Etty Hillesum - Teil 2: ihre "mystische" Seite

Das Verhältnis von Aktion und Kontemplation ist ein zentrales Thema in den Tagebüchern von Etty Hillesum, auch wenn sie diese Begriffe nicht gebraucht. Aber die Einsicht, dass man sich immer wieder innerlich sammeln, zu sich selbst und damit zur Ruhe kommen muss, wenn man das Leben in Freiheit und mit Weisheit in Angriff nehmen will, bestimmt ihr Leben und ihre Gewohnheiten in zunehmender Intensität. Es ist die Suche nach einem archimedischen Punkt in sich selbst, der es ermöglicht, sich den unzähligen Herausforderungen des Lebens mutig zu stellen. Die Sehnsucht nach einer solchen inneren Fokussierung ist bei Etty Hillesum vermutlich auch deshalb so stark, weil sie als empfindsamer, offener und lernbegieriger Mensch dazu neigt, sich mit vielem auseinanderzusetzen, Menschen innerlich an sich heranlässt, viel Wissen in sich aufnimmt, aber spürt, dass sie damit an ihren Grenzen kommt und all das nur bewältigen, integrieren und aushalten kann, wenn sie in sich immer wieder neu Ruhe und Stabilität findet.

Am 8. Juni 1941 schreibt sie: „Ich glaube, dass ich es einfach mal tun sollte: morgens vor Beginn der Arbeit eine halbe Stunde ‚mich nach innen wenden‘, horchen, was in mir drin ist. ‚Sich versenken‘. Man kann es auch meditieren nennen. Nur finde ich dieses Wort noch ein wenig gruselig. Aber warum eigentlich nicht? Eine ruhige halbe Stunde mit mir selbst. Es reicht nicht aus, morgens im Badezimmer nur deine Arme und Beine und alle anderen Muskeln zu bewegen. Der Mensch ist Körper und Geist. Und so eine halbe Stunde Gymnastik und eine halbe Stunde ‚Meditation‘ können zusammen ein solides Fundament der Ruhe und Konzentriertheit für den ganzen Tag bilden. Aber es ist nicht so einfach, so eine ‚stille Stunde‘. Das will gelernt sein. Der ganze kleinbürgerliche Kram, alles Überflüssige muss dann weggefegt werden. Letzten Endes ist in einem so kleinen Kopf immer so eine Menge Unruhe für nichts. Erbauliche und befreiende Gefühle und Gedanken gibt es dort zwar auch, aber der überflüssige Kram ist immer dazwischen. Und lass dies dann das Ziel dieses Meditierens sein: dass du innerlich eine einzige, große, weite Ebene wirst, ohne das heimtückische Gestrüpp, das die Sicht behindert. Das also etwas von ‚Gott‘ in dich fährt, so wie in Beethovens Neunter etwas von ‚Gott‘ steckt. Dass auch eine Art ‚Liebe“ entsteht, nicht so eine Luxus-Liebe von einer halben Stunde, in der du herrlich schwelgst, stolz auf deine eigenen erhabenen Gefühle, sondern eine Liebe, mit der du etwas in der kleinen alltäglichen Praxis anfangen kannst.“ (Hillesum, Chronistin, S. 88)

Gerade die Auseinandersetzung mit dem Leid lässt es ihr immer wieder als nötig erscheinen, zu sich selbst zurückzukommen. Sie beschreibt diese innere Spannung geradezu exemplarisch in den folgenden Zeilen (15. Juni 1941): „Gestern habe ich einen Augenblick lang gedacht, dass ich nicht weiterleben könnte, dass ich Hilfe nötig hätte. Ich konnte den Sinn des Lebens und des Leidens nicht mehr sehen. Ich hatte das Gefühl unter einem gewaltigen Gewicht ‚zusammenzubrechen‘, aber auch dadurch habe ich mich durch etwas hindurchgekämpft, sodass ich plötzlich wieder weitermachen konnte, und zwar stärker als früher. Ich habe versucht dem ‚Leiden‘ der Menschheit direkt und ehrlich ins Auge zu schauen, ich habe mich damit auseinandergesetzt, oder besser gesagt: Irgendetwas in mir hat sich damit auseinandergesetzt, auf viele verzweifelte Fragen wurden Antworten gefunden … Ich sage, dass ich mich mit ‚dem Leiden der Menschheit‘ (mir graut noch immer vor diesen großen Worten) auseinandergesetzt habe. Aber das ist es eigentlich nicht. Ich fühle mich eher wie ein kleines Schlachtfeld, auf dem die Probleme oder ein einziges Problem dieser Zeit ausgefochten wird. Das Einzige, was man tun kann, ist, sich selbst demütig zur Verfügung zu stellen und sich selbst zum Schlachtfeld machen zu lassen. Diese Probleme müssen doch eine Unterkunft haben, sie müssen doch einen Ort finden, wo sie kämpfen und zur Ruhe kommen können, und wir armen kleinen Menschen müssen unseren Innenraum für sie öffnen und dürfen nicht davonlaufen. … Aber jetzt bin ich schon wieder ganz ich selbst, Etty Hillesum, eine fleißige Studentin in einem freundlichen Zimmer mit Büchern und einer Vase voll Margeriten. Ich fließe wieder in meinem eigenen schmalen Flussbett und der Kontakt zu der ‚Menschheit‘, der ‚Weltgeschichte‘ und dem ‚Leiden‘ ist wieder abgebrochen. Das muss auch so sein, sonst würde man völlig verrückt. Man darf sich nicht ständig in den großen Fragen verlieren, man kann nicht ständig ein Schlachtfeld sein, man muss jedes Mal auch wieder die eigenen kleinen Grenzen um sich herum spüren, innerhalb derer man dann das eigene kleine Leben gewissenhaft und bewusst weiterlebt, stets wieder gereift und vertieft durch die Erfahrungen, die man in diesen beinahe ‚unpersönlichen‘ Momenten des Kontakts mit der gesammelten Menschheit sammelt.“ (Hillesum, Chronistin 96f)

Die Fokussierung auf ihre innere Mitte hat bei ihr eine stark religiöse Dimension. Der Glaube an Gott, so kommt es mir vor, ist für sie eine unhinterfragte Selbstverständlichkeit. Das zeigt sich u.a. darin, dass das Gespräch mit Gott an vielen Stellen mitschwingt. Gleichzeitig drängt sich der Eindruck auf, dass der Glaube in dem Maße aus ihr herausgeschält wird und Gestalt gewinnt, in dem sie sich selbst näherkommt. Aber vielleicht ist es auch umgekehrt, dass sie sich dadurch näher kommt, dass sie Gott als geheimes Zentrum ihres Lebens entdeckt, als Verbündeten und Freund bei ihrer Suche nach sich selbst. 6. August 1941: „In mir drin ist ein sehr tiefer Brunnen. Und darin Ist Gott. Manchmal ist er für mich erreichbar. Aber öfter liegen Steine und Schutt auf diesem Brunnen, dann ist Gott begraben. Dann muss er wieder ausgegraben werden. / Ich stelle mir vor, dass es Menschen gibt, die beim Beten die Augen gegen den Himmel erheben. Sie suchen Gott außerhalb ihrer selbst. Es gibt auch Menschen, die den Kopf tief senken und in den Händen verbergen, ich denke, dass diese Menschen Gott in sich selbst suchen.“ (Hillesum, Chronistin 132)

Etty Hillesum findet Gott im Inneren. Sie weiß darum, dass er zuerst dort sein Werk tun muss, wenn etwas von ihm heilsam in diese Welt ausstrahlen soll. An einem Samstagabend (20. Juni) schreibt sie über die Erniedrigung, die Juden und Jüdinnen immer stärker erleiden: „Zum Erniedrigen braucht es immer zwei. Einer, der erniedrigt, und einer, den man erniedrigen will, und vor allem: der sich erniedrigen lässt. Wenn letzterer fehlt, dann ist die passive Seite gegen jede Erniedrigung immun, dann lösen sich die Erniedrigungen in Luft auf. Was übrig bleibt, sind nur lästige Verordnungen, die das tägliche Leben beeinflussen, aber keine Erniedrigungen und Unterdrückungen, die die Seele bedrücken.“ (Hillesum, Chronistin 551) Große Worte, die man als naiv empfinden kann. Aber sie ringt darum einen Weg zu finden, wie man dem Gefühl innerer Erniedrigung entgehen kann, sucht eine Gegenkraft. Dazu gehört für sie auch, dem Hass zu widerstehen, dem Hass auf Nazis und Deutsche, sich der Gewaltspirale zu entziehen, sich der Entmenschlichung zu entziehen, indem man nicht spiegelbildlich auf das antwortet, was einem andere antun. Vieles erinnert mich, wenn ich solche Zeilen lese, an Mahatma Gandhi, Martin Luther King oder die neutestamentliche Feindesliebe. Einige Zeilen später fährt sie fort: „Man darf gewiss manchmal traurig und niedergeschlagen sein über das uns Angetane, das ist menschlich und verständlich. Aber trotzdem: Den größten Raubbau an uns betreiben wir selbst. Ich finde das Leben schön und ich fühle mich frei. Der Himmel ist in mir genauso weit ausgespannt wie derjenige über mir. Ich glaube an Gott und ich glaube an die Menschen, und allmählich traue ich mich, dies offen und ohne falsche Scham zu sagen. Das Leben ist schwer, aber das ist nicht schlimm. Man muss beginnen, sich selbst ernst zu nehmen, der Rest ergibt sich dann von selbst. Und ‚an sich selbst arbeiten‘ ist wirklich kein krankhafter Individualismus. Der Frieden kann erst zu einem wirklichen Frieden werden irgendwann später, wenn zuerst jedes Individuum in sich selbst Frieden schließt und den Hass gegen die Mitmenschen, welcher Rasse und welchen Volkes auch immer, in sich ausrottet und in etwas verwandelt, dass kein Hass mehr ist, vielleicht auf lange Sicht sogar Liebe, oder ist das etwa zu viel verlangt? Dennoch ist es die einzige Lösung.“ (Hillesum, Chronistin, 552) Für mich sind das Worte von fast übernatürlicher Kraft. Tiefes Einverständnis, aber auch mit einer gewaltigen Portion Furcht und Zittern, denn vielleicht darf man solche Sätze, so wahr sie sein mögen, nur aussprechen, wenn man sich in einer Situation wie Etty Hillesum befindet und bereit ist, sie auch zu leben. Wer könnte nicht mit denen mitempfinden, die das nicht können …

Ich schließe mit einem von ihr verfassten Gebet. Es ist schwierig, Etty Hillesum konfessionell oder religiös einzuordnen, und vermutlich hätte sie sich auch dagegen gesträubt. Sie ist Jüdin, natürlich, wenn auch nicht auf orthodoxe Weise, sie ist ebenso vom Neuen Testament und christlichem Gedankengut beeinflusst – das Neue Testament hat sie wie Julius Spier zumindest in Teilen gelesen und meditiert –, und darüber hinaus natürlich von vielen anderen, nicht zuletzt von Rilke. Ihr Glaube ist ein persönlicher Glaube, Gott als Du, sonst würde sie nicht immer wieder mit Gott sprechen, aber mit einem stark mystischen Zug. Gott ist für sie ein Zuhause, ein Ort der Geborgenheit, ein Freund ihrer Seele, aber trotz allem nicht verfügbar. Interessant ist bei ihr auch der Gedanke, dass wir Menschen Gott helfen müssen, bei uns Raum zu finden. In der lurianischen Kabbala, manch mystischen Strömungen der Gegenwart (Chabad), aber auch bei modernen jüdischen Denkern wie Hans Jonas, spielt der Gedanke, dass Gott sich bei der Schöpfung zurückgezogen hat (Zimzum), um unsere Freiheit zu ermöglichen, eine große Rolle. Gott will uns nicht zu sich zwingen, sondern locken, und deshalb hängt Entscheidendes am menschlichen Tun, an unserer Verantwortung. In dem folgenden Gebet, sie bezeichnet es selbst als Sonntagmorgengebet, spielt dieser Gedanke eine wichtige Rolle (12. Juli 1942):
„Es sind beängstigende Zeiten, mein Gott. Heute Nacht lag ich zum ersten Mal mit brennenden Augen schlaflos im Dunkeln und viele Bilder menschlichen Leidens zogen an mir vorbei. Ich werde dir eines versprechen, Gott, aber nur eine Kleinigkeit: Ich werde meine Sorgen um die Zukunft nicht wie beschwerende Gewichte an die Gegenwart hängen, aber das erfordert ein gewisses Maß an Übung. Jetzt ist jeder Tag an sich schon schwer genug. Ich werde dir helfen, Gott, dass du nicht in mir zugrunde gehst, aber ich kann im Voraus für nichts garantieren. Aber eines wird mir immer klarer: dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen, und dadurch helfen wir uns selbst. Und das ist das Einzige, was wir in dieser Zeit bewahren können, und auch das Einzige, auf das es ankommt: ein kleines Stück von dir in uns selbst, Gott. Und vielleicht können wir auch mithelfen, dich in den geplagten Herzen anderer zutage zu fördern. Ja, mein Gott, an den Umständen scheinst du nicht viel ändern zu können, sie sind nun einmal auch Teil dieses Lebens. Ich ziehe dich auch nicht zur Rechenschaft, du kannst uns später dafür zur Rechenschaft ziehen. Und mit jedem Herzschlag wird mir klarer, dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen und dass wir die Bleibe in uns, in der du wohnst, bis zum Ende verteidigen müssen. Es gibt Menschen, das ist wirklich wahr, die noch im letzten Moment Staubsauger in Sicherheit bringen und Silbergabeln und Silberlöffel statt dich, mein Gott. Und es gibt Menschen, die ihren Körper in Sicherheit bringen wollen, der aber nur noch ein Gehäuse für tausend Ängste und Verbitterungen ist. Und sie sagen: Mich werden sie nicht in ihre Fänge bekommen. Und sie vergessen, dass niemand in niemandes Fängen ist, wenn man in deinen Armen liegt. Ich werde allmählich schon wieder ruhiger, mein Gott, durch dieses Gespräch mit dir … . (Hillesum, Chronistin, 620f.)

Im nächsten Blog geht es um ihre Liebe zu den Menschen und um die Entscheidung, die ihr letztlich das Leben gekostet hat: sich ganz an die Menschen hinzugeben, die sie jetzt brauchen …

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