Musste Jesus für uns sterben? – der „Sühnopfertod“ Jesu im Kreuzfeuer der Kritik

Musste Jesus für uns sterben? – der „Sühnopfertod“ Jesu im Kreuzfeuer der Kritik

Der Theologe Klaus-Peter Jörns hat vor einigen Jahren gefordert, sich endgültig vom „Sühnopfertod“ Jesu zu verabschieden. Diese Vorstellung passe nicht zur Verkündigung Jesu von der bedingungslosen Vaterliebe Gottes. Sie ist erst später zur ursprünglichen Botschaft Jesu dazugekommen und hat diese stark verfälscht. Ein liebender Gott braucht kein Opfer, um uns vergeben zu können! Auch wenn die exegetischen Argumente Jörns alles andere als zwingend sind, so hat er damit doch eine alte und bis in die Gegenwart immer wieder sehr kontrovers diskutierte Fragestellung aufgenommen: Braucht Gott ein Opfer, um uns vergeben zu können? Bereits im Mittelalter hat man darüber diskutiert. Auf der einen Seite war da Anselm von Canterbury (1033-1109 n.Chr.), der davon ausging, dass durch unsere menschliche Sünde Gottes Ehre so sehr verletzt wurde, dass diese nur durch das Opfer des menschgewordenen Gottessohnes wiederhergestellt werden kann. Auf der anderen Seite stand Peter Abälard (1079-1142 n.Chr.), für den es am Kreuz um die Offenbarung der bedingungslosen göttlichen Liebe geht. Nicht Gott muss sich ändern, an uns muss etwas geschehen: Wir müssen unser negatives und falsches Gottesbild ablegen, damit wir Gott endlich ganz vertrauen können. Ein sehr moderner Ansatz! Ein Ansatz, den nicht wenige Christen heute teilen. Ein zorniger Gott? Sühne? Opfer? Hinter solchen Worten vermuten sie ein hoffnungslos veraltetes, ein angst- und krankmachendes Gottesbild. Wie steht es also mit der Heilsbedeutung des Todes Jesu? Wie kam es überhaupt zu der Vorstellung, dass Jesus „für uns“ gestorben ist? Und schließlich: Was ist zur Kritik Jörns zu sagen?
Das Kreuz – bereits am Anfang ein Ärgernis
Das Kreuz war noch nie eine leichte Kost. Bereits in der Zeit des Neuen Testaments fanden es die meisten Menschen unerträglich, dass die Christen einen auf so abscheuliche Weise hingerichteten Menschen als göttlich verehren. Was bitte soll das Göttliche bzw. der absolut mächtige und vollkommene Gott mit dem blutverschmierten und sterbenden Jesus zu tun haben? Zieht man die Religion nicht in böswilliger Weise durch den Schmutz, wenn man Gott mit Dreck, Leid und Tod in Berührung bringt? Ist so etwas nicht Gotteslästerung, Blasphemie? Es war also keineswegs böswillige Polemik, sondern Ausdruck echten religiösen Empfindens, wenn Gegner des Christentums den Gekreuzigten auf einem aus dem 2. Jahrhundert stammenden Graffiti mit einem Eselskopf abbildeten. Paulus trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er schreibt, dass der gekreuzigte Christus den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit ist (1Kor 1,23). Das Christentum, eine dumme Eselei!
Interessant ist, dass es die Jünger und Jüngerinnen Jesu anfangs ganz ähnlich empfanden. Als Juden und Jüdinnen war für sie das Kreuz Jesu das absolute Aus. Ein ohnmächtig am Kreuz sterbender Messias? Unmöglich! Der Schock angesichts des Todes Jesu war so groß, dass für sie die Sache Jesu erledigt war und sie in alle Richtungen flohen. Selbst in dem Augenblick, wo ihnen der auferweckte Jesus begegnete und sie neu an ihn zu glauben begannen, war da immer noch diese bohrende Frage: Warum hat Gott diesen schlimmen Tod nicht verhindert? Erst allmählich, erst im Gespräch mit den alttestamentlichen Schriften kamen sie langsam zur Gewissheit, dass dieser Tod kein tragischer Geschichtsunfall war, sondern ein Ereignis, in dem von Gott her etwas „für uns“ geschehen ist. Aber warum ist hier etwas „für uns“ geschehen?
Opfer, Sühne, Stellvertretung
Das Neue Testament benutzt ganz unterschiedliche Bilder und Vergleiche, um dieses „für uns“ zum Ausdruck zu bringen. Das Bild des Loskaufes: Sowie man einen Preis bezahlen konnte, um einen Sklaven zu erwerben, und diesen dann natürlich auch freilassen konnte, so hat Jesus für uns einen Preis bezahlt. Das Bild der Versöhnung: So wie durch eine einseitige diplomatische Aktion ein Prozess der Versöhnung zwischen zwei verfeindeten Völkern initiiert werden konnte, so versöhnte Gott durch Christus die Welt mit sich selbst. Das Bild der Sühne: So wie im alttestamentlichen Kult Gott den Opferkult einsetzte, damit die auf das Opfertier übertragene Schuld mit dem Tode des Tiers beseitigt/gesühnt werden konnte, so hat Jesus unsere Sünde gesühnt, wurde er für uns zum Opfer. Viele dieser Bilder sind für uns heute nur noch schwer zugänglich. Außerdem sind es eben Bilder und Metaphern, sodass man immer genau hinsehen muss, worauf der Ton liegt. Eines scheint mir jedoch offensichtlich: In allen theologischen Aussagen des Neuen Testaments ist der Tod Jesu zwar als etwas gedacht, wodurch Sünde real überwunden wurde, es ist aber nicht so, dass ein über unsere Sünde zorniger Gott seinen Zorn an seinem Sohn Jesus erst „abreagieren“ musste, bevor er uns dann vergeben kann. Diese Vorstellung, die tatsächlich einen verhängnisvollen Keil in unser Gottesbild treibt, weil sie den zornigen Vater gegen den barmherzigen und leidenden Gottessohn ausspielt, ist nicht das, was das Neue Testament beabsichtigt, aber anscheinend genau das, was Jörns und andere im Neuen Testament zu finden meinen. Doch was ist dann die Botschaft des neuen Testaments, zumindest in seiner Gesamttendenz?
Gott war in Christus und versöhnte die Welt
Paulus schreibt: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung (2Kor 5,19).“
Anscheinend kann man das „für uns“ des Todes Jesu nur dann verstehen, wenn man wie der Apostel davon ausgeht, dass in Jesus von Nazareth Gott selbst zu uns gekommen ist und in diesem Kommen etwas „für uns“ geschehen ist. Die Geschichte Jesu bis zu seinem Tod am Kreuz ist also nicht nur die Geschichte des Menschen Jesus von Nazareth, sondern die Geschichte Gottes, der in Jesus in einzigartiger Weise Wohnung genommen hat. So zeigt mir die Geschichte Jesu, wie Gott zu mir steht und was ich mir von ihm erhoffen darf.
An erster Stelle zeigt mir diese Geschichte, dass Gott uns alle bedingungslos liebt. Die liebende Zuwendung Jesu zu uns Menschen, gerade auch zu denen, die gescheitert sind und sich am untersten Ende der gesellschaftlichen Werteskala befinden, macht dies provozierend deutlich. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, dass Gott große Widerstände überwinden muss, um bei uns anzukommen. Wir misstrauen seiner Liebe und leben in der Illusion, dass wir aus eigener Kraft das gute und glückliche Leben finden können. Diesen Widerstand hat Gott in Jesus Christus am „eigenen Leib“ erfahren. Er musste es sich gefallen lassen, dass man ihm die kalte Schulter zeigt, und das schon während der öffentlichen Wirksamkeit Jesu. Er hat gespürt, wie es sich anfühlt, wenn Menschen von Machtgier besessen einen Unschuldigen über die Klinge springen lassen. Er hat gefühlt, wie weh es tut, wenn man auf einmal von allen allein gelassen wird, auch von denen, die man für seine Freunde hielt. Gott hat all unsere Gottlosigkeit erlitten, und diese Erfahrung kulminierte in der Kreuzigung Jesu. In diesem erfahrenen Leid war auch das Leid all derer gegenwärtig, die in dieser Weltgeschichte unschuldig Opfer geworden sind, war all das gegenwärtig, was wir uns selbst dauernd antun und was Gott genauso erzürnt wie das, was wir ihm antun. Dieses ganze Panoptikum des Menschlich-Bösen hat Gott in Christus durchschritten und durchlitten: Aber – und dieses „aber“ ist ungeheuerlich – all das konnte seine Liebe zu uns nicht ersticken. Lukas fasst das in einem Kreuzeswort Jesu treffend zusammen: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lk 23,34) Es ist so, wie wenn die ganze Gewalt unserer Bosheit gegen Gott anstürmt und sich in seiner Liebe totläuft. So steht Gott zu uns!

Liebe, Zorn und das Leiden Gottes
Hat Abälard also Recht? Ist Gott einfach nur Liebe? Ja, Gott ist Liebe, aber er ist es nicht „einfach so“. Schon gleich gar nicht ist er ein „lieber Gott“, den die Sünde und das Böse nicht wirklich aus der Ruhe bringen. Die Logik ist: Gerade weil er der Liebende ist, ist er auch der, der alles Lieblose und nur auf sich selbst Bezogene hasst. Die Folge davon ist, dass Gott seine Liebe zu uns Menschen in einen schlimmen Konflikt gestürzt hat. Es muss für Gott unerträglich gewesen sein, all das Böse, das gegen Jesus und ihn anstürmt, ansehen und ertragen zu müssen. Gleichzeitig liebt er uns unendlich … Gott: hin- und hergerissen zwischen Liebe zu uns und Zorn angesichts unserer Taten. Gibt es einen Ausweg? Was hat Gott gemacht? Er hat diesen Konflikt nicht an uns, sondern in sich ausgetragen, mit der Folge, dass Jesus starb und so der lebendige Gott selbst den Tod schmeckte. Ja, Gott hat die Sünde gerichtet, sie an den Pranger gestellt und überwunden. Aber eben nicht dadurch, dass er Gewalt mit Gegengewalt, Böses mit Bösem vergolten hätte, sondern dadurch, dass er die absolute Lieblosigkeit in absoluter Liebe erlitten hat. Das Harte, Brutale und Böse kann anscheinend nur dadurch überwunden werden, dass man es sich tot laufen lässt, dass man es an sich selbst zugrunde gehen lässt, dass man es bekämpft mit dem Widerstand der Liebe. Nichts ist für die sündige Selbstbesessenheit vernichtender, und Menschen wie Martin Luther King und Mahatma Gandhi haben dies durch ihren gewaltlosen Widerstand auch in der politisch-gesellschaftlichen Dimension praktiziert. So sieht uns der in Jesus gekreuzigte Gott immer noch mit den Augen seiner Liebe an, aber diese Augen haben nun auch unsere Abgründe gesehen und erlitten. Deshalb ist diese Liebe unendlich tief. Deshalb ist gegen sie kein Kraut menschlicher Sünde und Bosheit gewachsen. Deshalb ist sie fähig, auch das Dunkelste in uns zu heilen.
Die beste Veranschaulichung neutestamentlicher Kreuzestheologie ist vielleicht der so genannte „Gnadenstuhl“, eine künstlerische Darstellung der Kreuzigung Jesu: Da wird der Gekreuzigte dargestellt, aber eben so, dass Gott auf seinem himmlischen Thron den gekreuzigten Jesus mit seinen beiden Armen stützt und trägt. Es gibt nicht den liebenden und barmherzigen Jesus als Gegensatz zu dem zornigen und rächenden Gott im Himmel. Es gibt nur einen Gott, und der ist ganz Liebe und Gerechtigkeit und Heiligkeit.
Liebe und Gerechtigkeit
Wer so tut, als wäre die Liebe Gottes eine Selbstverständlichkeit, als wäre Sünde und Sündenvergebung eine Kleinigkeit, der verniedlicht nicht nur das, was wir Gott dauernd antun, er verhöhnt auch die vielen unschuldigen Opfer, die man unter den Teppich der Weltgeschichte gekehrt hat. Nein, einmal muss offenbar werden, was Recht und was Unrecht war. Einmal müssen die Opfer rehabilitiert und die bösen Taten der Täter verurteilt werden. Erst wo das geschehen ist, kann es dann auch zur Versöhnung kommen. Der Glaube an ein letztes Gericht gehört nicht umsonst zu den Essentials christlichen Glaubens. Der Glaube an den gekreuzigten Jesus, in dem Liebe und Gerechtigkeit zusammenkommen, stärkt uns in dem Vertrauen, dass Gott Recht und Unrecht einmal klar beim Namen nennen wird, dass das letzte Wort, das gesprochen werden wird, aber doch das Wort seiner Liebe ist.
Zu menschlich von Gott gedacht?
Ich vermute, dass die Art, wie ich hier von Gott gesprochen habe, manchen zu menschlich sein wird, zu anthropomorph. Ein Gott, der sich berühren lässt, bis dahin, dass er Zorn und Leid empfinden kann? Steht Gott nicht über allem? Unberührbar, das ewige Sein? Ich gebe gerne zu, dass wir immer nur menschlich über Gott reden können und wir Gott nie wirklich begreifen können. Dennoch bin ich der festen Überzeugung, dass man vom biblischen Gott, nur menschlich und persönlich reden kann, aber gerade solche Rede wahr ist. Gott ist die Liebe. Aber wer liebt, leidet mit dem Geliebten, lässt sich berühren. Der biblische Gott ist nicht der Gott der Philosophen, nicht der „unbewegte Beweger“ des Aristoteles, sondern ein in seiner Menschenliebe zutiefst leidenschaftlicher Gott. Ein anderer Gott als einer, der auch bereit ist, sich die Hände aus Liebe zu uns schmutzig zu machen, wäre angesichts all des Leids in dieser Welt für mich auch ziemlich unglaubwürdig.
Dr. Peter Hirschberg

Aktuelles

5. April 2021

„Das Café am Rande der Welt“ und die Geschichte von den Emmausjüngern

Gestern habe ich ein kleines Büchlein gelesen: „Das Café am Rande der Welt“, von John Strelecky. Ein Bestseller! Deutsche Erstausgabe: 2007. Ich halte die 54. Auflage aus dem letzten Jahr in der Hand. Beachtlich! Wieder mal ein Bestseller, den ich relativ spät gelesen habe.

Wie auch immer. Ich fand das Buch anregend. Nicht so sehr wegen seines Inhalts. Den habe ich einfach schon zu oft gehört und gelesen in der immer inflationärer werdenden Lebensratgeber-Literatur. Er heißt auf den Punkt gebracht: „Lebe dein Leben, und zwar jetzt – und lass dich nicht für blöd verkaufen von denen, die dir durch ihre oft materiellen Glücksverheißungen das Blaue vom Himmel versprechen.“ In diesem Buch wird übrigens sogar ein Kürzel für den Sinn des Lebens gefunden, und das heißt: „ZDE“ = „Zweck der Existenz“. Diesen ganz individuellen „ZDE“ gilt es zu finden und zu leben. Irgendwie natürlich alles richtig, aber auch ein wenig banal, vor allem: wenn das bloß immer so einfach wäre. Viktor Frankl, der bekannte Psychotherapeut aus Österreich, hat sich dieser Aufgabe übrigens schon vor längerer Zeit auf etwas höherem Niveau gestellt. Er nannte das Logotherapie. Eine Therapie, die den Menschen individuell helfen soll, ihren spezifischen Lebenssinn zu finden, also das, wofür sie da sind. Was wiederum eine der drei Fragen ist, mit denen der Besucher dieses eigenartigen Cafés auf der Speisekarte konkfrontiert wird: „Wozu bin ich da?“ Aber lassen wir das! Wie gesagt, was mir gefallen hat, ist weniger der Inhalt. Es ist vor allem die Rahmengeschichte, und die ist folgendermaßen konstruiert:

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13. März 2021

Wie Corona unsere Gesellschaft verändert

Ich erinnere mich noch an die Zeit vor einem Jahr. Frühling 2020! Damals war Corona für uns alle noch Neuland. Neben allem Schlimmen, das wir erlebten und wovor wir Angst hatten, gab es auch einen leisen Optimismus. Viele hofften, dass durch die Pandemie auch Positives in Gang kommen würde. Covid-19 galt als Augenöffner. Der „Brennglaseffekt“ war in aller Munde. Bernd Ulrich schrieb in der Zeit (20.05.):
„Corona ist nicht die Mutter aller Krisen, noch weniger stellt sie die größte Gefahr für die Menschheit dar (das ist und bleibt das ölologische Desaster, das sich mit wachsendem Tempo vollzieht), Corona ist aber vielleicht die aufklärerischste Krise, weil sie die Welt so verlangsamt hat, dass man ihre Bewegungsgesetze besser verstehen kann.“

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