Gebet – einsames Rufen oder lebendiges Resonanzgeschehen?
Was ist Gebet? Das einsame Rufen von Menschen, vielleicht von Gott gehört, aber ohne wirkliche Antwort? Oder ein echter und lebendiger Dialog, ein resonantes Geschehen, wo mir mehr als nur das Echo meiner eigenen Stimme entgegenhallt?
Der Deismus, eine in der Aufklärungszeit entstandene Weltanschauung, hat diese Frage klar im ersteren Sinn entschieden. Er geht davon aus, dass der Schöpfer die Welt so geschaffen hat, dass sie aufgrund der Naturgesetze autonom funktioniert. Der Mensch hat mit seinem Verstand und seinem Gewissen alles, was er braucht, um sein Leben verantwortlich zu gestalten. Ein unablässiges göttliches Wirken oder gar Eingreifen Gottes ist bei diesem Konzept nicht vorgesehen. Ganz anders ist die biblische Sicht, die in unterschiedlichen Bildern und Metaphern zum Ausdruck kommt, aber letztlich immer auf eines hinausläuft: Gott ist nicht durch eine Käseglocke von der Welt geschieden, sondern mitten in der Welt gegenwärtig. Ohne sein ständiges Wirken, ohne die göttliche Energiezufuhr würde der Kosmos wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen. Vor allem aber: Gott ist ein liebendes Du, das uns in Jesus freundlich ansieht. Gott kann und will auf unsere Gebete antworten. „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan (Mt 7,7). Natürlich: Gott antwortet nicht immer so, wie wir es wünschen, er ist kein Gebetsautomat, aber immer so, dass es letztlich zum Guten dient. Gott kann auch schweigen. Aber selbst sein Schweigen hat man – zumindest im Nachhinein – oft als „beredtes“ Schweigen verstanden, also als ein Schweigen, das Sinn macht, in dem eine Botschaft steckt. Dieser biblische Glaube an einen lebendigen und persönlichen Gott, an einen Gott, der uns ursprünglich liebt und uns in einem dialogischen Beziehungsgeschehen zur Fülle des Lebens führen will, ist die Basis biblischer Gebetsspiritualität.
Wenn das so ist, wenn Gott zu uns reden und auf unsere Gebete reagieren will, warum haben dann viele Menschen so selten das Gefühl, seine Stimme zu hören? Eine wichtige Antwort darauf heißt: Das ist nicht zuletzt deshalb so, weil wir es verlernt haben, auf einer tieferen Ebene zu hören, zu sehen und wahrzunehmen. Es ist einfach zu laut, um uns herum, aber auch in uns, und deshalb kann Gott reden wie er will, wir hören ihn einfach nicht. Deshalb ermutigen uns die großen spirituellen Lehrer immer wieder, sich zurückziehen, den Lärm auszublenden, die Abgeschiedenheit (Meister Eckhart) zu suchen. Wie schwierig das freilich ist, weiß jeder, der schon einmal versucht hat zu meditieren oder auf andere Weise zur Ruhe zu kommen. Schnell wird uns dann bewusst, dass es in der Stille oft überhaupt nicht still ist, weil dann nämlich unsere inneren Unruhegeister erst so richtig wach werden. Wer dann meint, dem entschieden Widerstand leisten zu müssen, der wird erleben, dass es so nur noch schlimmer wird, denn dadurch, dass ich mich gegen etwas entschieden wehre, gebe ich diesem Etwas erst recht Macht über mich. Deshalb lautet der Rat vieler spirituell erfahrener Menschen: Nicht kämpfen, sich nicht verkrampfen, die Gedanken kommen und gehen lassen, sie wahrnehmen – ah ja, das kommt jetzt gerade hoch –, und weiterziehen lassen. Die Sorgen und Ängste Gott anvertrauen, immer wieder neu zu einem Punkt der Sammlung zurückkommen: dem Atem, einem Gebetswort, der göttlichen Gegenwart in mir. Aus der Überlassenheit an Gott kann innere Gelassenheit entstehen. Luther hat unser Innenleben einmal mit einem aufgewühlten Wasser verglichen. Erst wenn es ruhig und still wird, kann sich die Sonne in ihm spiegeln. „Darum, willst du erleuchtet werden durch das Evangelium, so gehe hin, wo du stille sein und das Bild tief fassen kannst. Da wirst du finden Wunder über Wunder.“
Stille Zeiten, Meditationszeiten, Zeiten der Sammlung können uns helfen, unsere Resonanzbereitschaft gegenüber Gott zu stärken, den inneren Empfänger wieder anzustellen. Wichtig ist, dass wir nicht meinen, Gott durch unsere geistlichen Übungen herbeizwingen zu können. Wir können das nicht und wir müssen es auch nicht, denn Gott will sich uns ja von ganzem Herzen schenken. Aber er will eben auch eingeladen sein. Er respektiert unsere Würde und Freiheit.
Ja, Gott kann in solchen stillen Zeiten zu uns sprechen, durch innere Berührungen und Impulse, aber noch viel entscheidender ist unser konkret gelebtes Leben als Ort der Gottesbegegnung, und vielleicht haben die stillen Zeiten vor allem den Sinn, dieses Leben so in den Dialog mit Gott einzubeziehen, dass wir unseren Alltag immer besser und immer tiefer als Manifestation Gottes verstehen können, als ein Kleid, das er sich angezogen hat, um uns dadurch zu begegnen, und zwar auf seine Weise. Ein Beispiel: Ich bitte Gott am Morgen um das Gelingen eines schwierigen Gesprächs. Möglichkeit Nr. 1: Es gelingt, ich gehe fröhlich und beschwingt daraus hervor. Kein Fettnäpfchen erwischt. Wunderbar! Möglichkeit Nr. 2: Es geht absolut daneben, ich bin noch lange frustriert. Hat Gott also nun einmal mein Gebet erhört und einmal nicht? So mag es erscheinen. Es kann jedoch noch einmal ganz anders sein. Vielleicht ist Möglichkeit Nr. 2 eine noch viel tiefere Antwort auf mein Gebet, weil mir Gott nach einiger Zeit bewusst macht, dass das „Misslingen“ des Gesprächs zu wesentlichen Teilen auch an mir lag, sodass ich ein falsches Muster in meinem Leben erkenne und – wiederum im Dialog mit Gott und der Bitte um seinen Beistand – beginnen kann, daran zu arbeiten. Möglichkeit Nr. 3 besteht darin, dass Gott antwortet, indem er mir eine Antwort verweigert, sodass ich lernen muss, manches einfach auch ungeklärt stehen zu lassen und weiterzugehen. Das gilt auch für Beziehungen. Im Dialog mit Gott zu sein bedeutet nicht, immer auf alles eine Antwort zu bekommen. Wir dürfen vertrauen, dass in Gott alles einen Sinn hat, aber es wäre vermessen zu meinen, dass es uns schon auf dieser Welt gegeben ist, diesen Sinn umfassend zu erkennen.
Zugegeben, von außen betrachtet kann hier jeder und jede sagen: Du machst dir etwas vor, du legst dir die Dinge so zurecht, dass sie in dein Konzept eines dialogischen Gottes passen. Ein Einwand, den ich theoretisch nicht entkräften kann. Ich kann nur sagen: Ich erfahre es anders, ich erfahre das Gebet als ein lebendiges Geschehen zwischen Gott und mir, als ein Hin und Her, an dem ich reife und wachse und Gott mir näherkommt, manchmal auch als der „fern-nahe“ (Marguerite Porète), denn zu einer echten Liebesbeziehung gehört auch die Akzeptanz der Grenze, des Nicht-verstehens des Anderen.
Schließen möchte ich mit einer Empfehlung von Ignatius von Loyola (17. Jh.). Er rät, am Ende des Tages einen Tagesrückblick zu halten. Ich führe mir noch einmal vor Augen, was alles gewesen ist, überlege in einem zweiten Akt, wo mir Tröstendes und Ermutigendes begegnet ist oder auch Schwieriges, das der Heilung bedarf, und bespreche all dies mit Gott. Ich erlebe diese Übung als eine wunderbare Vergewisserung der Gegenwart Gottes in meinem Leben. Oft bitte ich Gott am Morgen um seinen Segen, lege dies und jenes in seine Hände. Dann erfahre ich tatsächlich viel Segen und Resonanz, und habe im nächsten Augenblick schon wieder vergessen, dass ich Gott darum gebeten habe. Das ist schade, nicht weil Gott meine Dankbarkeit braucht, sondern weil es meinen Glauben stärken würde, wenn ich seine Antwort auf meine Gebete auch wirklich wahrnehmen würde. Der Tagesrückblick hilft mir zu diesem Staunen. Er ist ein gutes Heilmittel gegen meinen Unglauben. Er zeigt mir, dass es da wirklich viel Resonanz gibt, dass Gott lebendig wirkt und es kein größeres Abenteuer gibt, als mit ihm im Gespräch zu sein.
Dr. Peter Hirschberg
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