Gedanke, und dennoch ist religiöse Individualität allein keine adäquate jüdische Lösung. Denn anders als beim Christentum ist beim Judentum die Religion von vornherein auf das Kollektiv bezogen. Das Judentum ist national gebunden. Das Königtum Gottes zielt auf das Volk Israel und sein Land. Im Prinzip ist dies natürlich das Selbstverständnis und das Grundanliegen des orthodoxen Judentums, dennoch wird es nach Ben Chorin dieser großen Aufgabe nicht gerecht. „Der berühmte ‚Zaun um das Gesetz‘“, so schreibt er, „den nach einem Väterworte (Aboth I,1) die Pharisäer zu ziehen beginnen, wurde längst eine Mauer gegen Gott, die gerade jenes Numinose verhüllt, das dem Gesetz erst seine Schwerkraft gibt.“ (S. 66) Ben Chorin wünscht sich ein religiöses Judentum, das sein Zentrum in der Biblischen Emuna hat, im lebendigen Vertrauen des Menschen zu Gott. Die Tradition in Gestalt von Mischna und Talmud ist dabei durchaus von Bedeutung, aber sie muss sich auch der Fragen des modernen Menschen annehmen und sich bemühen zeitgemäße und tragfähige Antworten zu finden. Es geht also letztlich darum, den halachischen, den religionsgesetzlichen Prozess in die Gegenwart hinein fortzuführen. Das gilt für das persönliche Leben. So schreibt er beispielsweise bezogen auf den Sabbat: „Wir aber, die wir den Ruf vernehmen, den Sabbath zu heiligen, werden neue Wege suchen müssen, um ihn in unser Leben einzuheiligen. Nicht als ein Fremdes, das gegen das Leben steht, sondern als ein Nahes, das unser Leben erhöht, zu Gott hin erhöht – dabei werden viele der abschnürenden Vorschriften einer überalterten Tradition fallen – um den Weg zum lebendigen Sabbath Gottes und des Menschen freizulegen.“ (S. 87) Und all das gilt auch für das staatliche Leben, wo er in Anlehnung an Jesajahu Leibowitz der Überzeugung ist, dass eine dem modernen Staat Israel adäquate Halacha erst noch entwickelt werden muss. Welche Rolle hat in diesem Rahmen der Staat? Er soll diesen Prozess unterstützen, soll den Rahmen für eine frei in der Gesellschaft entstandene neue Religiosität schaffen, aber er selbst kann und soll diese Religiosität nicht produzieren. Er schreibt: „Die Gesellschaft muss von sich aus, ohne staatlichen Zwang, den heiligen Weg beschreiten, den Weg der Umkehr.“ (S. 69)

Ben Chorin hat eine große Vision von Israel. Israel soll, sowie es dem Gottesknecht in Jes 49,6 aufgetragen ist, ein Licht für die Völker sein. Es soll in seinem Lande eine „bessere und gerechtere Gesellschaft“ aufbauen. Ein Dreifaches ist es, das es der Welt zu sagen hat: „der Monotheismus, die Ethik der Propheten und der Messianismus Israels.“ (S. 93) Erlauben Sie mir ein paar Sätze, um diese Stichpunkte zumindest kurz zu erläutern:

Stichpunkt Monotheismus: Der Monotheismus, den Israel in der Welt bezeugen soll, ist kein abstrakter Monotheismus, sondern hat seine Basis im Bekenntnis zum lebendigen und persönlichen Gott der Bibel, zu dem Gott, der uns anredet, der Du zu uns sagt und auf unsere vertrauensvolle Antwort wartet.

Prophetische Ethik: Diese Ethik ist universal ausgerichtet und muss – anders als die Ethik der Bergpredigt – realistisch sein. Denn das Judentum weiß um die Unerlöstheit der Welt und kann deshalb auch im ethischen Bereich keine Forderungen anerkennen, die dem Menschen Unmögliches abverlangen.

Damit sind wir beim letzten Stichwort: Messianismus! Juden arbeiten auf das Reich hin, sind auf die letzte Vollendung ausgerichtet, aber sie können – wiederum im Unterschied zu den Christen – nicht an eine teilweise Erlösung glauben. „Judentum und Christentum leben in dieser Erwartung des Reiches, nach der Vernichtung der widergöttlichen Mächte, aber das Judentum kennt keine Vorwegnahme solchen Reiches in der Innerlichkeit der Seele des ‚Geretteten‘.“ (S. 100) Deshalb können Juden auch nicht daran glauben, dass Jesus der Messias ist. Die vollkommene Erlösung ist noch nicht gekommen. Das Judentum ist auf die Vollendung der Geschichte hin ausgerichtet: „Das Ziel einer Geschichtsreligion muss ein geschichtliches sein. Nicht die Erlösung der einzelnen Seele in einem paradiesischen Jenseits kann hier als Ziel erkannt werden, sondern die Verschlingung der Geschichte in die Heilsgeschichte, der Durchbruch des Lichtes durch alle Finsternisse, der Triumph des Guten über die Mächte des Bösen, die Beseitigung aller trennenden Irrtümer zwischen dem Menschen und der Wahrheit, die gnadenhaft-siegreiche Überwindung von Krieg, Krankheit, Leid, Unrecht und Tod durch den Frieden, …“

Die Erwählung Israels aus christlicher Perspektive

So viel in aller Kürze zur „Antwort des Jona“. Lassen Sie mich nun mein Versprechen einlösen und fragen, inwieweit diese Schrift uns zur Klärung helfen kann, wenn wir als Christen heute verstehen wollen, was es mit der Erwählung Israels auf sich hat.

Die Basis all seines Nachdenkens über die Erwählung Israels besteht für Schalom Ben Chorin in der heilsgeschichtlichen Tatsache, dass Gott einen Bund mit Israel geschlossen hat und dass dieser Bund immer noch gültig ist. Auch wenn Israel oder ein Teil Israels diesen Bund ablehnt, bleibt der Bund bestehen, denn der Grund der Erwählung liegt in Gott, in seiner Liebe und Treue, in seiner Verheißung und nicht im menschlichen Gehorsam oder Ungehorsam. Das heißt freilich nicht, dass Israel sich auf der Zusage des Bundes ausruhen darf. „Die Erwählung“, so schreibt er an anderer Stelle („Die Erwählung Israels“, S. 80), „bezieht sich auf das Volk Gottes, nicht aber auf den Einzelnen.“ Der einzelne Jude ist deshalb dazu aufgefordert, sich immer wieder neu mit dieser Erwählung zu identifizieren. Er soll auf die Zusage und Verheißung Gottes existentiell antworten, mit seiner ganz persönlichen Liebe und Hingabe, sonst geht er in die Irre, obwohl er unter der göttlichen Verheißung steht. Das bedeutet aber eben auch, dass in jeder Generation in Anknüpfung und im Gespräch mit der Bibel und der jüdischen Tradition gefragt werden muss, welche konkrete Gestalt diese Erwählung heute finden muss. Schalom Ben Chorin selbst begegnet mir als ein Mensch, der dieses Ringen um die Bestimmung Israels schon fast exemplarisch verkörpert. Im Strom der Tradition stehend, immer mit der Frage im Herzen, worin der eigentliche Kern zu sehen ist, denkt er über die konkreten geschichtlichen Herausforderungen des 20. Jahrhunderts nach, über die Schoa und den neu erstandenen Staat Israel, über die Spannung von Diaspora und Zionismus, von Partikularität und Universalität. Auf diese Weise versucht er Antworten auf die drängenden Fragen der Gegenwart zu finden. Die Erwählung Israels ist klar in ein bestimmtes Koordinatensystem eingezeichnet, wo Gott, das Volk, die Tora und das Land eine entscheidende Rolle spielen, und dennoch müssen im Wechsel der Zeiten immer wieder neue Antworten gefunden werden.

Wenn wir uns als Christen heute zur bleibenden Erwählung Israels bekennen, dann ist es meiner Meinung nach ganz wichtig, dass wir dieses Prozesshafte im Auge behalten und nicht einen statischen Begriff von Erwählung vertreten, der darauf hinausläuft, eine oder bestimmte jüdische Ansichten zu verabsolutieren. Es ist nicht an uns, Israel zu definieren, dem jüdischen Volk vorzuschreiben, wie es sich zu verstehen hat. Wir sollen Israel nicht auf den Begriff bringen, auch nicht auf den theologischen. Israel muss seinen eigenen Weg finden. Indem wir an seine Erwählung glauben vollziehen wir vor allem eines: Wir beugen wir uns vor dem Geheimnis, dass Gott selbst mit seinem Volk Israel unterwegs ist und dafür sorgen wird, dass Israel in und trotz aller geschichtlichen Wirren und manchmal auch Katastrophen zum Ziel seiner Erwählung finden wird.

Warum betone ich das? Ich betone es, weil wir als Christen immer in der Gefahr stehen, uns ein bestimmtes Bild vom Judentum zu machen, und das ist gefährlich, selbst wenn dieses Bild ein sehr positives ist. Philosemitismus und Antisemitismus liegen oft nahe beieinander. Denn wenn man das jüdische Volk idealisiert und dann der Wirklichkeit begegnet, die eben immer beides hat, Licht und Schatten, dann kann es schnell zum Umschwung kommen, dann ist man enttäuscht, weil Juden sich so wenig erwählt verhalten, und manchmal kippt dann das Ganze in sein Gegenteil um. Deshalb finde ich den Ansatz Ben Chorins so hilfreich. Er spricht deutlich von dem Geheimnis Israels, von seiner Erwählung, aber er macht auch deutlich, wie nötigt und wie schwierig es ist, diesem Geheimnis zu entsprechen. Er verschweigt die Schwierigkeiten und Kontroversen nicht. Er hat ein Ideal, aber er zeichnet von Israel kein Idealbild. Er ist realistisch. Wenn wir als Christen den Weg des jüdischen Volkes solidarisch, freundschaftlich und wo nötig auch kritisch begleiten wollen, dann brauchen wir genau dies: den Glauben an die Erwählung, aber auch den nötigen Realismus und die nötige Geduld. Im Grunde genommen ist das ja nicht anders als bei uns auch: Wir leben als Christen aufgrund der göttlichen Verheißung und Zusage und wir wissen, wie schwierig es ist, unserer Berufung wirklich zu entsprechen.

Volk und Land

Wenn ich nun über die inhaltlichen Konturen nachdenke, mit denen Ben Chorin die jüdische Erwählung zu begreifen versucht, dann möchte ich hier nur einen Punkt herausgreifen, einen Punkt, den ich als besonders wichtig empfinde:

Schalom Ben Chorin war ein glühender religiöser Zionist. Gott, Volk und Land gehörten für ihn zusammen. Das Land war für ihn ein integraler Bestandteil des Bundes und infolgedessen sah er in der Staatswerdung Israels auch ein göttliches Geschenk. Dieses Geschenk stellt aber gleichzeitig auch eine enorme Herausforderung dar. Können wir Schalom Ben Chorin darin folgen? Ist es für uns nachvollziehbar, dass die einzigartige Beziehung des jüdischen Volkes zum verheißenen Land ein unveräußerlicher Bestandteil des Bundes ist. Friedrich Wilhelm Marquardt hat einmal formuliert: „Die biblische Landtheologie können wir nicht – wenn wir Lessings berühmter Unterscheidung folgen wollen – als ‚zufällige Geschichtswahrheit’ behandeln, die als solche veralten kann und uns nicht unbedingt angehen muss. Zu sehr ist sie mit dem ungekündigten Bund zwischen Gott und dem Volk Israel verbunden und ließe sich nur um den Preis theologisch abschieben, dass auch jener Bund für antiquiert erklärt würde.“ Ich denke, Marquardt hat recht, muss aber gleich hinzufügen: Ein solches Bekenntnis hat für mich nicht zwangsläufig zur Folge, dass wir den Staat Israel theologisch legitimieren. Staat und Land sind nicht einfach dasselbe. Dieses Bekenntnis darf auch keine Ideologie sein, die in die Nähe der Siedlerbewegung führt. Eines ist damit allerdings sehr wohl gesagt: Zwischen dem Volk Gottes und dem Lande Israel gibt es eine von Gott gestiftete Beziehung, und es muss immer wieder neu herausgefunden werden, wie diese Verbindung heute so gelebt und gestaltet werden kann, dass sie der Partikularität Israels, seiner besonderen Erwählung, und seiner Universalität, seiner Bestimmung, ein Licht der Völker zu sein, gerecht wird. Im Klartext heißt dies für mich: Es muss eine Lösung gefunden werden, die jüdischem Selbstverständnis entgegenkommt und gleichzeitig die Lebensrechte der Palästinenser ernst nimmt. Es geht also nicht darum biblische Vorstellungen von der Größe des Heiligen Landes in fundamentalistischer Weise absolut zu setzen, sondern am Land als notwendigen religiös-kulturellen Bezugspunkt für das Judentum festzuhalten, wie klein oder groß dieses Land dann auch immer ist. Ich weiß, dass dies alles noch sehr unbestimmt und vage klingt und vielleicht auch klingen muss. Aber darin, über das Verhältnis von erwähltem Volk und Land theologisch und differenziert nachzudenken, sehe ich angesichts des israelisch-palästinensischen Konflikts eine Hauptaufgabe des christlich-jüdischen Dialogs der Gegenwart, und ich bin davon überzeugt, dass dieses Nachdenken ganz im Sinne Schalom Ben Chorins gewesen wäre.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, vielleicht ist es mir ein wenig gelungen deutlich zu machen, dass die Auseinandersetzung mit Schalom Ben Chorin lohnt und uns in vielerlei Hinsicht inspirieren kann, und das nicht nur dort, wo es sich um seine Hauptbeiträge zum christlich-jüdischen Dialog handelt.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Dr. Peter Hirschberg

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