Nachdem ich mich im Moment so stark mit Etty Hillesum befasse, war es ein glücklicher Zufall, dass mir ein Aufenthalt in Amsterdam die Chance bot, ganz real auf Spurensuche zu gehen. Ich habe zuerst einige jüdische Orte besucht, die beeindruckende portugiesische Synagoge, das jüdisch-historische Museum und das Holocaustmuseum, und all das zusammen hat mir geholfen, ein wenig in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts anzukommen. Was mir dabei auffiel: Westerbork, wo Etty Hillesum sich so hingebungsvoll um die dort lebenden Menschen kümmerte, war vor der deutschen Besatzung ein von den Holländern errichtetes Auffanglager für jüdische Flüchtlinge, bis die Nazis den Ort in ein „Übergangslager“ verwandelten, von wo aus sie Juden und Jüdinnen in wöchentlichen Transporten in die Vernichtungslager deportierten. Die Zufluchtsstätte wurde zum Vorhof der Hölle. Was für ein Wahnsinn, was für eine Verkehrung! Die dort zu sehenden Bilder und Filme von den abfahrenden Zügen haben sich mir jedenfalls tief eingebrannt. Ich habe mir vorgestellt, wie Etty Hillesum mit ihren Eltern und ihrem Bruder am Bahnhof stand und in den Zug einstieg, der sie zusammen nach Auschwitz brachte. Es ist die alter Erfahrung: Der Holocaust bekommt eine ganz andere Dimension, wenn man ihn mit einem Menschen verbindet, der einem am Herzen liegt. Und dann diese wenigen letzten Worte, die sie auf eine Postkarte kritzelte und aus dem Zug warf: „Ich öffne die Bibel an einer zufälligen Stelle und finde dies: Der Herr ist meine hohe Zuflucht. Ich sitze mitten in einem vollen Güterwagen auf meinem Rucksack.“
Gewundert habe ich mich, dass keineswegs alle, die in den jüdischen Museen arbeiteten ihren Namen kannten. Manche hatten von ihr gehört, aber anderen musste ich erstmal den Namen buchstabieren. Anne Frank dagegen kennen natürlich alle … Kurz: Hier gibt es sicher noch manches an Erinnerungsarbeit zu leisten.
Anschließend habe ich mich zu dem Haus aufgemacht, wo sie gelebt und einen Großteil ihrer Tagebucheinträge geschrieben hat. Vor der Eingangstür in der Gabriel Metsustraat 6 war ein Stolperstein in den Boden eingelassen, einer von ganz vielen, an denen ich an diesem Tag im jüdischen Viertel vorbeigelaufen bin, und an der Tür war ein Schild, das auf sie aufmerksam machte. Es war gut, dort zu sein, gleichzeitig habe ich gespürt, wie unwichtig ein solcher Ort dann auch wieder wird, wenn der Mensch, der dort lebte und diese Zimmer von innen her mit seinem ganzen Sein belebte, nicht mehr da ist. Wenn ich ihre Tagebücher lese, bin ich jedenfalls mehr dort, wie wenn ich vor der Tür stehe und versuche, mir Vergangenes zu vergegenwärtigen. Von dort ging es dann in die Courbetstraße 27, wo ihr Seelenfreund Julius Spier seine Wohnung hatte. Ich weiß nicht, ob es der Weg war, auf dem auch sie gegangen oder mit dem Rad gefahren ist, wenn sie zu ihm wollte, aber ich habe es mir einfach mal vorgestellt. Das Haus von Julius Spier wirkt eigenartig modern, aber das Haus ist anscheinend tatsächlich das, wo auch er schon gelebt hat. Den Treppenaufgang sieht man Jedenfalls auch in dem Film von …. Na ja, was macht man dort? Natürlich einige Fotos, und 20 Minuten später, als ich mich auf einer Bank in der Nähe für eine kleine Verschnaufpause niedergelassen hatte, um meine Eindrücke zu ordnen, war ich plötzlich von drei Polizisten umgeben, die meine Fotoaktion über irgendeine mir verborgene Kamera beobachteten und den Verdacht hegten, dass nichts Gutes im Schilde führe. Ich erzählte ihnen also, was ich dort wollte, aber das reichte nicht, um ihren Verdacht zu entkräften. Klang vielleicht auch ein wenig unglaubwürdig. Wer kennt schon Etty Hillesum. Aber nachdem sie meinen Ausweis, bzw. meine Daten durch verschiedene Systeme gejagt hatten, die gottseidank keinen Treffer ergaben – nochmal Glück gehabt –, bedankte sich ein Polizist freundlich für die Kooperation, und ich durfte freien Fußes meines Weges gehen.
Schon irgendwie skurril! Ein deutscher Theologe hat die Tagebücher von Etty Hillesum gelesen, sich ein wenig in sie verliebt, geht auf Spurensuche, und wird dabei von der Polizei ertappt. Etty hätte darüber vermutlich ein wenig geschmunzelt. Vielleicht tat sie es ja auch vom Himmel aus. Und bestimmt hätte sie es nachdenklich gemacht, wenn sie erlebt hätte, was ihre Tagebücher bewirkt haben und noch immer bewirken. Klar, sie ist nicht die Schriftstellerin geworden, die sie werden wollte. Dazu blieb ihr keine Zeit. Aber die Zeit, die ihr blieb, die hat sie genutzt, die hat sie in der Gegenwart gelebt und durchlitten, so gut sie es konnte, und aus dieser Gegenwärtigkeit ist gegen alle Wahrscheinlichkeit eine überaus reiche und fruchtbare Zukunft erwachsen. Wie oft bin ich frustriert, weil Wünsche und Hoffnungen nicht in Erfüllung gehen, jedenfalls nicht so, wie ich es gerne hätte. Aber was heißt das schon? Wenn es gelingt, in der Gegenwart ein wenig das zu leben, worum es eigentlich geht, dann kann Gott auf seine rätselhafte Art daraus etwas machen. Man muss nur den Mut haben, anzufangen, in der Gegenwart zu leben, sich nicht frustrieren lassen, seiner Bestimmung folgen, auch wenn die Zeiten dunkel sind und alles Hoffen vergeblich erscheint. „Meine Wege sind nicht eure Wege“, sagt Gott im Alten Testament. Ich will es glauben (lernen), wenn auch mit Furcht und Zittern. Denn ein wenig Erfolg in der Gegenwart ist schon auch schön …

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