Christusbegegnung heute (Lukas 24, 13-35)

Zwei Jünger sind unterwegs nach Emmaus. Ihre Gesichter wirken beunruhigt und traurig. Lange Zeit trotten sie nur schweigend nebeneinander her, dann jedoch entwickelt sich ein erregtes und leidenschaftliches Gespräch zwischen den beiden. Sie scheinen sich ihren Kummer von der Seele zu reden. Plötzlich stößt noch ein anderer zu ihnen. Ein einsamer Wanderer, der den gleichen Weg hatte. Im ersten Augenblick ist es ihnen gar nicht so recht, dass sich da noch jemand zu ihnen gesellt. Sie wollen eigentlich lieber alleine und ungestört miteinander reden. Doch man will nicht unfreundlich sein, sagt ein paar höfliche Worte, mit dem mehr oder weniger willkommenen Ergebnis, dass sich der einsame Wanderer den beiden anschließt.

Dieser hat anscheinend ein paar Gesprächsfetzen aufgefangen, die ihn neugierig machten. Deshalb fragt er nach: „Sagt mal, ich habe dauernd das Wort Hinrichtung gehört. Wer wurde denn hingerichtet. Worüber redet ihr?“

Plötzlich blieben sie traurig stehen. Die Frage des Fremden war wie ein erneuter Stich in die bereits schmerzende Wunde ihrer Seele. „Ach“, sagt einer resigniert und hoffnungslos, „du bist wohl wirklich der einzige, der noch nicht gehört hat, was am Passafest in Jerusalem geschehen ist. Jesus von Nazareth wurde gekreuzigt. Und weißt du: Wir haben an ihn geglaubt. Wir haben gehofft, dass er der verheißene Messias ist. Derjenige, der alles wieder gut und heil machen wird, der unser Volk von aller Knechtschaft erlösen wird. Sieh mich nicht so an, wie wenn ich verrückt wäre. Dieser Mann war so erfüllt von Gott und seiner Liebe, dass er wirklich wie eine Initialzündung auf uns wirkte. Wir hatten auf einmal wieder Visionen und Träume, fühlten uns lebendig und waren begeistert wie nie zuvor. – Ach, warum erzähle ich das alles. Es hat ja doch keinen Sinn. Er ist tot. All die schönen Träume sind nun ausgeträumt. Alles ist wieder öde und grau. Anscheinend haben wir uns doch in ihm getäuscht.“ Der Fremde scheint zu verstehen.

„Ach ja, eines habe ich noch vergessen“, sagt plötzlich Kleopas: „Heute morgen haben uns einige Frauen verwirrt, auch Anhängerinnen des Nazareners. Wie aufgeregte Hühner kamen sie zu uns und erzählten, dass sie sein Grab leer gefunden haben. Ein Engel wäre ihnen erschienen, der habe gesagt, dass Jesus lebt. Wie vom Hafer gestochen rannten wir zum Grab. Es war tatsächlich leer. Im ersten Moment dachte ich tatsächlich, ob es sein könnte …. Aber im zweiten Moment hat mich die Wirklichkeit wieder eingeholt. Natürlich können das auch Grabräuber gewesen sein, und die Geschichte mit dem Engel konnte sowieso keiner so recht glauben. Frauen haben manchmal eine rege Phantasie. Sie bilden sich irgendetwas ein, und dann meinen sie auch noch, es wirklich gesehen zu haben.“

Der Wanderer ist immer noch ganz Ohr. Nach einer kurzen Pause beginnt er zu sprechen. Er kennt sich anscheinend aus mit den heiligen Schriften Israels. Jedenfalls erwähnt er Stellen, die darauf hinweisen, dass der verheißene Messias leiden muss. „Was wäre denn gewesen“, so sagt er, „wenn euer Jesus auf die gemeine Bosheit, die ihn ans Kreuz gebracht, mit Gewalt reagiert hätte. Was wäre gewesen, wenn er sich gewehrt hätte und Legionen von Engeln angefordert hätte, um die Römer niederzustrecken? Dann wäre die Spirale von Hass uns Gewalt weiter angeheizt worden. Aber indem er still hielt uns sich umbringen ließ, lief sich die menschliche Bosheit tot in seiner Liebe. Könnte es nicht sein, dass seine Kreuzigung gar nicht die große Katastrophe war, für die ihr sie haltet. Könnte es nicht sein, dass Gott das Böse durch Liebe überwinden wollte.“ Plötzlich überkam die beiden ein Gefühl, dass sie schon lange nicht mehr hatten. Ihr Herz begann zu brennen. Sinn leuchtete in ihren Herzen auf. So wie sie es oft erlebt hatten, als er noch unter ihnen war. Ein Mosaikstücken fügte sich zum andern, und plötzlich war wieder ein Schimmer der Hoffnung da. War doch noch nicht alles zu Ende?

Schließlich wird es Abend und der Fremde will wieder gehen. Doch die beiden wollen ihn nicht gehen lassen. Das Gespräch mit ihm hat ihnen so richtig gut getan. „Bleib doch bei uns. Dort ist eine Herberge. Lass uns dort einkehren.“ Der Fremde lässt sich überreden. Als sie so am Tisch sitzen, nimmt er wie selbstverständlich das Brot und bricht es. Plötzlich geht es ihnen durch und durch. Wie Schuppen fällt es ihnen von den Augen. Es ist der Herr. Überglücklich sahen sie sich an. Und als sie ihn wieder ansehen wollten, da war er weg. Dennoch: Sie fühlten sich nicht mehr allein. Die Frauen haben nicht geträumt. Der Herr lebt.

So ist das mit der Auferstehung! Da können einem die Menschen hunderttausendmal erzählen, dass er wirklich auferstanden ist, man glaubt es doch nur, wenn man die Wirklichkeit des Auferstandenen selbst erlebt. Das ist heute nicht anders als damals. Natürlich kann ich jemanden, der mit der Auferstehung Schwierigkeiten hat, ein paar Argumente an die Hand geben. Ich kann darauf hinweisen, dass die Auferstehungsvisionen der Jünger historisch gut bezeugt sind. Ich kann fragen, ob es denn wirklich wahrscheinlich ist, dass die niedergeschmetterte Psyche der Jünger die Kraft hat, Visionen dieses Formats zu erfinden. Aber dennoch bleibt das Ganze unglaublich. Man muss schon selbst etwas davon erleben und spüren, wenn es einem im Herzen gewiss machen soll.

Aber kann man denn den auferstandenen Christus persönlich erfahren? Heute noch? So real wie damals? Die Emmausgeschichte gibt darauf eine erstaunliche Antwort. Es ist ja eigenartig, dass Jesus hier inkognito auftritt, als Wanderer verkleidet, so dass selbst die Jünger einige Zeit brauchen, bis sie ihn erkennen. Aber darin steckt eine tiefe Botschaft. Damit will uns Lukas sagen: Das ist die Art und Weise, wie uns der Auferstandene begegnet. Er kleidet sich in ganz alltägliche Gewänder. Er kann überall hineinschlüpfen, um uns zu begegnen. Deshalb: Schaut nicht nach oben, in den Himmel, wo ihr Gott und Christus vermutet. Nehmt euer Leben, nehmt die Gegenwart, den Alltag, den Raum, wo ihr lebt, ganz ernst. Dort ist Christus. Dort will er euch begegnen. Ihr müsst nicht heilige Räumer aufsuchen. Ihr müsst keine religiösen Spezialerfahrungen suchen und tausend Euro hinblättern, um einen Meditationskurs zu absolvieren. Christus kann alles „anziehen“, um euch zu begegnen. Es kann sein, dass ihr ein Buch lest, plötzlich geht euch ein Licht auf und ihr fühlt euch ihm ganz nahe. Es kann ein Gespräch sein, bei dem ihr merkt: es war kein Zufall, sondern durch den oder die andere hat Christus zu mir gesprochen. Es kann die Natur sein. Es kann letztlich alles sein, wodurch Christus euch begegnet. Aber wenn er euch begegnet, dann ereignet sich mitten im Alltag Übernatürliches, dann bricht der Himmel herein, mitten in unsere irdische Wirklichkeit, dann brennt das Herz.

Vielleicht denkt jetzt jemand: „Ja, das wäre schon schön. Das würde ich mir eigentlich auch wünschen, solche Christusbegegnungen, die mein Leben mit Sinn und Inhalt erfüllen, die auch das Alltägliche in einem anderen Licht erscheinen lassen. Aber ich erfahre so etwas eigentlich nicht oder nur selten.“ Woran könnte das liegen? Vielleicht liegt es daran, dass wir unser Leben nicht bewusst genug betrachten. Vielleicht müssen wir lernen, es noch viel mehr aus einer Perspektive zu sehen, die für Gottes Wirken offen ist. Neu achtsam werden! Es gibt eine kleine Übung, die mir sehr hilft. Sie besteht darin, dass ich am Morgen Gott bitte, meinen Tag zu segnen, ihm alles anbefehle, auch das Schwierige, ihn bitte, mir entgegen zu kommen, durch all das, was heute geschieht. Und, das ist vielleicht sogar noch das Entscheidendere, nehme ich mir am Abend ein wenig Zeit, gehe den Tag noch einmal durch, von morgens bis abends, überlege, was alles gewesen ist und wo ich in all dem Gottes Liebe und Güte schmecken durfte. Ich bin dann oft richtig überrascht, wie lebendig Gott am Wirken war, wie er für mich da war, und je öfter ich das mache, desto mehr wächst mein Vertrauen, mein Glaube daran, dass Gott lebendiger und wirklicher in meinem Leben da ist als alles andere. Klar: Wir können Gottes Wirken nicht machen. Aber wir müssen es auch nicht. Er ist da, für uns da, für mich da, jeden Tag. Ich muss mich nur dafür öffnen.

Die gute Botschaft von Ostern heißt: Ostern ist mit Ostermontag nicht vorbei. Jetzt geht es erst richtig los. Gott will uns ermutigen, mitten im Leben die Spuren des Auferstandenen zu sehen. Je mehr wir darin ein Meister oder eine Meisterin werden, desto mehr wird uns das Herz brennen, desto mehr werden wir mit Osterfreude erfüllt werden.

Amen

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