Eins nach dem anderen ... - in der Ruhe liegt die Kraft

Manchmal wache ich auf, und dann ist in meinem unruhigen Kopf eine Liste von all den Dingen, die heute zu erledigen sind. Wenn ich dann in meiner morgendlichen Meditationszeit versuche zur Ruhe zu kommen, dann ist diese To-Do-Liste oft immer noch da und ich ertappe mich dabei, wie ich einzelne Punkte innerlich durchgehe, statt ruhig in der Gegenwart zu sein.

Warum ist das so? Warum fühle ich mich oft wie ein Getriebener, der alles Mögliche zu erledigen hat, ja erledigen muss, damit er mit seinem Leben zufrieden sein kann? Gewiss spielen da die Prägungen durch Erziehung, Gesellschaft und Religion eine Rolle. Immer wieder wurde mir eingehämmert, dass ich nur dann okay bin, wenn ich diese oder jene Erwartungen erfülle. Aber ich habe mir diese Erwartungen natürlich auch zu eigen gemacht, was darauf hindeutet, dass in mir selbst eine starke innere Neigung besteht, mich durch Werke und Pflichterfüllung zu definieren, und wenn ich mich so umsehe, dann steckt dieser Rechtfertigungszwang nicht nur in mir. Mir scheint, dass viele Menschen aus einem defizitären (Selbst-)Bewusstsein heraus leben, weil sie nicht glauben können, dass sie auch dann jemand sind, wenn sie nichts leisten. Ihnen fehlt der Glaube, dass sie von Anbeginn an wunderbare, einmalige und wertvolle Lebewesen sind. Aber das kann man vielleicht überhaupt nur glauben, wenn man um Gott als den unbedingten und leidenschaftlichen Liebhaber des eigenen Lebens weiß. Denn dann ist man frei, dann kann man dem inneren Sklaventreiber eher den Laufpass geben, dann haben die Werke ihre Definitionsmacht über das eigene Leben verloren. Leicht zu glauben ist das freilich auch für die Glaubenden oft nicht, und deshalb tut Paulus gut, wenn er uns zuruft: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit. So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen.“ (Galaterbrief 5,1)

Wie unsinnig und unbefriedigend ein Leben ist, das immer nur auf die Zukunft und die nächste Aktivität ausgerichtet ist, wird mir so richtig klar, wenn ich wieder mal brav meine To-Do-Liste abgearbeitet habe, die Folge davon aber kein tiefes Gefühl innerer Befriedigung ist, sondern Erschöpfung, zumal ja auch schon wieder die nächste Liste in mir aufploppt. Das Problem ist dabei nicht, dass das, was ich abgeleistet habe, nicht wichtig gewesen wäre. Das Problem ist, dass ich oft nicht ganz bei der Sache oder ganz beim Menschen war, sondern schon beim nächsten abzuleistenden Akt oder eben noch beim letzten, und deshalb innerlich unerfüllt bin. Immer noch lebe ich wider besseres (theologisches) Wissen in der Illusion, dass die Pflicht erfüllt werden muss, koste es was es wolle. Nicht selten hat dies dann auch zur Folge, dass Quantität vor Qualität kommt, und vielleicht geht auch deshalb so viel in unserer Gesellschaft den Bach runter? Ich denke manchmal an das schöne Buch von Robert M. Pirsig zurück (Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten), in dem er beschreibt, wie er, wenn er in eine Werkstätte kommt, sofort merkt, ob dort mit Liebe und Achtung gearbeitet wird oder gleichgültig, nur am Geld interessiert.

Wie komme ich aus diesem Dilemma heraus? Der Gedanke am Morgen, dass ein Tag nicht dann gelungen ist, wenn ich am Ende alles abgeleistet habe, sondern allem in Liebe zugetan war: meiner Arbeit, den Menschen, der Natur, der Schönheit, dem Ungeplanten, auch den auf den ersten Blick unangenehmen Herausforderungen, ist schon mal was, zumindest ein erster Schritt.

Noch wichtiger ist mir freilich meine morgendliche Meditation: die unruhigen und oft sorgenvollen Gedanken – „wie soll das alles nur heute gehen?“ – wahrnehmen, sie Gott anbefehlen, und dann den inneren Fokus wieder auf den Atem richten, auf meine Gegenwart und auf die Gegenwart des mir freundlich zugewandten Gottes. Ganz in Gott und in mir sein. Wo ich das übe, gelingt es mir oft besser, diese innere Präsenz in den Tag hinein zu verlängern und ganz bei dem zu sein, was diesen Tag ausmacht, im Vertrauen, dass in diesem Vielerlei auch Gott steckt. Neugierig wie ein kleines Kind den Tag aufpacken, wie ein großes Geschenkpaket, das viele kleine Geschenke enthält. Nicht hastig und ungeduldig, nicht mit Blick auf die äußere oder innere Uhr, sondern so, dass jedes einzelne gewürdigt wird. Eben eins nach dem anderen –, und dazwischen immer wieder durchatmen, wahrnehmen – und staunen.

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