Gottes neue Welt - Predigt zu Jes 29,17ff

Liebe Gemeinde!

Im Jahr 1992 machte ein amerikanischer Politikwissenschaftler mit dem Namen Francis Fukuyama weltweit Schlagzeilen. Sein berühmtes Buch trug den Titel „Das Ende der Geschichte“. Nun war er natürlich nicht der Überzeugung, dass die Geschichte überhaupt zu einem Ende gekommen war, aber er war der Überzeugung, dass nach dem Zusammenbruch der UdSSR und dem Fall der Mauer in Deutschland der Kommunismus endgültig besiegt ist, und es in Zukunft nur noch eine Weltanschauung geben werde, nämlich die von Liberalismus, Demokratie und Marktwirtschaft. Der Jahrtausende alte Kampf um eine bessere Welt wäre damit entschieden. Aus den unzähligen Visionen und Utopien ist eine einzige als allein siegreich hervorgegangen.

Wie sehr Fukuyama sich getäuscht hat, wurde knapp zehn Jahre später offenbar. Im Jahr 2001, heute genau vor zehn Jahren, flogen zwei Jets, von fundamentalistischen Muslimen gesteuert in das World Trade Center, töteten damit dreitausend Menschen und legten ein berühmtes Symbol der westlichen Welt in Schutt und Asche. Mag sein, dass die kommunistische Ideologie mit ihrem Traum von einer besseren Welt endgültig abgewirtschaftet hat – wobei man auch da Zweifel haben kann –, die Visionen und Utopien religiöser Fundamentalisten haben noch lange nicht abgewirtschaftet. Der Kampf der Weltanschauungen geht weiter. Alles andere wäre auch unlogisch. Seit es Menschen gibt, träumt man von einer besseren Welt, vielleicht sogar von der Wiederkehr eines goldenen Zeitalters oder dem endgültigen Kommen des Paradieses. Diese Träumerei wird erst dann aufhören, wenn es keine Menschen mehr geben wird, oder: wenn das Endgültige gekommen ist. Davon sind wir aber noch weit entfernt und an der Idee, dass das demokratisch kapitalistische System eine Art goldenes Zeitalter darstellt, kann man erhebliche Zweifel anmelden. Die ungebremsten Mechanismen des freien Marktes ziehen eine gewaltige Spur der Verwüstung hinter sich her. Für einige, auch für die meisten von uns, sind sie ein großer Vorteil. Viele andere jedoch stürzen sie in schreckliche Armut. Nein, die Sehnsucht nach einer neuen Welt, in der Gerechtigkeit, Frieden und Liebe herrschen und die Frage, wie man dahin kommt, haben sich noch lange nicht erledigt.

Vielleicht ist deshalb die biblische Vision einer solchen neuen Welt, wie wir sie gerade bei Jesaja gelesen haben, durchaus up to date. Natürlich ist es nicht einfach zu glauben, dass Gott eine solche neue Welt schaffen wird. Wenn wir deshalb als Christen eine solche Hoffnung vertreten, dann brauchen wir schon auch ein paar gute Argumente an der Hand. Aber attraktiv ist das, was uns hier vor Augen gemalt wird, in jedem Fall. Schauen wir mal ein wenig genauer hin.

Das Erste, was mir in dieser Vision positiv auffällt, ist die Tatsache, dass hier in einer sehr materiellen Weise von der neuen Welt Gottes gesprochen wird. Der Religion wirft man ja gerne vor, dass sie die Menschen auf ein besseres Jenseits vertröstet, die Welt dagegen ohne Bedenken dem Verderben preisgibt. Aber genau das ist hier nicht der Fall. Hier erlöst Gott nicht nur die Seele, sondern den ganzen Menschen in seinen vielfältigen Bezügen. Die Schöpfung selbst wird erlöst. So wird es in der neuen Welt Gottes keine Krankheit mehr geben, die die Aktivität und Lebensfreude des Menschen zum Erliegen bringt. Es wird keine Ungerechtigkeit mehr geben, keine Situation, wo Menschen erniedrigt, ausgebeutet und beschämt werden, nur weil sie das Pech haben, nicht am längeren Hebel zu sitzen. Auch echt ökologisches Bewusstsein wird es dann geben. Ich finde es spannend, an welchem Beispiel dies deutlich gemacht wird, nämlich am Beispiel einer ganz konkreten Landschaft im Libanon. Waren Sie schon einmal im Libanon? Wenn ja, dann haben Sie sich vielleicht auch darauf gefreut, endlich die Zedern des Libanongebirges zu sehen, die in der Bibel so prächtig beschrieben werden. Doch die Enttäuschung ist meist groß: von den einstigen Wäldern sind durch Jahrtausende alten Raubbau nur noch wenige spärliche Baumgruppen übrig geblieben, die man nun den Touristen zeigt. Diese Ausbeutung der Natur begann schon in biblischer Zeit. Wenn hier deshalb gesagt wird, der Libanon wird wieder bewaldet sein, dann ist das ein Hinweis darauf, dass Gott die von Menschen zerstörte Schöpfung umfassend heilen wird. Ich gebe gerne zu: Es ist nicht leicht, die Bilder, die hier und in anderen Visionen von Gottes neuer Welt gebraucht werden, auf den Begriff zu bringen. Aber eines scheint mir vom biblischen Gesamtzeugnis her deutlich zu sein. Gottes Ziel besteht nicht darin, seine Schöpfung zu vernichten, sondern sie zu verwandeln. Sowie aus der Raupe ein Schmetterling werden wird, so wird aus dieser Welt Gottes neue Schöpfung werden.

Aber das Allerwichtigste in dieser Vision ist, dass in der neuen Schöpfung Gottes der Mensch in der Tiefe seines Wesens erlöst werden wird. Er wird vor allem von einem erlöst werden, von seiner Verblendung. Auf einmal wird er merken, dass er das vollkommene Glück immer an der falschen Stelle gesucht hat, nämlich in rein irdischen Dingen. Er wird merken, dass er ein Seifenblasenjäger war, der geglaubt hat: Wenn ich dies oder jenes habe, dann bin ich glücklich. Und der nicht von dieser Jagd lassen konnte, obwohl die Seifenblasen immer wieder zerplatzten. Auf einmal geht ihm ein Licht auf und er erkennt: Die irdischen Dinge sind allesamt wunderbar, aber ihre eigentliche Schönheit und ihren Glanz bekommen sie erst dann, wenn die Liebe Gottes im eigenen Herzen aufstrahlt und man die Welt in diesem Licht betrachtet. Nehmen wir als ein kleines Beispiel die Natur: Wie soll ein Mensch, der Gott nicht im Herzen hat, ein Gespür für die göttliche Herrlichkeit bekommen, die allem Geschaffenen zugrunde liegt und so ein waches ökologisches Bewusstsein bekommen? Ist die Gefahr nicht groß, dass er die Schöpfung nur noch als etwas betrachtet, dass ihm in jeder Hinsicht zuhanden ist?

Aber wie gesagt: So schön diese Vision auch ist, so einfach wird man uns sie nicht abnehmen, und Hand aufs Herz, vielleicht haben ja auch wir unsere Zweifel. Viele werden fragen, ob das nicht nur eine weitere Vision von einer besseren Welt ist, und dazu noch eine, die, weil sie die für viele mysteriöse Größe Gott zum Zentrum hat, nicht gerade sehr realistisch klingt. „Andere säkulare Visionäre sagen wenigstens, was der Mensch dazu beitragen kann, machen sich Gedanken darüber, wie man eine neue und bessere Welt erreichen kann, aber hier ist alles merkwürdig unkonkret: Das Ergebnis wird beschrieben, aber nicht, wie man dahin kommt.“ Also, alles bloß Träumerei?

Ich muss zugeben: Wenn die Bibel nur ein Buch von solchen Visionen wäre, dann wäre es tatsächlich schwierig, sie ernst zu nehmen. Aber die Bibel enthält mehr. Sie bezeugt immer wieder, dass Gott nicht nur redet und verheißt, sondern dass er auch handelt, und wer solch göttliches Handeln an der einen oder anderen Stelle seines Lebens schon einmal wahrgenommen hat, für den ist es nicht mehr ganz so unglaubwürdig, dass Gott auch seine größeren Versprechen umsetzen kann. Was macht denn ein arabischer Süßwarenhändler, wenn er einen in seinen Shop hineinziehen will, um einem etwas zu verkaufen? Wenn er gut ist, dann wird er jedenfalls nicht nur palavern, sondern er wird einem eine seiner Köstlichkeiten herausbringen und sagen: Probier doch mal davon! Und vielleicht sagen wir dann wirklich: „Das schmeckt aber klasse. Ich hab zwar anfangs gedacht, das ist nur ein Schwätzer, wollte schnell weitergehen, aber diese Kostprobe überzeugt mich. Der scheint wirklich gute Sachen zu haben.“ So handelt Gott anscheinend auch an uns: Er gibt uns immer wieder Appetizer, damit wir leichter glauben können. In dieser Perspektive sehe ich auch Jesus: Er ist, wenn Sie so wollen, der größte Appetizer. Denn wo Jesus auftritt, da geschieht Heil und Heilung, auch noch heute. Zugegeben: All das ist noch immer fragmentarisch, noch nicht vollkommen, aber es zeigt uns, dass Gott nicht nur Worte macht, sondern uns ganz konkret Geschmack macht auf seine neue kommende Welt. Nun mögen manche sagen: „So ein Appetizer, das wäre schon was. Aber nicht einmal einen solchen habe ich in meinem Leben.“ Nun kann man auf diesen Einwand sicher keine pauschale Antwort geben. Dennoch frage ich mich, ob das Problem nicht auch darin besteht, dass wir manchmal einfach nur in die falsche Richtung kucken. Wir denken: An diesem Punkt, an dieser Stelle muss sich jetzt was tun, muss sich Gott beweisen, und es tut sich nichts. Aber könnte es nicht sein, dass Gott unseren Blick einfach nur woanders hin richten will, um uns gerade so heilsam zu verändern? Dass Gott also schon wirkt, aber nicht immer so, wie wir es uns gerade vorstellen. Nach dem Motto: Wenn eine Tür zugeht oder zubleibt, dann geht eine andere auf …

Doch was geschieht, wenn wir ein wenig vom Wirken Gottes erleben, wenn wir allmählich zu glauben beginnen, dass er auch das Größte vollbringen kann? Sitzen wir dann nur untätig herum und warten bis Gott den Rest erledigt haben wird? … Nein, natürlich nicht, sondern wir bekennen uns dort, wo wir stehen, durch unser Leben zu dieser Hoffnung. Nicht nur dadurch, dass wir sie mit Worten bezeugen, sondern dadurch, dass wir uns bemühen in unserer kleinen Welt die ersten Schritte in diese Richtung zu leben. (Beispiele: Ökologie, gesellschaftliche Strukturen, etc.) Auf diese Weise sind wir Vorboten des Kommenden, eine lebendige Einladung an Gott und sein Reich zu glauben.

Eines allerdings glauben wir als Christen nicht: dass wir, wenn wir die Ärmel nur genug hochkrempeln, dann schon alles auf dieser Welt hinbekommen werden. Nein, wir wissen: Gott selbst muss eingreifen und diese Welt vollenden. Wir sind nicht die Erlöser der Welt. Aber ist das ein Nachteil? Ich denke nicht. Denn die menschlichen Visionen, die davon getragen waren, dass der Mensch selbst das Paradies auf Erden errichten kann, sind meistens gründlich in die Hose gegangen. Demut und Bescheidenheit, ohne die Hände in den Schoß zu legen, werden der Welt auf Dauer besser bekommen als menschliche Hybris.

Bleibt zum Schluss noch eine Frage: Warum lässt sich Gott so viel Zeit? Warum immer nur ein Appetizer, ein Vorgeschmack, warum nicht einmal ein Donnerschlag, der von heute auf morgen alles anders werden lässt. Nun, auch ich kann Gott nicht in die Karten schauen. Aber ich kann mir eigentlich nur eines vorstellen: Es muss irgendwie damit zu tun haben, dass Gott uns auf dem Weg der Erlösung mitnehmen will, dass er uns für seine Vision gewinnen will. Wir sind eben keine Marionetten. Wir sind im großen Schöpfungsdrama vielleicht nicht die Hauptdarsteller, aber Mitspieler sind wir allemal. Vielleicht kommt die Erkenntnis und Einsicht, von der in unseren Versen die Rede ist auch nur dort zustande, wo man durch Höhen und Tiefen selbst gemerkt hat, dass nur ein Leben mit Gott höchste Erfüllung und Freude ist. Und vielleicht ist es das, was Gott will: eine neue Welt mit Menschen, die nicht zufällig dort sind, sondern aus tiefster Überzeugung. Menschen, die in Freiheit lieben …

Amen

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