Die Bibel ist nicht vom Himmel gefallen - oder doch?

„Die Bibel ist nicht vom Himmel gefallen – oder doch?“ – Die Entstehung der Bibel aus historischer und theologischer Sicht

Sehr geehrte Damen und Herren,

heute Abend soll die Frage im Mittelpunkt stehen, wie die Bibel entstanden ist. Ich gehe also davon aus, dass die Bibel nicht vom Himmel gefallen ist, sondern geschichtlich geworden ist wie alles in unserer Welt, so dass wir ihre Entstehung auch mit den Mitteln der Geschichtswissenschaft erforschen können. Davon gehen im Grunde genommen natürlich alle Wissenschaftler aus, die sich heute mit der Bibel befassen, egal, ob sie Theologen oder Nichttheologen sind.

Wenn dem so ist, dann stellt sich natürlich – zumindest für den gläubigen Christen – die Frage, ob die Bibel dann noch ein besonderes Buch ist: Gottes Wort, göttliche Offenbarung, oder ob sie nur etwas von Menschen Geschaffenes und Erdachtes ist? Manche frommen Christen würden sagen: „Nun ja, ich will nicht bestreiten, dass die Bibel eine geschichtliche Gestalt hat. Sie wurde natürlich von Menschen geschrieben. Aber die Menschen, die die Bibel geschrieben haben, waren in direkter Weise von Gott inspiriert. Sie haben uns nicht ihre eigenen Vorstellungen überliefert, sondern das, was Gott ihnen eingegeben hat. Deshalb ist das, was in der Bibel steht, auch in jeder Hinsicht wahr: historisch, naturwissenschaftlich und theologisch. So ist die Bibel zwar ein Ereignis in der Geschichte, aber sie selbst hat eigentlich nur sehr begrenzt Anteil an unseren normalen historischen Entstehungsprozessen.“ Folgt man dieser Auffassung, dann wäre die Bibel eine Art Koran oder ein papierener Papst, der in allem Recht hat.

Kann das sein? In historischer Hinsicht bin ich davon überzeugt, dass die Bibel viele Irrtümer enthält, und theologisch gibt es meiner Meinung nach auch einige sehr problematische Texte. Wir hatten ja das letzte Mal bereits die kritische Anfrage, was z.B. mit diversen Texten mit hohem Gewaltpotential ist. Sind diese einfach Gottes Wort? Wie vertragen sich Texte, die befehlen den Feind umzubringen, mit dem Gebot der Nächstenliebe? Es mag ja sein, dass man manche Widersprüche harmonisieren kann, aber manchmal geht das eben auch nicht. Ist die Bibel also vielleicht doch nur ein geschichtliches menschliches Produkt, ohne jeden besonderen Wahrheitsgehalt? Oder gibt es noch einen dritten Weg? Ich will auf all diese Fragen im Moment noch nicht eingehen. Ich will nur jetzt schon einmal deutlich machen, dass es aus theologischer Perspektive ein durchaus schwieriges Gebiet ist, wenn man die Bibel historischen Fragestellungen unterwirft. Ich denke, man muss es tun, wenn man nicht schizophren sein will. Ich glaube auch nicht, dass dies zwangsläufig zur Relativierung der Bibel führen muss, aber man wird am Ende nicht darum herumkommen zu formulieren, wie ein solches Unternehmen mit dem Glauben verträglich ist. Aber bevor wir uns am Ende diesen Fragen zuwenden, will ich Ihnen erst einmal nahebringen, wie man sich die Entstehung der Bibel heute vorstellt.

Das kann ich natürlich nur sehr allgemein und exemplarisch tun. Und nachdem der Akzent das letzte Mal mehr auf dem AT lag, möchte ich dieses Mal das NT in den Mittelpunkt unseres Interesses rücken. Zuerst möchte ich davon berichten, wie das NT insgesamt entstanden ist. Dann möchte ich mein besonderes Augenmerk auf die Entstehung der Evangelien richten.

I Die Entstehung des neutestamentlichen Kanons

Warum entstand überhaupt ein Neues Testament? Die Antwort ist einfach: Die Grundlage des NT ist der Glaube an Jesus Christus. An Jesus Christus kann man aber logischerweise nur glauben, wenn man von ihm weiß. In den ersten Jahren nach Kreuz und Auferstehung genügte für diese Grundinformation meist die mündliche Tradition. Außerdem hatte man natürlich die Heiligen Schriften Israels, aber diese sagen nichts direkt über Jesus Christus aus, sondern bekommen für Christen ihre Bedeutung erst, wenn man sie von Jesus Christus her liest, so dass sie die Kenntnis genuin christlicher Traditionen nicht ersetzen können.
Je weiter nun die Zeit voranrückte und je stärker sich das Christentum im Mittelmeerraum verbreitete, desto mehr war man darauf angewiesen, auch eine schriftliche Kunde von Jesus Christus zu haben. So sind kleinere christliche Texte entstanden, schließlich die Evangelien, aber auch die Briefe der Apostel spielten bei diesem Prozess eine gewichtige Rolle. Man hatte nun also neben der mündlichen Tradition noch eine schriftliche.
Das Problem war nur: Im Laufe der Zeit gab es unzählige christliche Schriften und man merkte sehr schnell, dass nicht alle die gleiche Qualität hatten und manche einander so extrem widersprachen, dass die Frage entstand: Auf welche Schriften kann man sich denn nun wirklich verlassen? Dieses Problem war im ersten Jahrhundert noch nicht so entscheidend, aber je mehr Wildwuchs es gab, desto dringlicher wurde diese ganze Frage. Welche Kriterien gab es, um hier eine Unterscheidung durchzuführen?

• Apostolizität
• Glaubensbekenntnis
• Bischofsamt
• Bewährung

Aufgrund dieser Faktoren hat man in den ersten Jahrhunderten die Schriften zusammengestellt, die unser heutiges NT bilden. Man spricht in der Theologie hier oft vom neutestamentlichen Kanon als der Gesamtheit der ntl. Schriften. „Kanon“ heißt ursprünglich Mess- oder Maßstab. Wenn man deshalb vom neutestamentlichen Kanon spricht, dann mit dem Hintergrund, dass dies der für Christen gültige Umfang autoritativer heiliger Schriften ist.

Wenn man erst einmal das äußere Ergebnis ansieht, dann kann man sagen, dass um 200 n. Chr. herum der Grundbestand des NT feststand. Es gibt eine alte Kanonliste aus dem Jahr 170 n. Chr., der Kanon Muratori, der fast alle ntl. Schriften enthält, die wir auch heute haben, mit einigen kleinen Unterschieden: mit Offenbarung des Petrus, ohne 1. u. 2. Petrus, Hebräer, Jakobus und 3. Johannes. Im Jahre 367 hat Athanasius, ein ganz wichtiger altkirchlicher Theologe, einen Osterfestbrief geschrieben, wo nun alle Schriften des NT aufgezählt sind. Im Jahr 397 n. Chr. hat eine lokale Synode in Karthago diese Schriften als Kanon definiert. Darauf folgten weitere Synoden, so dass man sagen kann: um 400 stand der ntl. Kanon fest.

Wie wird man die Kriterien, anhand derer man diesen Kanon zusammengestellt hat, heute beurteilen? Was die apostolische Herkunft angeht, so wird man sicher nicht sagen können, dass die Evangelien alle von Aposteln geschrieben sind, vermutlich stammt kein einziges direkt aus der Feder eines Apostels. Dennoch – das wird noch zu zeigen sein – sind wir mit den Evangelien in historischer Hinsicht nicht schlecht bedient: Traditionsgeschichtlich reichen sie jedenfalls weit in die apostolische Zeit hinein. Auch der Verdacht, dass die qualitativen Kriterien, anhand derer man ausgewählt hat, nur subjektiv und zufallsorientiert waren, lässt sich kaum erhärten. Ein Vergleich mit anderen apokryphen Evangelien ist da durchaus lehrreich … Noch interessanter finde ich freilich das wirkungsgeschichtliche Argument: Man hat die Schriften aufgenommen, die sich bewährt haben, die etwas hervorbrachten, was man als gesunden Glauben bezeichnen konnte, von denen man also guten Gewissens sagen konnte: durch diese Schriften wirkt der Heilige Geist.
Fazit: Es wäre zu einfach zu sagen: Die Kirche hätte einfach per Dekret beschlossen, was nun zu glauben ist, nein, es war durchaus ein sehr verantwortlicher Prozess, der hier stattfand. Natürlich hat man nach der Kanonisierung auch eine Theorie entwickelt, um die Gültigkeit des NT zu untermauern, die so genannte Inspirationslehre, aber wenn man diese wirkungsgeschichtlich interpretiert, muss man sie keineswegs als gewaltsame Dogmatisierung verstehen.

II Die Entstehung der Evangelien

Wie sind nun die Evangelien entstanden? Beginnen wir mit den so genannten synoptischen Evangelien: Matthäus, Markus, Lukas. Das erste Evangelium, das entstanden ist, um 70 n. Chr. herum, ist das Markusevangelium (…). Matthäus (80-90)(…) und Lukas (90)(…) sind später und haben das Markusevangelium als Grundgerüst übernommen und es durch andere Quellen und Überlieferungen ergänzt. Durch welche?
Es fiel auf, dass Matthäus und Lukas viel gemeinsames Gut haben, sozusagen eine Schnittquelle, die nun wiederum aber nicht mit dem Markusevangelium identisch ist. Daraus schloss man, dass es neben Markus noch eine zweite Quelle gab, die beiden vorlag. Man nannte diese Quelle die Quelle „Q“ bzw. Logienquelle, weil sie primär Logien Jesu enthält und nur wenig Erzählstoff. Aber diese Quelle liegt uns nicht vor so wie das Markusevangelium, sie ist nur hypothetisch erschlossen. Diese Theorie bezeichnet man gemeinhin als „Zweiquellentheorie“.
Darüber hinaus gibt es nun noch Stoff, den jeweils nur Matthäus und Lukas haben. Da spricht man von matthäischem bzw. lukanischem Sondergut.

Kurz noch zum Johannesevangelium, das meist sehr spät eingeordnet wird: in die 90er Jahre oder gar an den Beginn des 2. Jahrhunderts. Man hat es deshalb auch in seinem historischen Wert oft nicht besonders ernst genommen, was sich aber teilweise zu ändern beginnt. Denn so richtig es ist, dass Johannes sehr frei mit der Jesusüberlieferung umgeht, so richtig ist es auch, dass gerade dieses Evangelium oft sehr genaue historische Informationen enthält (Todestag Jesu, etc). Man kann sogar überlegen, ob nicht gerade bei diesem Evangelium ein Augenzeuge am Beginn der Überlieferungskette stand (Stichwort „Lieblingsjünger“).

Wer nun an der Zuverlässigkeit der Überlieferung interessiert ist, der fragt automatisch, was denn vorher war, woher denn Markus zum Beispiel sein Wissen von Jesus hatte. Meist geht man davon aus, dass der Evangelienstoff vorher vor allem mündlich weitergegeben wurde, was nicht ausschließt, dass es auch schon zuvor erste schriftliche Zusammenfassungen gab (z.B. die Passionsgeschichte). So wäre der Jesusstoff über die ersten Christusjünger in die neu gegründeten Gemeinden gekommen und hätte dort eine wichtige Bedeutung für die christliche Unterweisung gehabt.

Wie sah die mündliche Tradition aus?

Man unterscheidet generell die Logienüberlieferung und die Erzähltradtition (Wundergeschichten, Gleichnisse, etc.) und geht davon aus, dass die einzelnen Stücke einen bestimmten „Sitz im Leben“ der Gemeinde hatten, also eine bestimmte Funktion: Beispiel: Mk 4,37f: Geschichte von der Sturmstillung – Zuspruch in der Predigt. Anderes Beispiel: Matthäus 5-7: Bergpredigt – ethische Unterweisung.

Daraus folgt: Man muss unterscheiden zwischen einer mündlichen Überlieferungsphase und einer schriftlichen Überlieferungsphase, was zwangsläufig zu der Frage führt, ob man sich denn auf die mündliche Tradition verlassen kann. Was ist dazu zu sagen?

(1) Mündliche Tradition konnte sehr zuverlässig sein. Antike Menschen konnten große Stoffmengen auswendig lernen, waren darin geübt, was sicher auch damit zusammenhängt, dass sie nicht wie heute einer medialen Überforderung ausgesetzt waren. Dies kann man teilweise noch an der Logienüberlieferung ablesen, die eine bestimmte mnemotechnische Struktur aufweist, also eine Form, die man sich leicht merken konnte.

(2) Dennoch ist damit zu rechnen, dass sich die Jesustradition mit der Zeit veränderte, aber ich sage es mal so: nicht primär deshalb, weil man nicht anders konnte, sondern weil man es so wollte, und man wollte es so, weil man der Überzeugung war, dass das Wort Gottes immer wieder neu ausgelegt werden muss, wenn es seine Lebendigkeit behalten sollte. Reine Vermutung? Nein, denn genau dies konnte man bei der Entstehung der synoptischen Evangelien beobachten. Ein Matthäus oder ein Lukas scheuten sich nicht, die Tradition, die sie von Markus übernommen haben, an bestimmten Punkten zu verändern. Und deshalb ist damit zu rechnen, dass dies genauso oder noch stärker in der Phase der mündlichen Tradition passierte: Ein winzig kleines Beispiel: Berufung des Levi (Mk 2,13ff, vgl. Mt 9,9ff)

(3) Was bedeutet dies nun für die historische Zuverlässigkeit der Evangelienüberlieferung? Die Beantwortung dieser Frage hängt zusammen mit der Frage, was ich unter glaubwürdiger Geschichtsschreibung verstehe. Die Evangelien sind sicher keine historisch exakten Berichte – das wollten sie von ihrem Selbstverständnis her auch gar nicht sein –, aber sie versuchen das Wesen von Geschichte zu begreifen. Beispiel: Zwei Augenzeugen berichten vom Untergang der Titanic, der eine sehr genau, der andere leidenschaftlich, existentiell, aber so, dass er manches durcheinanderbringt. Welcher Bericht kommt nun der Wahrheit dessen, was da geschah, am nächsten?
Aber wie kann man das Wesen der Geschichte Jesu erfassen? Die Jesusjünger waren der Überzeugung, dass sie erst durch die Auferweckung Jesu und die Wirksamkeit des Heiligen Geistes richtig begriffen haben, wer Jesus ist. Man muss sich ja immer vor Augen halten: Die Kreuzigung war eine gewaltige Katastrophe. Ohne die Auferweckung hätte es nie ein Christentum gegeben. Die Auferweckung wurde von den Jüngern aber am Anfang vor allem als göttliche Bestätigung Jesus verstanden, wodurch Gott selbst sagt: Dieser Jesus ist mein Sohn, er kam von Anfang an von mir her. Aus dieser Perspektive hat man Jesus dann dargestellt. So wusste man aus dem Nachhinein, dass die Kreuzigung eben doch keine Katastrophe war, sondern etwas, bei dem Gott sich etwas „gedacht“ haben musste und stellt sie deshalb nicht als Katastrophe, sondern als sinnvolles Geschehen dar, ja als Zielpunkt des Lebens Jesu. Das ist historisch gesehen nicht eindeutig, aber aus der Perspektive des Glaubens ist es die Wahrheit, der wahre Kern dessen, was sich da historisch abgespielt hat. Ob man die Darstellung der Evangelien für vertrauenswürdig hält, wird deshalb wesentlich davon abhängen, ob man die Perspektive, aus der dieses Leben dargestellt wurde, nämlich die Auferweckung Jesu, für glaubwürdig hält.

Nur kurz erwähnen will ich, dass es seit dreihundert Jahren eine intensive Forschung gibt, die versucht hinter der Deutung der Evangelien zum historischen Jesus vorzudringen. Diese Forschung hat viele Phasen, Krisen und immer wieder hoffnungsvolle Neuanfänge. Darauf kann ich im Detail jetzt nicht eingehen. Doch inzwischen ist man wieder zuversichtlicher geworden und meint zumindest Grundzüge des Wirkens Jesu und seines Selbstverständnisses erhellen zu können. Mit relativer Sicherheit kann man sagen: Jesus war Jude und hat sein Judentum nie hinter sich gelassen. Er hat eine besonderen Hoheitsanspruch vertreten, war der Überzeugung, dass das Reich Gottes, also die umfassende Heilung der Schöpfung bald hereinbrechen wird. Gleichzeitig war er der Meinung, dass dies mit ihm und seiner Sendung zusammenhängt, so sehr, dass das Reich Gottes durch ihn schon erste Blüten treibt (Heilungen, Erfahrungen der Nähe Gottes). Jesus wollte das messianische Israel schaffen und hat deshalb symbolisch für die wiederhergestellten 12 Stämme, zwölf Jünger erwählt. Diese Botschaft wurde Jedoch überwiegend von der jüdischen Bevölkerung abgelehnt. Schließlich wurde er als messianisch-politischer Volksverführer von den Römern gekreuzigt, hat aber vermutlich bis zum Schluss daran festgehalten, dass Gott ihn und seine Botschaft bestätigen wird. Leider kann ich ihnen nicht darlegen, auf welcher methodischen Basis man zu diesen Schlussfolgerungen kommt. Das würde den Rahmen sprengen.

III Welche Bedeutung für den Glauben hat die Tatsache, dass die Bibel ein geschichtlich entstandenes Buch ist?

Zentral für die biblische Botschaft ist, dass Gott ein den Menschen suchender Gott ist, ein Gott, der dem Menschen in seinem Kontext nahe kommen will. Der Kontext, in dem wir Menschen leben, ist aber nun einmal der geschichtlich-irdische, und deshalb muss sich Gott sozusagen klein machen, muss in geschichtliche Prozesse hineinschlüpfen, um bei uns anzukommen. Dieser Gedanke führte im Christentum so weit, dass man sogar zu formulieren wagte, dass Gott in Jesus Mensch wurde, also in einem Menschen zu uns kam. Der biblische Gott begegnet uns also auf unserer Ebene. Das ist die Kernaussage. Er ist nicht jenseits unserer Wirklichkeit, sondern er ist mitten im Leben gegenwärtig. Anders formuliert: Menschliche Prozesse können transparent werden für Gott. Gott bedient sich menschlicher Prozesse, um zu uns zu kommen. Freilich: Ob das hier oder da so ist oder es sich um rein menschliche Ereignisse handelt, das ist eine Frage des Glaubens bzw. der persönlichen Erfahrung. Ein Beispiel aus dem eigenen Leben: Es gab in meinem Leben eine Zeit, wo ich sehr intensiv nach Gott gesucht und ihn erst einmal nicht gefunden habe. Diese Krise fand ihren Höhepunkt in einem Gebet, wo ich Gott um eine Antwort gebeten habe. Danach sind viele für mich erstaunliche und überraschende Dinge geschehen, die ich nur als Antwort auf mein Gebet verstehen konnte. Seitdem ist Gott für mich eine Wirklichkeit. Aber natürlich: Jemand, der dies von außen betrachtet kann auch sagen: Das war doch alles nur Zufall. Oder: Der Hirschberg ist halt ein religiöser Spinner. Bezogen auf die Bibel: Ich kann ihren Inhalt auch rein immanent erklären, natürlich, aber es geht aufgrund der gemachten Erfahrung auch anders, und welche Erklärung die bessere ist, ist objektiv nicht zu entscheiden: Beispiel „Auferweckung Jesu“. Die Kehrseite der geschichtlichen Offenbarung Gottes ist deshalb notwendig die Verborgenheit. Gott ist und bleibt auch in seiner Offenbarung dunkel und verborgen und wird nur dort ein Stück weit hell, wo man sich dafür öffnet oder dafür geöffnet wird.

Dieses Sich-Klein-Machen, das beim Menschen Ankommen-Wollen hat notwendig auch zur Folge, dass Gott auf uns eingehen muss, dass er bereit ist, sich auf Prozesse einzulassen, und Prozesse sind nun einmal dadurch charakterisiert, dass nicht von Anfang an alles schon fertig ist. Fazit: Wir haben in der Bibel viele Texte, die Momentaufnahmen darstellen, aber isoliert genommen nicht einfach wahr sind. Sie sind es allenfalls für eine bestimmte Situation.

Dieses Sich-Klein-Machen hat auch zur Folge, dass die Bibel zwangsläufig auch Fehler enthält und enthalten muss. Gott kann nicht in die Geschichte eingehen, ohne auch in ihre Begrenzungen einzugehen. Die alten Pietisten haben sehr weise gesagt: Die Bibel steckt in genauso dreckigen Windeln wie der Sohn Gottes in der Krippe.

Aber ist die Bibel dann wenigstens theologisch eindeutig? Hat sie letzte Antworten auf die letzten Fragen? Selbst hier zögere ich! Denn wenn man philosophische Eindeutigkeit sucht, wird man oft enttäuscht. So gibt es Texte, die stark auf die Willensfreiheit des Menschen zielen und andere, die davon ausgehen, dass alles Wollen letztlich von Gott gewirkt wird. Solche Texte kann man nur kontextuell verstehen, so dass in einer Lebenssituation für mich das eine wesentlich ist, in einer anderen der andere Aspekt, aber eben nicht so, dass mir hier eine abgerundete Lehre von Freiheit und Prädestination gegeben würde. In einem allerdings ist die Bibel eindeutig: Sie bezeugt einen Personalen Gott, der nichts unversucht lässt, um bei uns anzukommen und um uns so zu heilen und die Schöpfung zu vollenden. Sie bezeugt Gott als den absolut liebenden.

So enthält die Bibel eine Antwort für unseren konkreten Lebensweg! Denn auch dann, wenn sie die großen theologischen und philosophischen Fragen nicht endgültig löst, so kann sie mir doch bei der Beantwortung meiner existentiellen Fragen zum roten Faden werden. Kurz: Die Bibel kann für mich das Tor zum Himmel werden, und dass sie dies werden kann, hängt sicher auch damit, dass Gott schon ein wenig mitgeholfen hat, dass sie entstand (Inspiration), aber sie ist nicht der Himmel. Ich soll nicht an die Bibel glauben, sondern an Gott, aber genau zu diesem Zweck hat uns Gott die Bibel geschenkt.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

Dr. Peter Hirschberg

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