Atmen ist das Einfachste und Selbstverständlichste, was es gibt, und deshalb denken viele Menschen vermutlich auch nicht großartig darüber nach.
Aber ist das Atmen und damit das Leben wirklich so selbstverständlich? Natürlich nicht! Der Atem kann uns auch genommen werden, und wenn dies der Fall ist, dann sind wir tot. Es ist also überhaupt nicht selbstverständlich, dass es mich als atmendes Wesen gibt. Es ist, das kann man ohne Übertreibung sagen, ein Wunder, ein unbegreifliches Geschenk. Übrigens: Auch die Naturwissenschaft kann unser Atmen und Leben nicht „erklären“, sie kann die Lebensvorgänge beschreiben, aber sie kann nicht erklären, warum es etwas gibt, das aus sich heraus agiert und lebt. Dieser Eindruck des Wunderhaften wird noch dadurch verstärkt, dass das Ein- und Ausatmen so in meine DNA eingeschrieben ist, dass es automatisch funktioniert. Ich muss wirklich nichts dazu tun. Man kann sagen: Ich atme zwar, aber im Grunde genommen atme nicht ich, sondern es atmet in mir. Ich werde geatmet.
Es ist deshalb auch nicht überraschend, dass der Atem in vielen religiösen Traditionen als ein göttliches Geschenk betrachtet wird, das mir von woanders her zukommt, aus einer anderen, aus einer transzendenten Dimension. In der biblischen Tradition ist es Gott, der Schöpfer und Liebhaber allen Lebens, der uns Menschen den Atem geschenkt hat, weil er wollte, dass wir lebendige Wesen sind. So heißt es in einer der biblischen Schöpfungserzählungen: „Da machte Gott, der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch eine lebendige Seele (Gen 2,7).“ Diesen Akt der Schöpfung hat man in der jüdischen und christlichen Tradition nicht so verstanden, dass dies nur ein einmaliger Akt am Anfang der Zeiten gewesen wäre, sondern begriff es als ein ständiges Geschehen, das zwar irgendwann einmal begann, aber seitdem unablässig weitergeht. Gottes Schaffen ist ein beständiger Akt. Jeder konkrete Atemzug, auch jetzt, in diesem Moment, verdankt sich dem Einen, der will, dass ich lebe. In allen und durch alle natürlichen Prozesse hindurch wirkt Gott. Gott, der unermüdliche Blasebalg, der dauernd Leben und Energie in diese Schöpfung hineinbläst, ohne dessen Blasen alles wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzen würde. So heißt es im bekannten Schöpfungspsalm 104: „Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken sie (die Lebewesen); nimmst du weg ihren Odem, so vergehen sie und werden wieder zu Staub. Du sendest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen, und du machst neu die Gestalt der Erde.“ So könnte man sagen: Gottes Ausatmen, das ist mein Einatmen. Sein Geben, mein Nehmen. Sein Sich-Schenken, mein Empfangen.
Wenn man deshalb überlegt, warum auch in christlichen Meditationstechniken das Atmen so große Bedeutung hat, dann liegt die Antwort auf der Hand: Wenn ich bewusst atme, dann nähere ich mich mir selbst, meinem tiefsten Geheimnis als lebendiges Wesen, dann öffne ich mich für Gott, den Geber alles natürlichen und alles höheren Lebens. Dies ist kein Automatismus. Der Atem ist kein Fahrstuhl, der mich automatisch nach oben bringt. Ich bin ganz darauf angewiesen, dass Gott sich mir schenkt. Aber wenn ich im Vertrauen auf seine Liebe, mit der Sehnsucht ihm zu begegnen, atme, dann kann mich mein Atem mit Gott verbinden. Er hat eine besondere Affinität zum Göttlichen.
Für meine Praxis bedeutet dies: Es geht nicht darum, etwas zu erzwingen, nicht darum, den Atem zu vertiefen oder zu beschleunigen, sondern ihn einfach bur wahrzunehmen. Dass sich dadurch der Atem automatisch verändert, ist okay, aber das ist nicht mein Ziel. Ich will mich in den großen Lebensfluss, der aus Gott entspringt und zu mir fließen will, hineinnehmen lassen. Mein oft so eigenmächtiges Ego, das das Leben immer wieder krampfhaft selbst erzeugen und kontrollieren will, soll in den Hintergrund treten. Loslassen, ist das große Wort!
Natürlich, dieses Ego meldet sich dauernd, auch in der Meditation. Wir kennen das alle. Und was mache ich dann? Ich kämpfe nicht, das würde meinem Ego nur noch mehr Macht geben. Ich nehme meine Gedanken, meine Sorgen und Ängste wahr, ich lasse sie los, indem ich sie Gott überlasse. Ich beherzige den Rat Luthers, der sinngemäß gesagt hat: „Du kannst nicht verhindern, dass die Sorgen wie Vögel um deinen Kopf fliegen, aber du kannst verhindern, dass sie Nester darauf bauen.“ Ich kehre also wieder zum Atem zurück, richte meinen Blick auf Gott, bis der nächste Angriff erfolgt, was meist nicht lange dauert. Ich übe, übe und übe. Meister Eckhart sagt: „Nimm dich selbst wahr. Und wo du dich findest, da lass dich, das ist das Allerbeste. Du musst wissen, dass sich noch nie ein Mensch in diesem Leben so weitgehend gelassen hat, dass er nicht gefunden hätte, er müsse sich noch mehr lassen. So weit du ausgehst aus allen Dingen, so weit geht Gott ein mit all dem Seinen. Da findest du wahren Frieden und nirgends sonst.“ (Reden der Unterweisung)
In christlichen Meditationspraktiken wie dem Herzensgebet in seinen vielfältigen Ausformungen wird der Atem oft mit einem Wort verbunden, mit einer Gottesanrufung, mit dem Namen Jesus Christus, manchmal auch nur mit einem einfachen „Du“. Das letzte Ziel meiner Meditation besteht darin, mit dem großen und geheimnisvollen göttlichen Du in Kontakt zu treten, das mich liebevoll anblickt. Ein Du, das überall präsent und wirkend ist, das nichts mit dem bärtigen Mann auf dem himmlischen Thron zu tun hat, das nicht rational zu fassen ist, das aber in und trotz aller Unbegreiflichkeit kein Neutrum ist, kein willensloses „etwas“: die umfassende Liebe, der letzte und höchste Resonanzraum der Wirklichkeit. Dort, wo dieses liebende Du mich berührt, wo es in mir aufleuchtet und ich in ihm, dort bin ich zuhause, dort „werde“ ich, dort wird aus blindem Aktivismus „Wirken“. Aus diesem Grund ist christliche Meditationspraxis nicht einfach absichtslos. Sie hat etwas mit Hingabe zu tun, mit Sehnsucht, mit Liebessehnsucht. Aber sie schreibt Gott nichts vor: Sie überlässt es ihm, wie er sich uns schenken will. Auch das Dunkel, auch die Erfahrung des Nicht-Erfahrens und Nicht-Erlebens können eine Form der Gotteserfahrung sein. Gott ist, um mit Marguerite Porète, einer Zeitgenössin von Meister Eckhart, zu sprechen, auch der „Fernnahe“, der begreiflich Unergreifbare.
Ich vermute, dass gerade der letzte Punkt im christlich-buddhistischen der Punkt ist, wo vielleicht die größten Unterschiede bestehen: Personales Gottesbild auf der einen Seite, auf der anderen Seite vielleicht gar kein Gottesbild, ja nicht einmal ein Gottesglaube, sondern nur die Praxis des Loslassen, um darin etwas zu erfahren, was sich jeder Benennbarkeit entzieht. Vielleicht ist dies tatsächlich der große Unterschied, aber so ganz sicher bin ich mir nicht. Vielleicht haben wir einfach noch viel zu wenig voneinander verstanden.

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