Etty Hillesum beschäftigt mich seit einigen Jahren. Ich begann, mich für sie zu interessieren, weil sie manchen als moderne „Mystikerin“ gilt und mich die Mystik interessiert. Bis dahin hatte ich nicht einmal ihren Namen gekannt. So habe ich mir ein Buch besorgt, das zentrale Texte ihrer Tagebücher vereint: „Das denkende Herz der Baracke. Die Tagebücher von Etty Hillesum 1941-1943, Freiburg 2022.“ Es war schnell gelesen und hat einen tiefen Eindruck hinterlassen, sodass ich mir schließlich die Gesamtausgabe ihrer Tagebücher zu Gemüte führte: „Etty Hillesum, Ich will die Chronistin dieser Zeit werden. Sämtliche Tagebücher und Briefe, München 2023.“ Diese Lektüre, immerhin über 800 Seiten, hat mein Verständnis ihrer Person entscheidend erweitert und vertieft. Ich habe gemerkt, dass man ihre Entwicklung erst richtig nachvollziehen kann, wenn man sich nicht nur auf einige Kerntexte beschränkt, sondern ihre Tagebucheinträge in Gänze auf sich wirken lässt. Für einen ersten Einstieg ist eine kürzere Zusammenfassung aber durchaus zu empfehlen. Und was die Gesamtausgabe angeht: Man braucht am Anfang schon ein wenig Geduld, aber die Zeit, wo man das Buch nicht mehr aus der Hand legen will, kommt schneller als man denkt. Es ist einfach ergreifend, wie sie mit sich und dem Leben ringt, auf der Suche nach ihrer inneren Mitte und einem Leben, das aus der inneren Quelle nach außen strömt.
Wer war Etty Hillesum? Sie war eine niederländische Jüdin (1914-1943), die im Oktober 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde, als sie noch keine 30 Jahre alt war. Ihre Tagebücher werden zur Holocaustliteratur gezählt. Das Erstaunliche ist freilich, dass ihre Einträge selbst dort noch lebensfroh und zuversichtlich anmuten, wo ihr zunehmend klar wurde, dass ihr Leben in eine andere Richtung geht, als sie es sich ursprünglich gewünscht und erträumt hatte. Also Holocaustliteratur? Auf jeden Fall! Und doch ganz anders, als man es erwarten würde. Nicht düster und unheilschwanger, sondern gespeist aus einem tiefen Glauben an das Leben, an Gott und die Menschen, sozusagen ein Glaube „trotz allem“. Damit erinnert sie mich ein wenig an Viktor Frankls Zeugnisse von seinem Aufenthalt im Konzentrationslager, die den Titel tragen: „Trotzdem Ja zum Leben sagen“. Vielleicht liegt gerade darin auch die Faszination ihrer Person und ihrer Botschaft in unserer apokalyptisch anmutenden Zeiten, wo wir ja immer wieder fragen, wie wir noch hoffen und zuversichtlich bleiben können – trotz allem, was uns herunterziehen will und sich kaum noch beschönigen lässt.
Was mich an ihr begeistert, ist vielschichtig und facettenreich, aber ohne ihre wache und hellsichtige Art, mit der sie sich bis in die kleinsten Verästelungen ihres seelischen Lebens hinein wahrnimmt und beobachtet, würden all diese Facetten nicht zum Vorschein kommen. Sie nimmt sensibel ihre innersten Regungen wahr, und ist gleichzeitig ganz offen für die Menschen in ihrer Umgebung, die Blumen auf ihrem Schreibtisch und den ganz normalen Alltag. Auch das, was sich politisch und gesellschaftlich im von den Nazis besetzten Holland zusammenbraut und für Juden immer verheerendere Formen annimmt, rückt zunehmend in den Fokus ihrer Aufmerksamkeit. Man wundert sich zwar ein wenig, dass die Besatzung durch die Nazis anfangs kaum vorkommt, gefühlt eher als Randglosse, aber vielleicht brauchte sie einfach Zeit, bis sie ihre inneren Probleme so weit gelöst hatte, dass sie sich disem Wahnsinn auch existentiell stellen konnte. Resonanzbereitschaft, um das große Wort von Hartmut Rosa aufzunehmen, ist ein wichtiger Teil ihres Wesens, den sie immer weiter vertieft und entwickelt. Sie nimmt sich selbst wahr, ist in diesem Sinn „introvertiert“, so wie C.G. Jung es verstanden wissen wollte, also im positiven Sinn, auf das eigene Selbst bezogen, aber in keiner Weise weltfremd. Sie lebt ihr Leben in vollen Zügen, in seinen Höhen, seiner Sinnlichkeit und Schönheit, seiner Alltäglichkeit, aber auch in seinen Abgründen. Sie sagt allem bequemen Dahinleben ab, das sie früher auch manchmal bestimmte, überwindet jede Schlaftrunkenheit und wird hellwach. Sie ist der Überzeugung, dass sie nur weiterkommt, wenn sie alles wahrnimmt, verarbeitet und integriert. Dazu dient ihr letztlich auch das Tagebuchschreiben, und wenn man ihre Aufzeichnungen heute liest, dann bekommt man den Eindruck, Zeuge eines zutiefst therapeutischen Prozesses zu werden. Man darf einen Menschen auf dem Weg seiner Individuation beobachten, und wird dadurch selbst inspiriert und motiviert, den eigenen Weg zu suchen.
Der Mensch, der den stärksten Einfluss auf ihr Leben hatte, war zweifelsohne Julius Spier (1887 – 1942). Ein deutscher Jude, der zuvor in Berlin als Chirologe (Handleser) und Therapeut tätig war, dann nach Amsterdam emigrierte und dort seine Tätigkeit fortsetzte. Das mag erst einmal ein wenig esoterisch und absonderlich klingen, aber man muss wissen, dass Spier das Handlesen nicht als Wahrsagerei verstand, sondern als eine Technik, die helfen kann, Wesenszüge und Potentiale eines Menschen zu entdecken. Was er ausübte, war so etwas wie Psychochirologie. Handlesen, Therapie und Lebensberatung in einem. Was Etty Hillesum vor allem an ihm beeindruckte, war jedoch nicht die Chirologie, sondern seine tiefe und warme Persönlichkeit, die ungeteilte Zuwendung und Hingabe, in der er Menschen begegnete, selbst wenn es sich nur um ein kurzes und zufälliges Zusammentreffen mit „irgendjemand“ im Alltag handelte. Dieser Zug schlug sich auch in seiner Therapietätigkeit nieder, wo er einen Weg zwischen notwendiger professioneller Distanz und menschlicher Nähe und Zugewandtheit suchte. Spier, der ursprünglich Opernsänger werden wollte, und nachdem dies aus gesundheitlichen Gründen gescheitert war lange in der Wirtschaft arbeitete, hat sich schließlich ganz der Psychologie zugewandt. Er hat eine zweijährige Lehranalyse bei C.G. Jung gemacht, der sich sehr offen für seine chirologische Begabung zeigte und ihm Mut machte, auf diesem Weg weiterzugehen. Kurz: Spier war als Psychologe durchaus ernst zu nehmen, obwohl die Chirologie verpönt und sein therapeutischer Ansatz ungewöhnlich und gewöhnungsbedürftig war, was nicht heißt, dass man manches, z.B. die regelmäßigen Ringkämpfe (!) mit seinen Klientinnen und die insgesamt manchmal zu gewagten Vermischungen von Therapie und Persönlich-Erotischem, auch mit einem großen Fragezeichen versehen muss.
Als Etty Hillesum Julius Spier kennenlernte, war er bereits seit ein paar Jahren geschieden. Er hatte eine feste Beziehung zu einer jungen Frau, die nach England emigriert war und mit der er in regem Briefverkehr stand. Seine Wohnung in Amsterdam war eine Mischung von Praxis und Lehrsaal. Er hielt dort Vorträge und Seminare, ab und zu gab er auch Konzerte, wo er selbst sang. Sein Klientel bestand zum größten Teil aus Frauen, die ihn oft heiß und innig verehrten, manchmal auch mehr, und man kann nicht sagen, dass er gegenüber solchen Avancen unempfänglich war. Die Art und Weise, wie er mit erotischer Anziehung in seinen Therapien umging, würde man ihm heute jedenfalls kaum durchgehen lassen. Wie auch immer: Etty war sofort Feuer und Flamme für ihn. Sie wurde zu einer seiner Klientinnen und schnell auch zu seiner Liebhaberin, Assistentin und Mitarbeiterin. Sie war vermutlich die Frau im Spier-Club, der Julius am nächsten stand. Durch ihn kam in Etty etwas in Gang, was man in Jungscher Terminologie als Individuationsschub bezeichnen könnte. Sie begann mit ihrem Tagebuch und vollzog in atemberaubend kurzer Zeit Entwicklungen, die bei anderen oft Jahre dauern. Julius Spier war für sie eine Art Medium, ein Mensch, der ihr nicht nur theroretisch, sondern durch sein Ganzes Sein vermittelte, worauf es im Leben ankommt. Sie macht keinen Hehl daraus, dass sie Julius Spier auch als Liebhaber wollte. Sie kommen sich erotisch sehr nahe, und dennoch ist da immer auch eine unsichtbare Grenze, von der beide wissen, dass sie um der Beziehung willen, die sie sich eigentlich wünschen, nicht überschritten werden darf. Etty wird immer mehr klar, dass das Körperliche nicht das erste und wichtigste in ihrem Leben sein soll, sondern das Menschliche, das Geistige, das Seelische. In dem folgenden Ausschnitt (Tagebucheintrag vom 1. April 1942, Etty Hillesum, München 2023, S. 403) bringt sie dies auf den Punkt:
„Und dann erzählte ich (Julius Spier, A.d.V.), wie ich vor einigen Tagen morgens mit diesem Satz im Kopf aufgewacht bin: „Es findet eine langsame Akzentverschiebung vom Körperlichen zum Geistigen statt“ – und dass sich dies auf die Freundschaft mit ihm bezog. Und dies ist auch zu einem Leitmotiv geworden, an dem ich festhalte: Ich möchte mit ihm zusammen sein, wenn der Körper Ausdruck der Seele ist, und nicht nur um des Körpers willen. Und darum war ich an diesem Samstagabend, an diesem Abend der ‚Haute Sauterne‘, so froh, dass ich nicht mit ihm allein war. Er hätte sich auf mich gestürzt, so wie er sich an diesem Abend auf jede Frau gestürzt hätte, alle Sinne waren durch den Wein ‚entfesselt‘. Und so möchte ihn nicht mehr. Früher schon. Die Sinnlichkeit regte damals meine Fantasie an, und ich wollte ihn schon nur als Liebhaber. Jetzt nicht mehr. Ich weiß, wie schnell die Grenzen der körperlichen Möglichkeiten erreicht sind. Ich will seinen Körper nur, wenn wir dadurch etwas von unserer Freundschaft ausdrücken können. Sonst will ich ihn nicht. Das verbleibende körperliche Verlangen kann ich schon kontrollieren. Dadurch, dass ich schon so viele Jahre lang so intensiv körperlich gelebt habe, ist bereits große Ruhe in mich eingekehrt und ich muss nicht mehr – koste es, was es wolle – nur den Körper befriedigen – und ich bin sehr dankbar dafür, dass es so weit gekommen ist. Ich will ihn schon, aber dann muss zwischen Körper und Seele eine Harmonie bestehen, darauf arbeite ich hartnäckig hin, und ich werde mit Geduld, Umsicht und Selbstbeherrschung diejenigen Berührungen zu vermeiden versuchen, die nicht so vollkommen und so harmonisch sein werden, wie ich das möchte.“
Dieser Zeilen beschreiben die Ambivalenz, die es in ihrem Verhältnis zu Julius Spier gab, was aber nichts daran ändert, dass sie die Freundschaft mit ihm als etwas empfand, das im Laufe der Zeit immer tiefer wurde, ein ständiges aneinander Wachsen und Reifen. Zwischen beiden gab es eine Art Seelenverwandtschaft. Nur wenige Tage (5. April) nach dem gerade zitierten Tagebucheintrag schreibt sie (S. 417): „Bei jeder neuen Phase unserer Beziehung blicke ich nochmals auf unseren Weg zurück und denke: So tief und stark, wie die Bindung jetzt zwischen uns ist, war sie doch noch nie. Jeder weitere Schritt scheint an Intensität hinzuzugewinnen und die früheren Phasen scheinen zu verblassen in Anbetracht der darauffolgenden, immer vielseitiger und lebensfroher und spannender und inniger wird die Beziehung bei jedem Schritt. … Jegliches Wachstum auf allen Seiten ist bei uns noch möglich. Und das kommt auch dadurch, dass wir beide so vollkommen in Besitz unserer Kräfte sind, dass wir beinahe auf die gleiche Weise unsere Schwerpunkte legen, dass wir beide offen sind, jeden Tag wieder völlig aufs Neue offen sind, füreinander und die ganze Welt. Dadurch, dass wir keine ‚Ansprüche‘ aneinander stellen. Dadurch, dass wir beide so gut die Kunst verstehen, die kleinen alltäglichen Dinge intensiv zu genießen, und dadurch, dass wir beide auf dieselbe Art und Weise an Gott glauben. Dadurch, dass wir ab und zu ineinander verliebt sind und dies als ein besonderes Geschenk akzeptieren, als eine Zugabe, ohne darauf den Schwerpunkt der Beziehung zu legen.“
So sehr sie Julius Spier liebt, wird ihr auch klar, dass sie in ihrem Leben nicht den einen Menschen bzw. Mann will. Ihre Sehnsucht geht dahin, jeden Menschen in einer einzigartigen Weise zu lieben, am Leben Leben vieler Menschen teilzunehmen, sie ins eigene Leben zu integrieren und ihnen an dem teilzugeben, was sie selbst zu geben hat. Es geht ihr um die Liebe, nicht um Besitzansprüche und Erwartungen, und diese Liebe lebt im Hier und Jetzt.
Ich habe bewusst mit ihrer Beziehung zu Julius Spier begonnen, nicht nur, weil er ein entscheidender Auslöser für ihre inneren Heilungsprozesse, ihre Bewusstwerdung, ihre Reifung war, sondern auch deshalb, weil diese Beziehung zeigt, dass sie ein Mensch aus Fleisch und Blut war. mit vielen lichten und auch manchen schwierigen Seiten. Sie war keine „Heilige“, was auch immer das ist, ein Heiliger, und denoch hat sich bei ihr im Durchleben ihrer Konflikte und Ambivalenzen, in wachsender Bewusstheit, etwas herausgeschält, was man als „heilig“ bezeichnen kann.
In den folgenden zwei Blogs soll es um genau das gehebn, um das, was man auch als ihre mystische Seite bezeichnen könnte: eine immer stärkere Selbsterkenntnis und Selbstwerdung, eine immer größere Offenheit für Gott, eine sicvh vertiefende Zuwendung und Hingabe an die Menschen.

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