Etty Hillesums Leben ist an reich an täglichen Begegnungen, und sie lässt sich aufgrund ihre Liebe zu den Menschen ganz darauf ein. Selbst die Beziehung zu Julius Spier, die für sie so große Bedeutung hatte, sollte kein Egoismus zu zweit werden. Sie bewunderte ihn ja nicht zuletzt deshalb, weil auch er diese allgemeine Menschenliebe in sich trug: „Er sagt, dass die Liebe zu allen Menschen schöner ist als die Liebe zu einem einzigen Menschen. Denn die Liebe zu einem einzigen Menschen ist doch nur die Liebe zu sich selbst.“ (4.08.1941, Hillesum, Chronistin 104) Ein Jahr später, kurz nach seinem Tod aufgrund eines Lungenkarzinoms, sie selbst arbeitete bereits im Lager Westerbork, vergegenwärtigte sie sich genau dies noch einmal: „Alles Schlechte und alles Gute, das in einem Menschen sein kann, war in dir. All die Dämonen, all die Güte, all die Menschenliebe, du, großer Verstehender, Gottsucher und Gottfinder. Überall hast du Gott gesucht, in jedem Menschenherz, das sich dir öffnete – und wie viele sind das gewesen –, und überall findest du ein Stückchen Gott. Du hast nie aufgegeben, bei Kleinigkeiten konntest du so ungeduldig sein, aber in großen Dingen warst du so geduldig, so unendlich geduldig.“ (15.09. 1942, Hillesum, Chronistin 655) Er ist für sie nicht nur Vorbild, sondern Medium: „Die Kräfte, die mir zur Verfügung stehen, hast du in mir freigesetzt. Du hast mich gelehrt, den Namen Gottes unbefangen auszusprechen. Du warst der Vermittler zwischen Gott und mir, und jetzt bist du, mein Vermittler, fortgegangen und jetzt führt mein Weg geradewegs zu Gott; das ist gut so, ich spüre es. Und ich werde selbst die Vermittlerin für all die anderen werden, die ich erreichen kann.“ (Hillesum, Chronistin,653f)
„Ich werde selbst die Vermittlerin für all die anderen werden …“.
Als sie dies schrieb, arbeitete sie bereits seit knapp zwei Monaten im Lager Westerbork. Sie hatte sich dafür entschieden, nachdem sie vorher ein paar Wochen im Jüdischen Rat tätig gewesen war, was sie als Hölle empfand. Die Judenräte waren eine zutiefst unmenschliche Zwangsinstitution, von den Nazis geschaffen, um antijüdische Gesetze und Maßnahmen mit Hilfe von Juden durchzusetzen oder bei der Organisation und Durchführung von Deportationen zu helfen. Es gab zwar begrenzte Möglichkeiten, sich für eine Verbesserung der jüdischen Lebensbedingungen einzusetzen, auch der Inhaftierten, aber aufs Ganze gesehen waren diese dann doch wieder äußerst bescheiden. Was die Deportationen angeht, konnte man manchmal Maßnahmen aufschieben oder Menschen für begrenzte Zeit vor der Deportation bewahren, aber viel mehr war meist nicht möglich. Wer als Jude oder als Jüdin im Rat mitarbeitete, konnte dem über ihm schwebenden Damoklesschwert eine Zeit lang entrinnen, hatte manche Sonderrechte, konnte sich vielleicht sogar damit trösten, dass hier und da Erleichterungen für seine zur Deportation bestimmten Volksgenossen erreichen werden konnten, aber letztlich erwartet ihn oder sie das gleiche Schicksal. Etty, die sich anfangs um die Deportierten kümmerte, gehörte am Ende selbst dazu. Wie gesagt: Etty Hillesum hasste die Arbeit im Jüdischen Rat, konnte viele Einstellungen und Haltungen der dort Angestellten auch nicht nachvollziehen. Gleichzeitig arbeitet sie selbst dort, und es war ihr sehr bewusst, was hier vor sich geht. So schreibt sie: „Es wird natürlich nie wiedergutzumachen sein, dass ein kleiner Teil der Juden mithilft, die übergroße Mehrheit abzutransportieren. Die Geschichte wird später ihr Urteil darüber fällen müssen.“ (Hillesum, Chronistin 648)
Die Entscheidung nach Westerbork zu gehen, um den Menschen dort beizustehen, war für sie von existentieller Bedeutung. Auch wenn ihr dies nur im Auftrag des Jüdischen Rats möglich war, konnte sie auf diese Weise etwas zutiefst Sinnvolles tun: den dort inhaftierten Juden und Jüdinnen, die auf ihre Deportation warteten, nahe zu sein, ihr Leid zu teilen, ihnen mit kleinen Dingen des alltäglichen Lebens zu helfen, und sie zu trösten und zu ermutigen, wo das noch irgendwie ging. Sie kümmerte sich um die, die oft niemand mehr hatten, die psychisch und physisch am Ende waren. Schon früher war es ihr klar geworden: Sie durfte sich nicht davonstehlen, sie musste das Schicksal ihres Volkes teilen.
„Ich will nicht aus einer Art Masochismus unbedingt mitgehen und von meiner Existenzgrundlage der letzten Jahre weggerissen werden, aber ich weiß nicht einmal, ob ich mich gut fühlen würde, wenn ich von demjenigen verschont bliebe, was so viele erleiden müssen. Man sagt mir: ‚Jemand wie du ist dazu verpflichtet, sich in Sicherheit zu bringen, du hast im Leben später noch so viel zu tun, du hast noch so viel zu geben.‘ Alles, was ich zu geben oder nicht zu geben habe, ich werde es geben können, ganz egal, wo ich bin, ob hier im Freundeskreis oder irgendwo anders in einem Konzentrationslager. Es ist eine seltsame Selbstüberschätzung, sich selbst zu wertvoll zu finden, um ein ‚Massenschicksal‘ mit anderen gemeinsam zu erleiden. Und wenn Gott meint, dass mir noch viel zu tun bleibt, nun, dann werde ich das auch noch tun, nachdem ich alles durchgestanden habe, was andere auch durchstehen können. Und ob ich ein wertvoller Mensch bin, wird sich erst zeigen, je nachdem, wie ich mich unter den veränderten Umständen verhalte. Selbst wenn ich es nicht überlebe, das Wie meines Sterbens wird entscheidend sein für die Frage, wer ich bin.“ (Hillesum, Chronistin 619)
Am 19. September 1942, wo sie von zuhause aus auf die ersten beiden Monate in Westerbork zurückblickt, schreibt sie: „Wie groß ist doch die innere Not deiner Geschöpfe auf dieser Erde, mein Gott. Ich danke dir, dass du so viele Menschen mit ihren inneren Nöten zu mir kommen lässt. Sie sitzen ruhig und arglos da und reden mit mir, und plötzlich bricht ihre Not in ihrer ganzen Nacktheit aus ihnen heraus. Und auf einmal sitzt da ein verzweifeltes Häufchen Mensch, das nicht weiß, wie es weitergehen soll. / Und dann beginnen für mich die Schwierigkeiten erst. Es reicht nicht aus, dich nur zu verkündigen, mein Gott, dich zu anderen hinauszutragen, um dich in den Herzen von anderen zutage zu fördern. Man muss den Weg zu dir bahnen in anderen, mein Gott, und dazu muss man ein großer Kenner der menschlichen Seele sein. Ein geschulter Psychologe muss man sein. … Bei jedem, der zu mir kommt, beginne ich eine behutsame Erkundung des Inneren. … Und ich danke dir, dass du mir die Gabe geschenkt hast, in anderen zu lesen und einen Weg in ihnen zu finden. Die Menschen sind für mich manchmal wie Häuser mit offen stehenden Türen. Ich gehe hinein und streife durch die Gänge und Räume, und jedes Haus ist ein wenig anders eingerichtet, und doch sind sie alle gleich, und aus jedem Haus sollte man eine heilige Bleibe für dich machen, mein Gott. …“ (Hillesum, Chronistin 658f)
Etty Hillesum, so verstehe ich sie jedenfalls, wollte nicht „missionieren“. Wenn sie von Gott spricht, dann steht Gott für das Kostbarste und Wertvollste, was ein Mensch in sich trägt. Gott ist der tiefste Garant menschlicher Identität und Würde. Ihn zu entdecken, heißt sich zu entdecken, sich nicht aufzugeben, an das Gute und den Sieg der Liebe zu glauben, zu hoffen, trotz allem.

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