Aufbruch zum Leben in der Nachfolge Christi – Pilgern im Christentum

[Veröffentlicht in: Wege zum Wachsen eröffnen. Die Vielfalt des Pilgerns in der ELKB, hrsg. v. Gußmann, O., Kaminsiki, M., Roßmerkel, T., Nürnberg 2020, 31ff.]

Ein gewisser Philipp, Priester aus Lincoln, begab sich im 12. Jahrhundert auf Pilgerfahrt ins Heilige Land, kam aber nicht sehr weit, sondern strandete im Zisterzienserkloster von Clairvaux. Nicht weil seine Blasen an den Füßen zu sehr schmerzten, sondern weil er das, was er sich von seinem Pilgerziel Jerusalem erhofft hatte, bereits in Clairvaux fand. Der damalige Abt, der berühmte Bernhard von Clairvaux, war nicht ganz unschuldig an dieser Entdeckung und beschreibt den kostbaren Fund in einem Brief an den für Philipp zuständigen Bischof in Lincoln folgendermaßen: „Philipp ist in die Heilige Stadt eingetreten und hat sich für seinen Teil entschieden … Er ist kein wissbegieriger Zuschauer mehr, sondern ein ergebener Bewohner und eingetragener Bürger Jerusalems.“ Doch dieses Jerusalem, „wenn Sie es wissen wollen, ist Clairvaux. Es ist jenes Jerusalem, das mit dem himmlischen vereint ist durch wahre Frömmigkeit des Herzens, Gleichförmigkeit des Lebens und eine gewisse geistige Übereinstimmung.“ Kurz, und etwas undiplomatischer formuliert: Eine Pilgerfahrt nach Jerusalem ist eigentlich spiritueller Nonsens. Warum nach Jerusalem schweifen, wenn das Gute liegt so nahe, und das Gute bzw. Beste ist natürlich die gediegene zisterziensische Frömmigkeit von Clairvaux.

Ganz ähnlich klingt es, wenn eine Samaritanerin Jesus fragt, wo man Gott anbeten soll, ob in Jerusalem, wo der jüdische Tempel steht, oder auf dem Berg Garizim, wo die Samaritaner Gott verehren, und Jesus antwortet, dass die Zeit kommen wird, wo man den Vater „weder auf diesem Berge noch in Jerusalem“ (Joh 4,21) anbeten werde. „Denn die wahren Anbeter werden den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten (Joh 4, 23f).“ Anscheinend spielt für Jesus die ganze Frage nach heiligen Orten angesichts der gekommenen Heilszeit keine Rolle mehr.
So viel Richtiges an all diesen Einwänden gegen das Pilgern und gegen die besondere Verehrung heiliger Orte auch sein mag, all das hat nichts daran geändert, dass Christen und Christinnen schon sehr bald das in vielen Religionen geschätzte Ritual des Pilgerns übernahmen und mit großer Begeisterung in ihren Glauben integrierten. Im 4. Jahrhundert begann sich das christliche Pilgerwesen zu entwickeln, bis es im Mittelalter seinen Höhepunkt erreichte. Selbst die Aufklärungszeit konnte mit ihrer beißenden Kritik den Pilgerstrom nur kurzzeitig bremsen, und heute erlebt das Pilgern, wenn auch in modernem Gewand, eine Renaissance, mit der noch vor einigen Jahren niemand gerechnet hätte. Pilgerziele gab es durch die Zeiten viele, angefangen von den biblischen Stätten im Heiligen Land, über Rom und Santiago de Compostela, bis zu den zahlreichen regionalen Wallfahrtsorten direkt vor der Haustür.

Wenn nun manche Argumente, die gegen das Pilgern vorgebracht wurden, theologisch durchaus einleuchten, Christen und Christinnen aber dennoch mit großer Hingabe und Leidenschaft pilgerten und pilgern, und das schon sehr früh in der Kirchengeschichte, dann erhebt sich die Frage, ob sich hier eine Frömmigkeit ins Christentum eingeschlichen hat, die diesem eigentlich wesensfremd und vielleicht sogar abzulehnen ist, oder das Pilgern vielleicht doch eine durchaus sinnvolle und dem christlichen Glauben angemessene spirituelle Übung ist. Das ist die Frage, um die es im Folgenden gehen soll, und ich möchte mich einer Antwort annähern, indem ich in einem ersten Teil einen kurzen Überblick über die Geschichte des christlichen Pilgerns gebe. Anschließend will ich versuchen, theologisch und spirituell zu begründen, warum der christliche Glaube meiner Ansicht nach nicht auf das Pilgern verzichten sollte, – so berechtigt manche Kritik an bestimmten Fehlentwicklungen auch sein mag.

1) „Auf, lasst uns gehen …“ – eine kleine Geschichte des christlichen Pilgerns

Pilgern im Neuen Testament

Das Neue Testament kennt kein spezifisch „christlich“ motiviertes Pilgergebot, wenn man darunter die Aufforderung versteht, zu bestimmten heiligen Orten zu pilgern. Selbst die Tatsache, dass Jesus in Jerusalem gekreuzigt wurde und auferstand, und diese Ereignisse schon in den frühen neutestamentlichen Traditionen als die zentralen heilsgeschichtlichen Pole des christlichen Glaubens verstanden wurden, scheint in neutestamentlicher Zeit niemanden motiviert zu haben, nach Jerusalem zu pilgern. Der auferstandene Jesus galt als der wahre „Ort“ göttlicher Präsenz in dieser Welt (Joh 1,14), als der neue Tempel (Joh 2,18-22), und dem Auferstandenen und seinem Gott kann man durch die Kraft des Heiligen Geistes überall begegnen. Das neue, das himmlische Jerusalem (Offb 21) hat das alte Jerusalem zumindest in dieser Hinsicht klar verdrängt.

Pilgern in der Alten Kirche

In der konstantinischen Zeit (4. Jahrhundert) entwickelte sich das christliche Pilgerwesen in all seiner Dynamik und Fülle. Auslöser für diese Entwicklung waren die kirchlichen Baumaßnahmen Kaisers Konstantins im Heiligen Land, hinter denen handfeste religions-politische Motive standen. Worum ging es? Konstantin musste als Kaiser an der Einheit des Reiches gelegen sein, und als erster „christlicher“ Kaiser hoffte er natürlich, dass, statt des früheren heidnischen Kultes, nun auch der christliche Glaube diese Einheit begründen und auf Zukunft stellen könne. Ein erster wichtiger Erfolg war für ihn, dass es im ersten nizänischen Konzil (325 n. Chr.) gelungen war, die zersetzenden dogmatischen Streitigkeiten (vorerst) zu überwinden und die für alle Christen gültigen zentralen Heilstatsachen zu formulieren. Doch er wusste natürlich, dass Papier allein zu wenig nütze ist. Deshalb ließen er und seine Mutter, die fromme Helena, an den Stellen des Heiligen Landes Kirchen bauen, wo die zentralen, im Nicänum erwähnten heilsgeschichtlichen Ereignisse stattfanden: am Ort der Geburt in Bethlehem (Geburtskirche), am Ort der Kreuzigung und Auferstehung (Anastasis/Grabeskirche), und am Ort der Himmelfahrt auf dem Ölberg (Eleona/Himmelfahrtkirche). Diese Kirchen sollten als ein in Stein gehauenes Glaubensbekenntnis die entscheidenden Eckpunkte des ersten ökumenischen Konzils zementieren. Sie sollten Pilger anlocken, die neue Kirchen- und Reichseinheit in deren Bewusstsein fest verankern, sodass dieses Bewusstsein auch überall dort verbreitet wird, wohin diese Pilger zurückkehrten. Ein religionspolitisch genialer Schachzug!
War also wieder einmal alles politisch gesteuert, sogar das Pilgern? Man sollte mit einem solchen Urteil vorsichtig sein. Denn wenn es keine spirituellen Motive gegeben hätte, die über das Bewundern der großartigen konstantinischen Bauten hinausgingen, wäre der primär religionspolitisch motivierten Maßnahme Konstantins kein solcher immenser Erfolg beschieden gewesen. Genau das bezeugen dann auch die zahlreichen Quellen (Pilgerberichte, Itinerarien, Kirchenväterzitate), die wir aus dieser Zeit haben. Es sind dabei vor allem folgende Motive, die immer wieder genannt werden:

Die Pilger wollten tiefer erfahren, was sich einst an den biblischen Stätten ereignet hat. Sie wollten sich mit allen Sinnen die biblischen Geschichten vergegenwärtigen, sie meditieren. Heilige Stätten wurden so zu Erinnerungsorten, im Heiligen Land manchmal sogar zu regelrechten „Erinnerungslandschaften“ (Bieberstein). Wie man sich das konkret vorstellen kann, erzählt uns Hieronymus am Beispiel der heiligen Paula hat, die er auf ihrer Pilgerfahrt begleitet hat: „Vor dem Kreuz warf sie sich nieder und betete an, wie wenn sie den Herrn noch daran hängen sähe. Im Grabe küsste sie den Auferstehungsstein, den der Engel vom Eingang des Grabes weggewälzt hatte, und drückte ihre Lippen voller Glaubensdurst nach erwünschter Labung auf die Stelle, an der der Leichnam des Herrn geruht hatte“. Ähnliche Passagen finden wir auch in dem berühmten Pilgerbericht der Egeria, die Ende des 4. Jahrhunderts das Heilige Land besuchte.

Natürlich wurde Heiligkeit von den Pilgern auch materiell verstanden. Hier begegnet uns ein Verständnis von Heiligkeit, das in der Bibel eher ein Randphänomen ist, das sicher auch kritisch zu betrachten ist, das man aber trotz allem nicht zu schnell als magisch abqualifizieren sollte. In unterschiedlicher Intensität kann es durchaus Züge einer lebendigen und vertrauensvollen Gottesbeziehung aufweisen. In der Anastasis (Grabeskirche) kann man heute noch griechisch-orthodoxe Frauen sehen, die am Salbungsstein knien, diesen mit Öl benetzen, das Öl mit einem Lappen wieder aufwischen, um es schließlich in einem Fläschchen abzufüllen. Dieses Öl dient ihnen für religiöse Salbungen und Segenshandlungen zuhause. Natürlich spielt hier ein materielles Verständnis von Heiligkeit herein, aber eben auch viel Glaube, der sich in diesem materiellen Akt manifestiert. Das Materielle wird als etwas begriffen, durch das wir im Glauben mit dem in Kontakt kommen können, der hier gelebt und gewirkt hat. Es bekommt gewissermaßen sakramentale Züge, kann aber natürlich auch wie jedes rechte Sakrament magisch missverstanden werden. Egeria beschreibt dieses materielle Verständnis von Heiligkeit am Beispiel des Felsen in Tabgha, wo Jesus das Brot brach: ,,Und in der Tat, der Stein, auf den der Herr das Brot legte, ist nun zum Altar gemacht worden. Von dem Stein nehmen die, die kommen, kleine Stücke für ihr Heil; und es nutzt allen“.

Heiligkeit wurde aber auch durch Menschen vermittelt erfahren: durch Menschen, die an heiligen Stätten lebten und dort Gottesdienst feierten, sodass man mit ihnen gemeinsam in eine Atmosphäre der Heiligkeit eintauchen konnte; durch noch lebende Menschen, die als Glaubensvorbilder wirkten; aber natürlich auch durch als Heilige verehrte Märtyrer. Es ging also schon damals nicht nur um die toten Steine.

Pilgern im Mittelalter

Neben das Heilige Land mit seinen Pilgerzielen trat von Anfang an Rom, das seine Bedeutung bis ins Mittelalter hinein immer mehr steigern konnte und diese Bedeutung in der katholischen Welt bis heute bewahrt hat. In Rom gibt es zwar keine biblischen Stätten im eigentlichen Sinn, aber immerhin biblische Bezüge, da dort die beiden Apostelfürsten Petrus und Paulus das Martyrium erlitten. Bereits vom 2. Jahrhundert an ist eine Verehrung des Petrus- und des Paulusgrabes nachzuweisen; auch Anrufungen der beiden Heiligen sind in Form von Graffiti ab dem 3. Jahrhundert (z.B. in der S. Sebastian-Katakombe) erhalten. Wie in Jerusalem übte Konstantin auch in Rom seine religionspolitisch motivierte Bautätigkeit aus, indem er über dem Petrusgrab eine Basilika und über dem Paulusgrab eine kleinere Kirche errichten ließ. Beide Kirchen wurden immer wieder ersetzt, bis es zu den heutigen prächtigen Basiliken kann: dem Petersdom und Sankt Paul vor den Mauern.

Im 9. Jahrhundert erblickte dann Santiago de Compostela als drittwichtigstes Pilgerziel der westlichen Christenheit das Licht der Welt, weil dort der Einsiedler Teodemir – natürlich auf wundersame Weise – die Gebeine des heiligen Jakobus entdeckte. Es brauchte allerdings ein wenig, bis der große Pilgerstrom einsetzte, was unterschiedliche Gründe hatte, aber auch daran lag, dass der Weg von Zentraleuropa nach Santiago erst so gesichert werden musste, dass von dem immer noch unter muslimischer Herrschaft gelegenen Teil Spaniens keine Gefahr für die frommen Pilger ausging. Zum endgültigen Aufstieg Santiagos im 11. Jahrhundert trug auch bei, dass Jerusalem, das Pilgerziel par excellence, aufgrund der zunehmenden Repressalien durch die ägyptischen Fatimiden immer schwerer zu erreichen war. Nicht vergessen sollte man, dass im 12. Jahrhundert der heilige Jakobus auch noch zum „Maurentöter“ avancierte und durch die Reconquista zunehmend kirchenpolitisch instrumentalisiert wurde. Auch dieses uns heute nicht so sympathische Faktum half, Santiago als drittwichtigstes Pilgerziel im christlichen Abendland zu etablieren.

Im Mittelalter wurde das Pilgerwesen dadurch stark gefördert, dass die Päpste mit dem Erreichen des Pilgerziels bestimmte Ablässe in Aussicht stellten – also zeitliche Reduktionen des im Fegefeuer abzusitzenden Strafmaßes –, wozu dann noch die in besonderen ,,Gnadenjahren“ gewährten „vollkommenen Ablässe“ kamen, sprich: überhaupt kein Fegefeuer mehr, sondern die Garantie des direkten Durchmarsches in den Himmel. Im Mittelalter nahmen auch die regionalen Wallfahrtsziele immer mehr zu, nicht zuletzt deshalb, weil sie sich durch die von den Kreuzfahrern importierten Reliquien inflationär vermehrten. Die intensive Kritik der Reformatoren an den Wallfahrten, die vielfach schon in der mittelalterlichen und spätmittelalterlichen Frömmigkeit vorweggenommen wurde (z.B. durch Thomas von Kempen), führte dazu, dass die katholische Kirche infolge des tridentinischen Konzils viele Missstände beseitigte. Sie regulierte die Praktiken an den Wallfahrtsorten und nahm dafür auch die Orden in die Pflicht.

Pilgern in der Neuzeit und heute

In der Neuzeit ging die aufklärerische Kritik auch am Pilger- und Wallfahrtswesen nicht vorbei, das jedoch im 19. Jahrhundert bald wieder einen neuen Aufschwung erlebte. Gegenwärtig ist das Pilgern aktueller denn je, auch wenn sich religiöse Motive stark mit der Sehnsucht Burnout-gefährdeter Menschen nach Ruhe und Achtsamkeit verbinden. Anscheinend gibt es hier viele Überschneidungen zu einer expliziten Religiosität. Bestes Beispiel ist der zum Bestseller gewordene Pilgerbericht von Harpe Kerkeling: ,,Ich bin dann mal weg“! So fehlt das Pilgern in keinem christlich-spirituellen Zentrum, und umgekehrt greifen auch säkulare Tourismusanbieter in diesem Bereich vermehrt auf explizit religiöse Angebote zurück.

2) Pilgern – eine christliche Tugend?

Die Motive für das Pilgern waren, wie wir gesehen haben, durchaus unterschiedlich und vielfältig, genauso wie das, was man jeweils unter einer Pilgerreise bzw. Wallfahrt verstand. Manche Motive erscheinen uns heute plausibel, anderes sehen wir höchst kritisch, und da spielen natürlich auch die konfessionellen Unterschiede herein. Ein evangelischer Christ wird sich vermutlich schwer tun, wenn die Heiligkeit eines Ortes zu dinghaft, vielleicht sogar schon fast magisch verstanden wird, von katholischen Praktiken wie dem Ablass ganz zu schweigen. Insgesamt ist es schwierig, das Pilgern klar zu definieren und die unterschiedlich gelagerten Motive auf einen Nenner zu bringen. Dennoch entdecke ich in der Geschichte des christlichen Pilgerns gewisse Grundmotive, die deutlich vor Augen führen, dass das Pilgern ein adäquater Ausdruck christlichen Glaubens sein kann, ja noch mehr: dass Pilgern helfen kann, den christlichen Glauben so einzuüben und zu vertiefen, dass er uns neu zu einer Herzensangelegenheit wird. Ich will das an den wichtigsten Punkten verdeutlichen:

Glaube (Pilgern) heißt, mit Gott unterwegs zu sein

Glaube wird in der Bibel häufig als „Unterwegssein mit Gott“ verstanden. Im Vertrauen auf Gottes Zusage und Verheißung brechen Menschen auf, verlassen sie ihr altes Leben, um ein neues und besseres Leben zu empfangen. Das Motto ist: Raus aus dem falschen Leben, hinein in ein erfülltes Leben, in ein Leben, wo die Beziehungen zu Gott, der Schöpfung, dem Mitmenschen und sich selbst wieder in Ordnung kommen können. Gott wird dabei meist als der Voraus- und Mitgehende verstanden, und als der, der das wahre Leben schenkt. Biblische Frömmigkeit ist tendenziell eine Exodus-Frömmigkeit, keine Status-Quo-Frömmigkeit. Im Hintergrund steht dabei die Erfahrung, dass bei einer zu sesshaften Lebensweise der Mensch das Irdische gerne mit dem Eigentlichen und Göttlichen verwechselt, er sich davon letzte Erfüllung erwartet und deshalb immer wieder bitter enttäuscht wird. Im Neuen Testament zeigt sich dieses zentrale Motiv biblischer Exodusfrömmigkeit vor allem in Jesu charismatischer Wanderexistenz: Jesus lässt um des erwarteten und auch schon gegenwärtig wirksamen Reiches Gottes alles hinter sich, richtet sich ganz auf Gott hin aus – und erwartet dies auch von seinen Nachfolgern. „Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege (Lk 9,58).“ Manche der frühen Jesusnachfolger nahmen dies dann auch noch nach Kreuzigung und Auferstehung sehr wörtlich. Sie zogen als „Wandercharismatiker“ von Ort zu Ort, um das Reich Gottes zu verkündigen. Auch die zahlreichen neutestamentlichen Weggeschichten erzählen davon, dass Gott und Christus im Gehen erfahren werden können (z.B. die Emmausjünger in Lk 24).
In dieser Exodusfrömmigkeit ist begründet, dass im Neuen Testament das Leben selbst als eine Art Pilgerreise verstanden wird. So spricht Paulus in 2. Kor 5,6 davon, dass wir in unserem irdischen Leben fern vom Herrn sind, womit er voraussetzt, dass unser eigentliches Ziel die vollendete Gemeinschaft mit Gott im „Himmel“ ist (vgl. Phil 3,20). Ähnlich denkt der Verfasser des Hebräerbriefs, der in den Vätern Israels Menschen sieht, die „Gäste und Fremdlinge“ auf Erden waren, unterwegs zu ihrer wahren Heimat. Bezogen auf alle Christen und Christinnen formuliert er: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir (Hebr 13,14).“ Dieser Aspekt spielte dann auch in der späteren Pilgerspiritualität eine große Rolle. Christen übten sich als Pilger gewissermaßen in den zentralen Grundmodus menschlich-gläubiger Existenz ein. Sie erlebten auf der Pilgerreise ihr Fremdsein in dieser Welt und die Sehnsucht nach der wahren Heimat. Sie waren Gefahren und Anfechtungen ausgesetzt, die nur im Vertrauen auf Gott überwunden werden konnten, haben aber auch Gottes Güte immer wieder ganz konkret und leibhaftig erfahren. Nicht umsonst heißt das lateinische Wort für Pilger (peregrinus) eigentlich „Fremder“.

Es ist interessant, dass im Neuen Testament der Gedanke an bestimmte heilige Orte, zu denen man pilgern soll, aus dem Blick gerät, der Gedanke, dass das Leben ein Unterwegssein hin zu Gott ist, aber beibehalten wird. Das Unterwegssein, die Bewegung, der Modus der Veränderung – real und symbolisch – werden als für den Glauben wesentlich betrachtet, auch wenn das zu erreichende Ziel, Gottes neue Welt, mit nichts Irdischem identifiziert werden kann. Gott kann und wird im Irdischen und durch das Irdische erfahren, aber Gott geht nicht darin auf.

All dies klingt ein wenig so, wie wenn die Welt ein einziges Jammertal wäre, das man so schnell wie möglich überwinden muss, und sicher gab es auch eine derart weltflüchtige Pilgerfrömmigkeit. Aber man muss die biblische Pilgerfrömmigkeit keineswegs so verstehen. Die paradoxe These christlicher Spiritualität besteht eher darin, dass gerade dem, der den Schöpfer an die erste Stelle stellt, die Augen für die Schönheit der Welt und des Lebens geöffnet werden. Für ihn ist die Welt nichts mehr Selbstverständliches, sondern Gabe eines liebenden Gottes, Ausdruck seiner Herrlichkeit. Nein, es geht in dieser Spiritualität nicht um Weltverachtung, sondern um den Kampf gegen ein unheilvolles Verfallensein an die Welt, das uns gerade die echte Lebensfreude nimmt. Genau das macht diese vermeintlich antiquierte Spiritualität auch so modern. Warum machen sich denn so viele, auch „säkulare“ Zeitgenossen auf den Weg? Doch deshalb, weil sich eine lähmende Sinnlosigkeit in ihrem Leben breit gemacht hat und sie genug davon haben, sich immer nur im alltäglichen Hamsterrad zu drehen. Sie wollen nicht länger nur ein bedeutungslose Rädchen an irgendeiner Maschine sein, sondern fragen nach dem, was ihrem Leben eine einzigartige Bedeutung geben könnte. Sie wollen mehr, suchen nach echter Lebensqualität, und darin vielleicht auch nach Gott. Sie spüren, dass sie raus müssen aus dem Alltäglichen, sich auf den Weg machen müssen. Fremdheit und Distanz gegenüber dem Alltagstrott werden zur Chance, weil in der Ablösung etwas Neues und Lebenserfüllendes gefunden werden kann. So praktizieren sie, ohne das vielleicht bewusst wahrzunehmen, biblische Exodus-Frömmigkeit, eine Frömmigkeit, die manchmal eben auch in einem ziemlich säkularen Gewand daher kommen kann.

Glaube (Pilgern) heißt, innerlich verwandelt zu werden

Angelus Silesius hat sinngemäß gesagt: Es genügt nicht, dass Christus in Bethlehem geboren wurde, er muss auch in uns geboren werden. Damit erinnert er uns daran, dass der Glaube, wenn er echt sein soll, vom Kopf ins Herz muss, dass er verinnerlicht werden muss. Bezogen auf biblische Geschichten bedeutet dies, dass sie nur dann existentielle Bedeutung bekommen, wenn es uns gelingt, unser eigenes Leben in sie hineinzulesen, um es gleichzeitig von diesen Geschichten neu bestimmen und ausrichten zu lassen. So erzählen die Evangelien von dem Leben und den Worten Jesu damals, aber sie erzählen so davon, dass das Leben Jesu transparent werden kann für unser Leben. Die Evangelisten glaubten, dass der durch Gottes Geist gegenwärtige Christus auch uns späteren Lesern und Leserinnen begegnen kann.

Dies setzt voraus, dass man sich in die biblischen Geschichten hinein meditiert, und genau das war den Pilgern und Pilgerinnen im 4. Jahrhundert ein zentrales Anliegen. Sie wollten mit den Evangelien im Handgepäck am Ort des Geschehens die biblischen Geschichten noch besser verstehen. Das Heilige Land wurde so tatsächlich zu so etwas wie einem fünften Evangelium. Deshalb hat man damals im Heiligen Land auch ganz bewusst Erinnerungslandschaften geschaffen.

Dies ist zuerst einmal ein Plädoyer für Pilgerreisen ins Heilige Land, und dieses Plädoyer ist auch wirklich sinnvoll, denn auch heutige Pilger berichten, dass ihnen das Erleben biblischer Landschaften und Stätten, verbunden mit Archäologie und konkreten Begegnungen (auch im interreligiösen Bereich) entscheidend geholfen hat, die biblischen Texte in neuer Tiefe zu verstehen. Anscheinend braucht der Mensch dieses sinnlich-imaginative Erleben.

Dies bedeutet natürlich nicht, dass es ohne Pilgerreisen ins Heilige Land nicht geht. Imagination ist auch in Deutschland oder woanders möglich. Ignatius von Loyola hat die Imagination regelrecht zu einer Methode der Bibellektüre gemacht, wenn er empfiehlt, sich mit allen Sinnen in die Texte hinein zu begeben, sich die biblischen Szenen bildlich vorzustellen und sie aus der Sicht der darin beteiligten Personen mitzuerleben. Diese Imagination kann nun aber auch durch Pilgertouren in heimatlichen und nicht-biblischen Gefilden erreicht werden, wenn sinnliche Eindrücke und Erfahrungen beim Pilgern mit biblischen Geschichten und Impulsen so verbunden werden, dass dadurch neue und überraschende Perspektiven entstehen. Eine Quelle, eine Wurzel, ein überraschender Einblick oder Ausblick, irgendeine konkrete Erfahrung beim Gehen kann helfen, einen existentiellen Zugang zu biblischen Texten zu finden. Auch die aufmerksame Wahrnehmung von Kirchenräumen ist in diesem Kontext von Bedeutung.

Glaube (Pilgern) heißt, sich (innerlich) an den Ort zu begeben, wo Gott sich geoffenbart hat

Traditionelle christliche Pilgerziele waren (fast) immer mit einem biblischen Bezug versehen. Wenn es nicht die biblischen Stätten selbst waren, so waren es häufig Orte, die als Grabstätten biblischer Personen (Rom und Santiago) oder als Aufbewahrungsorte von Reliquien einen auch materiellen Bezug zum biblischen Ursprungsgeschehen hatten. Im Klartext: Die hohen geistlichen Güter des christlichen Glaubens waren irgendwie an etwas sehr Materielles, Begrenztes, Partikulares gebunden. Das kann man belächeln, und dennoch spiegelt sich darin die Spannung von Partikularität und Universalität wieder, die die ganze Bibel durchzieht: Der universale, alle Menschen liebende Gott Israels ist gerade aufgrund dieser Liebe immer auch ein Gott, der sich konkreten Menschen an konkreten Orten zuwendet. Aus diesem Grund hat er sich ein bestimmtes Volk erwählt, Israel, und diesem ein konkretes Land zugewiesen. Aus diesem Grund hat er sich ganz und gar mit dem Juden Jesus von Nazareth vereinigt, hat sich inkarniert, ist in ihm zu uns Menschen gekommen. Gott erwählt, nicht um andere auszugrenzen, sondern damit durch die Erwählten sein Segen zu allen gelangen kann (Gen 12, 1ff). So universal und allgemein gültig die göttliche Liebe ist, sie hat ihren Ausgangspunkt immer in einer konkreten, zeitlich und örtlich fixierten Partikularität. Paradox formuliert: Man kann die Universalität der grenzüberschreitenden göttlichen Liebe nur in ihrer ganzen Größe begreifen, wenn man ihren räumlich und zeitlich fixierten Ausgangsort ernst nimmt. Christliches, auf ein konkretes Ziel hin orientiertes Pilgern, wo das Ziel wiederum in einem engeren oder weiteren Zusammenhang mit der göttlichen Heilsgeschichte steht, erinnert deshalb erstens daran, dass Gottes Liebe keine Abstraktion ist, und zweitens daran, dass Gott am klarsten dort zu erkennen ist, wo es ihm gefiel, diese Liebe geschichtlich-konkret zu realisieren, eben an den Orten der biblischen Geschichte.

Glaube (Pilgern) heißt, sein Leben auch von außen nach innen zu leben

Fullbert Steffensky hat es immer wieder so formuliert: Wir leben unser Leben nicht nur von innen nach außen, sondern auch von außen nach innen . Anders ausgedrückt: Was wir mit unserem Körper machen, macht etwas mit uns. Das ist die Erfahrung jedes spirituell Übenden, egal, ob er meditiert, pilgert oder etwas ganz Alltägliches in einer bestimmten Haltung verrichtet. Wir sind nicht nur Seele oder Geist, wir sind auch Körper. Die Kirche hat den Menschen oft dualistisch missverstanden und Seele und Körper auseinander dividiert. Heute lernen wir neu, dass in der Bibel der Mensch immer ganzheitlich gesehen wird und Gott uns als leib-seelische Ganzheit geschaffen hat. Deshalb ist es auch unsere Aufgabe, unseren Glauben ganzheitlich zu leben: Wir gestalten von innen her das Außen, auch im körperlichen Bereich, und wir öffnen uns für Gewohnheiten, Rituale und Praktiken im Äußeren, von denen wir wissen, dass sie sich positiv auf unsere innere Entwicklung auswirken, uns helfen, unser Leben in Verantwortung vor Gott recht zu leben.
In diese Kategorie gehört für mich das Pilgern. Auch das Gehen des Pilgers ist nicht nur etwas Äußerliches, sondern kann innere Prozesse auslösen. Das beginnt beim Weggehen vom Alltag, indem man sich für eine bestimmte Zeit aufmacht, zu pilgern, um so in einen heilsamen Abstand zum Alltag zu kommen. Schließlich bringt der Akt des Gehens vielerlei mit sich, was ich hier nur andeuten kann. Gehen hilft, besser und konzentrierter zu denken und zu beten. Es hilft, einmal ganz bei sich oder bei einem Gedanken zu verweilen. Vor allem das achtsame und schweigende Gehen kann innere Stille und Empfänglichkeit entstehen lassen. Gemeinsames Gehen hilft manchen Menschen auch, sich für Gespräche zu öffnen, die über bloßen Smalltalk hinausgehen. Insgesamt kann das Gehen zu einer tieferen Empfänglichkeit für geistliche Impulse und Wahrnehmungen führen, egal, ob diese aus der Bibel, der Natur, dem Gespräch oder dem Raum innerer Stille kommen.

Glauben (Pilgern) heißt, mit „heiligen“ Menschen in Berührung zu kommen

Es ist spannend wahrzunehmen, dass gerade im Pilgerbericht der Egeria immer wieder konkrete Menschen als „Pilgerziele“ begegnen: Menschen, die zum Glauben ermutigen und inspirieren, die bereichern, und die damals anscheinend nicht selten im Umfeld heiliger Orte lebten.
Gibt es diese Art des Pilgerns nicht vermehrt auch heute, unabhängig vom „eigentlichen“ Pilgern? Dass man sich also aufmacht, weil man gehört oder gelesen hat, dass hier oder dort (in Klöstern, Eremitagen, EBW-Veranstaltungen, Gemeinden) Menschen sind, die auf authentische Weise ihren Glauben leben und andere heilsam inspirieren können. Der moderne Mensch ist in dieser Hinsicht überaus mobil. Wenn er zu jemandem will scheut er keine Mühen und Kosten. Auch im kirchlichen Bereich zeigt sich immer mehr, dass die Menschen nicht unbedingt in die Gemeinde gehen, zu der sie gehören, sondern dorthin, wo sie sich wohlfühlen, auch wenn sie dafür einiges an Entfernung überwinden müssen. Natürlich ist die Gefahr gegeben, dass sich ein solcher Habitus zu einem unguten Personenkult entwickelt, andererseits gehört es vielleicht auch positiv zur Pilgerexistenz des Menschen dazu: dorthin zu gehen, wohin einen die Sehnsucht treibt, umso weiter zu kommen in der Suche nach dem, was das eigene Leben befruchten und lebendig machen kann.

Niemand muss pilgern, um ein guter Christ zu sein. Aber vielleicht ist ein wenig deutlich geworden, dass das rechte Pilgern etwas ist, das viel mit dem Wesen des christlichen Glaubens zu tun hat und insgesamt eine gute spirituelle Übung darstellt.
Peter Hirschberg

Literatur:
• Bieberstein, Klaus: Ein Netz der Erinnerungen. Das Evangelium wird begehbar, in: Welt und Umwelt der Bibel 1999, 16, 33-37.
• Donner, Herbert: Pilgerfahrt ins Heilige Land. Die ältesten Berichte christlicher Palästinapilger (4.-7. Jh.), Stuttgart 22002
• Egeria: Itinerarium. Reisebericht, übersetzt und eingeleitet von G. Röwekamp, Fontes Christiani 20, Freiburg 1995.
• Hirschberg, Peter: Israel und die palästinensischen Gebiete, EVA, Leipzig 22014.
• Hirschberg, Peter: Die Kunst, ein rechter Pilger zu sein, in: Dem Erlöser der Welt zur Ehre, hrsg. v. Ronecker, Karl-Heinz, Nieper, Jens, Neubert-Preine, Thorsten, EVA, Leipzig 1998.
• Hirschberg, Peter: Art. Heilige Stätten, Wibilex: https://www.bibelwissenschaft.de/de/stichwort/46879/
• Metternich Wolfgang: 1200 Jahre Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela, Darmstadt 2012.
• Röwekamp, Georg: Rom, EVA’s biblische Reiseführer, Leipzig 2017.
• Nigg, Walter: Des Pilgers Wiederkehr, Zürich 1992.
Steffensky, Fulbert: Der alltägliche Charme des Glaubens, Würzburg 2002.

Aktuelles

5. April 2021

„Das Café am Rande der Welt“ und die Geschichte von den Emmausjüngern

Gestern habe ich ein kleines Büchlein gelesen: „Das Café am Rande der Welt“, von John Strelecky. Ein Bestseller! Deutsche Erstausgabe: 2007. Ich halte die 54. Auflage aus dem letzten Jahr in der Hand. Beachtlich! Wieder mal ein Bestseller, den ich relativ spät gelesen habe.

Wie auch immer. Ich fand das Buch anregend. Nicht so sehr wegen seines Inhalts. Den habe ich einfach schon zu oft gehört und gelesen in der immer inflationärer werdenden Lebensratgeber-Literatur. Er heißt auf den Punkt gebracht: „Lebe dein Leben, und zwar jetzt – und lass dich nicht für blöd verkaufen von denen, die dir durch ihre oft materiellen Glücksverheißungen das Blaue vom Himmel versprechen.“ In diesem Buch wird übrigens sogar ein Kürzel für den Sinn des Lebens gefunden, und das heißt: „ZDE“ = „Zweck der Existenz“. Diesen ganz individuellen „ZDE“ gilt es zu finden und zu leben. Irgendwie natürlich alles richtig, aber auch ein wenig banal, vor allem: wenn das bloß immer so einfach wäre. Viktor Frankl, der bekannte Psychotherapeut aus Österreich, hat sich dieser Aufgabe übrigens schon vor längerer Zeit auf etwas höherem Niveau gestellt. Er nannte das Logotherapie. Eine Therapie, die den Menschen individuell helfen soll, ihren spezifischen Lebenssinn zu finden, also das, wofür sie da sind. Was wiederum eine der drei Fragen ist, mit denen der Besucher dieses eigenartigen Cafés auf der Speisekarte konkfrontiert wird: „Wozu bin ich da?“ Aber lassen wir das! Wie gesagt, was mir gefallen hat, ist weniger der Inhalt. Es ist vor allem die Rahmengeschichte, und die ist folgendermaßen konstruiert:

weiterlesen
13. März 2021

Wie Corona unsere Gesellschaft verändert

Ich erinnere mich noch an die Zeit vor einem Jahr. Frühling 2020! Damals war Corona für uns alle noch Neuland. Neben allem Schlimmen, das wir erlebten und wovor wir Angst hatten, gab es auch einen leisen Optimismus. Viele hofften, dass durch die Pandemie auch Positives in Gang kommen würde. Covid-19 galt als Augenöffner. Der „Brennglaseffekt“ war in aller Munde. Bernd Ulrich schrieb in der Zeit (20.05.):
„Corona ist nicht die Mutter aller Krisen, noch weniger stellt sie die größte Gefahr für die Menschheit dar (das ist und bleibt das ölologische Desaster, das sich mit wachsendem Tempo vollzieht), Corona ist aber vielleicht die aufklärerischste Krise, weil sie die Welt so verlangsamt hat, dass man ihre Bewegungsgesetze besser verstehen kann.“

weiterlesen