Kennen Sie die Bibel? - eine Einführung in die Bibel in 90 Minuten

Kennen Sie die Bibel?

Sehr geehrte Damen und Herren,

in neunzig Minuten eine Einführung in die Bibel zu geben, ist ein gewagtes Unternehmen. Denn entweder wird das Ganze so vollgepackt, dass Ihnen der Kopf platzt, oder das Ganze wird so oberflächlich, dass Sie sich diesen Abend auch gut hätten sparen können. Was also ist möglich? Was ist sinnvoll?

Ich habe mich für Folgendes entschieden: Ich werde eine einzige Frage stellen. Diese Frage soll das Leitmotiv bilden, mit denen wir uns die Bibel erschließen wollen. Diese Frage ist die anthropologische Grundfrage: Wer ist der Mensch? Was ist seine Bestimmung? Wie kann er in seinem Leben Sinn finden? Und welche Rolle spielt in all dem Gott? Ich habe diese Frage gewählt, weil ich der Überzeugung bin, dass es eine Frage ist, die uns vermutlich alle bewegt, egal, wie religiös wir im Einzelnen sind. Außerdem ist es tatsächlich diese Frage, die die Bibel von der ersten bis zur letzten Seite beherrscht. Es ist natürlich klar, dass ich in diesen 90 Minuten nicht alle anthropologischen Texte der Bibel erschließen kann, aber ich hoffe, dass ich Ihnen von dieser Frage her zumindest den Aufbau und die innere Logik der Bibel verständlich machen kann, und zumindest einen Text, den werden wir uns etwas genauer ansehen.

Ich möchte so verfahren, dass ich mit einem alttestamentlichen Text beginne, nämlich der Schöpfungserzählung, um von dorther wesentliche biblische Perspektiven zu erschließen. Im Bereich des NT möchte ich dann keinen Einzeltext in den Mittelpunkt stellen, sondern den Jesus Christus der Evangelien, da Jesus in der christlichen Tradition das Urbild gelungenen Menschseins darstellt. Auf Einzelfragen kann ich natürlich nicht eingehen, denn wie gesagt: Das Ganze soll in 90 Minuten dann auch beendet sein. Deshalb soll damit auch die Vorrede beendet sein und das Abenteuer Bibel beginnen.

I Der Mensch nach der alttestamentlichen Schöpfungsgeschichte

Israel hat seine wichtigsten Gedanken zum Thema Mensch innerhalb der Schöpfungsgeschichte verankert. Dem liegt auch eine innere Logik zugrunde. Denn, so hat man gedacht, wenn Gott den Menschen geschaffen hat, dann wird er sich wohl auch etwas dabei gedacht haben und dann ist es sinnvoll, diese Gedanken über den Menschen dort einzubringen, wo alles seinen Anfang nahm. Eine kleine Zwischenbemerkung: Die biblischen Autoren haben kein großes Interesse daran zu erzählen, wie Gott den Menschen geschaffen hat, ob durch einen spontanen Akt oder durch einen Jahrmillionen dauernde Evolution, wichtig war ihnen nicht das „wie“, sondern das „warum“ und das „wozu“. Natürlich tun sie das in der Sprache und im Weltbild ihrer Zeit. Aber nicht darauf kommt es an, sondern auf die inhaltliche Bestimmung von Menschsein.

Die klassische anthropologische Bestimmung steht in Gen 1, 26f. Dort heißt es: „Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bild, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“

Der Mensch, ein Bild Gottes, was bedeutet dieser Ausdruck, den man in der christlichen und philosophischen Tradition des Abendlands mit „imago die“ wiedergegeben hat und der noch heute, z.B. auch in der Menschenrechtsdiskussion, immer wieder auftaucht. Die Bedeutung des hebräischen Wortes, das hier für Bild steht heißt zelem. Den Bedeutungsgehalt dieses Wortes kann man sich am besten erschließen, wenn man darüber nachdenkt, wie dieses Wort in anderen antiken Kulturen jener Zeit verstanden wurde. In Ägypten z.B. konnte man mit zelem die Statuen des Pharao bezeichnen und meinte damit, dass die Statuen den Pharao repräsentieren, z.B. sein Herrschaftsgebiet. Umgekehrt ist der Pharao selbst Gott gegenüber Gott zelem. Mit anderen Worten: Bei zelem geht es um Repräsentanz. Bezogen auf unsere Stelle: Es ist damit nicht gesagt, dass Gott genauso aussieht wie wir, sondern, dass wir Menschen Gott in dieser Welt repräsentieren sollen. (Diplomat)

Aber wie repräsentiert man Gott? Das kann man nur, wenn man weiß, wer Gott ist und was er will? Was nun aber Gott will, das kann man der Schöpfungsgeschichte entnehmen: Gott ist ein Liebhaber des Lebens, und deshalb sollen auch wir es sein!

Damit ist klar, was mit dem „Untertan-Machen“ und dem „Herrschen“ gemeint ist, das einige Verse weiter beschrieben wird: Kein despotisches und ausbeuterisches Unternehmen, sondern eine Wahrnehmung der Verantwortung, die dem Leben und der Liebe zum Leben entspricht.

Die Aufgabe des Menschen in der Welt ist also das dem Leben gemäße Gestalten und Wirken. Dies aber kann er nur, wenn er eine Beziehung zu Gott hat, wenn er weiß, was im Sinne Gottes ist und wenn er den Willen Gottes als einen guten Willen erkannt hat.

Es wird in diesem ersten Schöpfungsbericht auch gesagt, dass der Mensch als Mann und Frau geschaffen ist. Er ist in seinem Wesen also auch ein soziales Wesen:

Erstes Bild: Der Mensch in einer dreifachen Beziehungskonstellation!

Es gibt nun noch einen zweiten Schöpfungsbericht, und der ist mit der Geschichte verbunden, die wir als die Geschichte vom Sündenfall kennen. Dabei ist nun von vornherein eines wichtig. Diese Geschichte ist keine historische Darstellung, nach dem Motto: Einst war der Mensch noch gut, doch dann hat er gesündigt, und von nun an ging es bergab. Diese Geschichte ist eher so zu verstehen, dass deutlich gemacht werden soll: Der Mensch hat zwar eine Bestimmung, aber dieser Bestimmung widerspricht er von Anfang an. Anders ausgedrückt: Der Mensch hat durchaus gute Anlagen, aber diesen folgt er oft nicht, weil er meint, dass er auf andere Weise besser glücklich werden kann. Das Grundproblem seines Menschsein besteht nun darin, dass er Gott nicht genügend vertraut. Dies macht am anschaulichsten die Geschichte vom Sündenfall deutlich, und deshalb möchte ich auf sie kurz eingehen. Aber noch einmal: Wenn wir die Geschichte von Adam und Eva lesen, dann müssen wir sie als unsere Geschichte lesen, als eine Geschichte, die sich immer wieder wiederholt: Adam und Eva bin ich selbst. Aber nun zur Geschichte vom „Sündenfall“. In dieser Geschichte (Gen 3) wird das berühmte Gespräch zwischen Eva und der Schlange berichtet:

Dieses Gespräch beginnt damit, dass die Schlange die klare Weisung Gottes infrage stellt: „Sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?“ Die Schlange ist sehr klug. Sie stellt Gottes Gebot nicht von Anfang an radikal infrage. Sie sagt nur: „Lass uns doch mal darüber diskutieren, warum das Gott eigentlich gesagt hat.“ Warum hat er es denn gesagt? Wenn man dem Bericht vorher lauscht, dann merkt man, dass dieses Gebot nicht im Zentrum steht. Im Zentrum steht die Güte Gottes. Wenn Gott an einem Punkt Grenzen setzt, dann nur deshalb, weil er weiß, dass der Mensch dort, wo er grenzenlos wird, wo er sich selbst zum letzten Maßstab aller Dinge macht, gnadenlos scheitern wird. Aber die Schlange rückt nun gerade das Verbot in die Mitte, und wenn wir weiterlesen wird schnell klar, worauf sie eigentlich hinaus will. „Da sprach die Frau zur Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten, aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!“ Eigentlich, so möchte man sagen, liefert Eva hier eine neutrale Beschreibung dessen, was Sache ist. Sieht man jedoch genauer hin, dann merkt man, dass sie übertreibt. Denn „rühret sie nicht einmal an“, das hat Gott nicht gesagt. Daran merkt man, dass die Lust bzw. der Reiz, davon zu essen, bereits da ist. Die Schlange hat also einen ersten Teilerfolg. Nun geht sie zum Generalangriff über und lässt die Katze aus dem Sack: „Da sprach die Schlange zum Weib: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tag, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“ In dieser kurzen Sequenz enthüllt die Schlange, was ihrer Meinung nach die tieferen Absichten Gottes sind, warum er dieses gebot gegeben hat. Sie zeichnet Gott als einen Gott, der missgünstig ist, der den Menschen etwas Gutes vorenthalten will, der, so könnte man sagen, Angst davor hat, dass der Mensch durch das Wissen zu mächtig werden könnte und ihn, Gott am Ende, entmachtet. Also nicht die Güte Gottes ist Anlass für das Gebot, sondern seine Angst, dass der Mensch zu groß werden könnte. Mit anderen Worten: Gott will den Menschen klein halten. Er will ihm etwas vorenthalten. So isst die Frau, die Grenze wird überschritten, und das Unglück nimmt seinen Lauf. Was ist also das Grundproblem des Menschen: Sein mangelndes Vertrauen in die Güte Gottes, das ihn nicht erlaubt, die Gebote Gottes als Ausdruck seiner Güte zu verstehen, sondern ihn zur Übertretung bringt und ihn damit ins Unglück stürzt. Die Kehrseite dieses Misstrauens ist die Hybris, die menschliche Eigenmächtigkeit, die darin besteht, dass der Mensch meint, er könne seines eigenen Glückes Schmied sein: ohne Gott.

Kehren wir zu unserem Bild zurück, dann könnte man sagen, dass dieser zweite Schöpfungsbericht den ersten vertieft. Er macht deutlich, warum das mit der Gottesbeziehung nicht so klappt. Er macht noch etwas Weiteres deutlich: Nämlich, dass der Mensch, der nicht mehr in der Gottesbeziehung steht, automatisch auch eine gestörte Beziehung zu sich selbst hat. Nicht umsonst heißt es, dass sich die beiden nun auf einmal schämen. Scham aber ist immer Ausdruck einer gestörten Selbstbeziehung. Nacktheit zielt ja nicht nur auf die körperliche Nacktheit, sondern auch auf die innere: Man kann nicht mehr zu sich stehen. Der Mensch, der in Gott verankert ist, hat Identität: Er kann sich annehmen, weil er sich angenommen und geliebt weiß. Wer diesen Bezug verloren hat, der fühlt sich minderwertig und ist dazu verdammt, sich selbst wertvoll zu machen. Ob das freilich gelingen kann mit unseren normalen Mitteln, das ist die Frage, mit der alles steht und fällt.

Zusammenfassung: Der Mensch hat eine Bestimmung, aber dieser entspricht er aus besagten Gründen nicht: Die Folge davon ist Unheil. Dies malt die Urgeschichte der Bibel in allen Aspekten aus. Sie thematisiert die Sündenbockmentalität, den Mord (Kain und Abel), den Machtmissbrauch und manches mehr. Es wird ein durchaus pessimistisches Bild gezeichnet: Der Mensch, wie wir ihnen kennen, ist krank, lebt im Widerspruch zu seiner Bestimmung und bedarf deshalb der Heilung.

Man kann also sagen: Die ersten elf Kapitel der Bibel stellen eine Diagnose, der Rest der Bibel ist die göttliche Therapie. Diesem Rest wollen wir uns nun in der gebotenen Kürze zuwenden.

II Der Beginn und die Basis der göttlichen Heilsgeschichte

Die göttliche Heilungsgeschichte beginnt mit Abraham (Gen 12, 1-3). Gott ruft einen Menschen heraus, um etwas Neues in dieser Welt anzuleiern. Dabei ist natürlich für die biblischen Autoren klar: Abraham ist die Keimzelle Israels. Das ist wiederum äußerst wichtig wahrzunehmen: Die Erwählung Israels, die in Abraham vorgebildet ist, ist kein Selbstzweck: Sie soll den göttlichen Segen an die ganze Menschheit vermitteln. Partikularismus und Universalismus sind also kein Gegensatz. Im Partikularismus zeigt sich, dass Gottes Liebe konkret ist. Im Universalismus, dass sie letztlich allen gilt. Im Klartext: Gott hat Israel nicht erwählt, weil er Lieblingskinder hat, sondern, weil er durch Israel alle erreichen will.

Aber worin besteht die Heilungsgeschichte Gottes nun konkret. Zeichnen wir zuerst die äußeren Fakten, wie sie die Bibel erzählt, grob nach: Abraham und Sara bekommen Issak. Isaak und Rebekka gebären den Jakob. Jakob hat zwölf Kinder. Diese geraten durch eine Hungersnot und eine dramatische Familiengeschichte nach Ägypten. Das alles erzählt das Buch Genesis. In Ägypten wird aus dieser Familie ein Volk, das im Laufe der Zeit in die Sklaverei gerät. Jetzt beginnt die Mosesgeschichte: Gott erbarmt sich seines Volkes und führt es durch Mose aus der Sklaverei. Das erzählt das Buch Exodus. Er führt sie weiter durch die Wüste an den Sinai, wo Gott mit Israel einen Bund schließt und ihnen seine Gesetze gibt. Davon erzählt der zweite teil von Exodus, das dritte Buch Mose, Levitikus, das vierte Buch, Numeri, und im fünften Buch Mose, Deuteronomium, wird dann kurz vor dem Einzug ins verheißene Land, den Mose nicht mehr erlebt, das ganze Gesetz noch ein zweites Mal erzählt. Damit haben Sie einen Überblick über die Tora, die Heilige Schrift des jüdischen Volkes.

Worin besteht aber nun die Heilung? Sie besteht in der Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes und in der Hoffnung, dass der Mensch, der diese Barmherzigkeit erfahren hat, Gott neu zu vertrauen lernt und damit auch bereit wird, seine Gebote zu halten. Dieser innere Zusammenhang wird sehr schön am Beginn der Zehn Gebote deutlich gemacht, wo zuerst Gott als der Befreier in den Mittelpunkt rückt, bevor dann die Gebote in den Blick kommen (Ex 20,1ff).
Ein jüdischer Midrasch bringt diese Logik gut auf den Punkt. Da wird von einem König erzählt, der in ein anderes Land zieht, weil er auch über die dortigen Bewohner König sein will. Nun, er erobert das Land nicht einfach, sondern fragt die Leute, ob sie das wollen. Daraufhin sagen sie: Du willst über uns König sein, aber was hast Du eigentlich für uns getan? Hast Du uns geholfen, Kanäle anzulegen, eine Stadtmauer zu bauen und uns gegen unsere Feinde verteidigt? Nichts hast Du getan und willst doch über uns König sein. Scher dich zum Teufel. Daraufhin, so heiß es, ging der König hin, baute ihnen einen Kanal, befestigte die Stadtmauer und kämpfte gegen ihre Feinde. Dann ging er wieder hin und sagte: Ich will über euch König sein. Da sagten sie: So sei es! So auch der Ewige, gepriesen sei sein Name ….“
Man muss Gott vertrauen können, aber das kann man nur, wenn er uns auch wirklich vertrauenswürdig erscheint.

Nun besteht das AT natürlich nicht nur aus der Tora, sondern auch noch aus vielen anderen Büchern. Ich habe diese mal hier im Überblick dargestellt. Interessant ist nun, wie diese Bücher in der jüdischen Tradition angeordnet sind: Tora – Neviim – Ketuvim. Hinter dieser Anordnung steckt auch eine Theologie. Diese heißt: Die Basis ist die Tora. In ihr steht sozusagen alles, was man zu einem seligen Leben braucht. Dann kommen die Propheten. Sie werden als Mahner zur Umkehr verstanden, was sie ja auch waren. Sie verkündigen Teschuwa, Umkehr zu Gott. Interessant ist, dass auch die Geschichtsbücher zu den prophetischen Büchern gezählt werden. Warum? Weil hier Geschichte aus einer prophetischen Perspektive erzählt wird. Wichtig war den Leuten nicht, wie es historisch exakt war, sondern, ob die Herrscher im Sinne Gottes regiert haben, was sie natürlich oft nicht haben, und aus dieser Perspektive hat man dann auch Geschichte gedeutet. Die dritte Gruppe sind dann die Schriften. Man könnte sagen, der Rest, aber eben durchaus auch mit einem theologischen, an der Tora angelehnten Akzent: Hier wird dann sozusagen frommes Anschauungsmaterial mitgeteilt, Beispiele für ein frommes Leben. Sie sehen: Es gibt in dieser Aufteilung eine durchaus theo-logische Struktur.

Lassen Sie mich nun zum Neuen Testament kommen, auf dass ich natürlich ungern verzichten möchte, auch wenn die Zeit schon fortgeschritten ist. Aber ich versuche, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

III Das Neue Testament: endgültige Heilung?

Ich möchte noch einmal die anthropologische Perspektive aufnehmen. Die These war: Der Mensch widerspricht seiner Bestimmung. Er bedarf der Heilung. Deshalb initiiert Gott die Heilsgeschichte, und – so könnte man etwas spöttisch sagen – dann ist alles gut. Aber ist nun wirklich alles gut? Bereits im AT kann man fragen, ob die göttliche Heilsgeschichte das war, was man heute eine Erfolgsstory nennen würde. Jedenfalls lässt der Widerstand der Propheten deutlich erkennen, dass das, wenn überhaupt, dann nur sehr eingeschränkt der Fall war. Deshalb taucht bereits bei den Propheten die Hoffnung auf, dass Gott in der Zukunft noch einmal neu und entscheidend eingreifen muss, dass es wirklich zu einer radikalen Wende kommt: Denn was immer noch fehlt ist das neue Herz! (Jer 31,31)

Christliche Überzeugung nun ist, dass das Neue bereits gekommen ist und dass der, der das neue Herz hat, der Jude Jesus von Nazareth ist. Noch einmal anders ausgedrückt: Jesus ist der neue Mensch, der Mensch, wie Gott ihn sich gedacht hat, das eigentliche Ziel der Heilsgeschichte, und durch ihn erst wird die neue Menschwerdung möglich. Aufzeigen an der paulinischen Adam-Christus-Typologie!

Aber warum und inwiefern versteht man Jesus als den neuen Menschen. Lassen Sie uns so vorgehen: Nehmen wir einmal das kleine Bildchen, das ich aufgrund der AT-Texte entworfen habe, und überlegen wir, ob man nun bei Jesus wirklich von gelingendem Menschsein sprechen kann:

Gottesbeziehung: Das Auffällige bei Jesus ist sicher seine Gottesbeziehung. Jesus war Mensch, ganz und gar, aber auffällig ist, dass er uns als Mensch begegnet, der aus der Gewissheit lebt, dass Gott auf seiner Seite und er auf der Seite steht. Das scheint für ihn eine unhinterfragbare Selbstverständlichkeit zu sein. Im religionswissenschaftlichen Vergleich ist dies, so meine ich, nun aber schon auffällig: Viele Religionsstifter müssen oder wollen begründen, warum sie die Autorität haben, im Namen Gottes zu reden und aufzutreten. Bei Jesus fehlt dieser Legitimationsdruck. Diese Gottesgewissheit zeigt sich in vielen Punkten: Abbaanrede, Sündenvergebung, Toraauslegung, Reich-Gottes-Verständnis.

Selbstbeziehung: Das Neue Testament hat nicht das psychologische Interesse, das wir heute haben. Dennoch kann man aufgrund äußeren Verhaltens zumindest direkt erschließen, wie das Selbstbewusstsein Jesu beschaffen war. Was das äußere Verhalten angeht, so ist es nun auffällig, dass Jesus ein zutiefst freier Mensch war. Die meisten Menschen bestimmen ihren Selbstwert von außen her, von ihren Werken zum Beispiel oder von der Anerkennung der Menschen, Jesus hatte das m.E. nicht nötig. Er konnte das Nein der Menschen ertragen, was sich an der Beziehung zur Familie aber auch an der Beziehung zu seinen Gegner zeigt. Wie konnte er das? Vielleicht liegt die Antwort in seinem Gottesverhältnis, das ihm Selbstbewusstsein gab und ihn so frei und unabhängig machte.

Beziehung zum Nächsten: Jesu Wirken ist dadurch charakterisiert, dass er sich vor allem den Sündern zugewandt hat. Er hat also Menschen nicht von ihrem konkreten So-Sein her beurteilt, sondern er hatte, so kann man sagen, die Kraft tiefer zu sehen, Menschen von Gott her zu sehen, sie von ihrem Potential her zu sehen. Deshalb ging eine verändernde Kraft von ihm aus.

Schöpfung: Jesus sah nicht nur Natur. Er sah Schöpfung. Er sah in der Natur die geheimnisvolle Handschrift Gottes. D.h. seine Gottesbeziehung hat ihn gelehrt, die Umwelt mit Staunen und Ehrfurcht zu betrachten.

Zusammenfassend kann man sagen: Der Quellgrund seines Lebens war die Gottesbeziehung, und diese hat ihn dazu befähigt, auch die anderen menschlichen Beziehungskategorien in Harmonie zu Leben. Deshalb bezeichnen wir Jesus im Christentum als vollkommenen Menschen.

Freilich: Dieses faszinierende Menschsein wurde historisch betrachtet durch die Kreuzigung radikal in Frage gestellt. … Erst durch die Erfahrung der Auferweckung Jesu begriffen die Jünger neu, dass Gott tatsächlich Ja zu Jesus sagt, dass er tatsächlich der von Gott verheißene Heiland ist. Jetzt konnten sie wieder an ihren einstige Erfahrungen anknüpfen und, so kann man sagen, jetzt begriffen sie erst so richtig, wer er war. Aus dieser Perspektive wurden dann auch die Evangelien beschrieben, und ihr Hauptziel bestand eben darin, Jesus als den vollkommenen Menschen darzustellen, der vollkommen ist, weil Gott in ihm wohnte, und der deshalb auch uns wieder zu heilen Menschen machen kann. Das kann er immer noch, denn er ist ja als der Auferstandene unter uns gegenwärtig. Deshalb spricht Paulus davon, dass Jesus der Erstling ist. Sehr schön dargestellt ist dies auf griechischen Auferstehungsikonen.

Wenn sie unter dieser theologischen Perspektive das NT betrachten, dann haben sie die vier Evangelien, die uns in sehr unterschiedlicher Zielsetzung Jesus als wahren Menschen vor Augen malen und sie haben des Weiteren die ntl. Briefliteratur, wo vor allem der Frage nachgegangen wird, wie dieser Glaube an Jesus mich im Hier und Heute verwandeln kann. Dazwischen ist die APG, die erzählt, wie der christliche Glaube sich von Jerusalem aus über Israel hinaus ausgebreitet hat, und sie haben die Offenbarung die den Blick auf das zukünftige Handeln Gottes legt, der diese Schöpfung endgültig vollenden wird.

Kurzer Überblick über den Gesamtaufriss des NT.

IV Jüdische und christliche Bibel

Ich habe Ihnen bereits gezeigt, wie Juden das AT aufteilen. Wer in der christlichen Tradition bewandert ist, der wird bereits gemerkt haben, dass in der christlichen Bibel die Aufteilung eine andere ist. Dort stehen am Schluss die Propheten, und das hat natürlich theologische Gründe, denn für Christen weist das AT über sich hinaus, da fehlt noch was, und das was fehlt, ist für sie Jesus Christus. Deshalb positioniert man die Propheten anderes als Juden. Sie werden nicht in erster Linie als Mahner zur Tora verstanden, sondern als solche, die auf den Messias weisen, und deshalb stellt man sie ans Ende und macht damit deutlich, dass die prophetische Botschaft in Jesus Christus ihr Ziel und ihre Mitte findet.

Der entscheidende Unterschied zwischen Christen und Juden ist der Glaube an Jesus Christus. Dieser Unterschied zeigt sich im unterschiedlichen Bibelverständnis, so dass es im Grunde genommen zwei Bibeln gibt: die jüdische und die christliche. Juden lesen die Hebräische Bibel in der Perspektive der rabbinischen Schriften, mit der Brille des Talmud, und machen dadurch deutlich, dass für sie das entscheidende Zentrum die Tora ist. Christen dagegen lesen die Hebräische Bibel, ihr Altes Testament, aus der Perspektive des christlichen Glaubens, und machen damit deutlich, dass sich für sie Christus das Ziel der göttlichen Heilungsgeschichte ist. Beide lesen das Alte Testament, beiden ist sie Heilige Schrift, und dennoch interpretieren sie sie unterschiedlich, und beide haben dafür gute Argumente. Es ist so letztlich eine Frage des persönlichen Glaubens, welche Lesart man bevorzugt, und doch kann der Diskurs über diese unterschiedliche Zugangsweise beide bereichern. Würden wir dem weiter nachgehen, dann wären wir mitten im christlich-jüdischen Dialog drin. Das können wir heute leider nicht tun. Aber ich denke, dass es, wenn man die Bibel zum Thema macht, auch wichtig ist wahrzunehmen, dass es die Bibel nicht gibt: Es gibt eine jüdische und eine christliche Bibel.

Ich danke Ihnen für ihre Aufmerksamkeit!

Dr. Peter Hirschberg

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