Mut zur Unterbrechung

Aus Hirschberg, Peter, Mut zur Unterbrechung, Schabbat und Sonntag als Hilfe zur Entschleunigung, Nürnberg 2012, 11-17.

Der Fluch der Beschleunigung

Eine der fürchterlichsten Krankheiten unserer Zeit ist die rasant zunehmende Beschleunigung. Alles muss immer schneller gehen, und alles geht auch immer schneller. Das erleben wir im Alltag, wo es als Kennzeichen von Effizienz und Professionalität gilt, möglichst viel in möglichst wenig Zeit zu erledigen. Das erleben wir im Bereich der gesellschaftlichen Entwicklungen, wo heute vieles in einem atemberaubenden Tempo vor sich geht. Früher dauerte es Generationen, bis sich Veränderungen durch-gesetzt haben. Heute ereignen sich die Brüche oft in nur einer Generation. Längst haben die prägenden Faktoren der eigenen Kindheit nicht mehr viel mit dem zu tun, was unsere Kinder beeinflusst und bestimmt. Wenn manche Eltern sehen, wie sich ihre Kinder mit Leichtigkeit im Internet bewegen und mit einer grandiosen Geschicklichkeit eine SMS nach der anderen durch den Äther schicken, dann haben sie manchmal den Eindruck, dass sie es mit Wesen von einem anderen Stern zu tun haben.

Diese immer rasanter werdenden Entwicklungsprozesse haben viele Ursachen. Dazu gehört sicher die Globalisierung, die unserer einheimischen Wirtschaft durch einen sich immer mehr steigernden Wettbewerbsdruck kräftig einheizt, so dass auf dem Markt nur noch der Chancen hat, der schnell, flexibel und dynamisch agiert. Dazu gehört die atemberaubende technische Entwicklung, die es uns heute möglich macht, immer mehr in immer weniger Zeit zu erledigen. Mühelos überbrücken wir durch un-sere modernen Kommunikationsmittel große Distanzen. Fast immer sind wir – zum Segen und zum Fluch – erreichbar. Und was die Mobilität angeht, macht uns schon lange keiner mehr etwas vor. Wir jetten in wenigen Stunden um den halben Globus, und sparen auf unseren Reisen im Vergleich zu früheren Generationen Tage, Wochen oder gar Jahre ein. Das Paradox besteht nun freilich darin, dass uns trotz aller Zeitersparnis faktisch immer weniger Zeit zur Verfügung steht. Nun mag das auch damit zusammenhängen, dass unsere Maßnahmen der Zeitersparnis nicht nur Zeit sparen, sondern auch zusätzliche Zeit kosten. Wer hat nicht schon die Erfahrung gemacht, dass das relativ mühelose Schreiben von E-mails einen inflationären und nicht immer nur sinnvollen Gebrauch dieses an sich durchaus segensreichen Mediums zur Folge haben kann. Die Erfahrung, dass am Beginn eines Arbeitstags erst einmal eine Flut von E-mails abgetragen werden muss, teile ich jedenfalls mit vielen anderen Zeitge-nossen. E-mails können im Unterschied zu dem restlos antiquierten Brief nämlich nicht warten. Es liegt in der Dynamik ihres (schnellen) Wesens, dass sie sofort beantwortet werden wollen. Oder, um ein anderes Beispiel anzuführen: Wer hat sich nicht schon darüber gewundert, wenn in der Bahn viele der gerade Zugestiegenen erst einmal ihr Handy zücken, um den Lieben zuhause mitzuteilen, dass sie jetzt los-fahren. Eine Mitteilung von grandiosem Informationswert, ohne die es anscheinend aber nicht mehr geht. So entstehen zahlreiche neue und nicht immer nur sinnvolle Gewohnheiten, die das Leben oft noch hektischer machen. Nicht selten führt das dazu, dass wir an dem Ort, wo wir uns gerade aufhalten, nicht mehr wirklich sind. Aber auch dort, wo wir wirklich Zeit gewinnen, wird die gewonnene Zeit sofort wieder mit allen möglichen Aktivitäten voll gestopft, so dass am Ende nicht mehr viel davon übrig bleibt. So wird der Mensch immer mehr zum getriebenen Menschen, das den Sinn seines Lebens in der Beschleunigung selbst sucht. Wir bewegen uns unaufhörlich, aber nicht mehr um ein Ziel zu erreichen. Oft wird die Bewegung selbst zum Ziel. Anschaulich beschreibt Antoine de St. Exupéry diese Lebenshaltung in einer fast schon prophetisch zu nennenden Weitsicht:

„’Guten Tag’, sagt der kleine Prinz. ‚Guten Tag’, sagt der Weichensteller. ‚Was machst du da?’ sagte der kleine Prinz. ‚Ich sortiere die Reisenden nach Tausenderpa-keten’, sagte der Weichensteller. ‚Ich schicke die Züge, die sie fortbringen, bald nach rechts, bald nach links.’ Und ein lichterfunkelnder Schnellzug, grollend wie der Don-ner, machte das Weichenstellerhäuschen erzittern. ‚Sie haben es sehr eilig’, sagte der kleine Prinz. ‚Wohin wollen sie?’ ‚Der Mann von der Lokomotive weiß es selbst nicht’, sagte der Weichensteller. Und ein zweiter Schnellzug donnerte vorbei, in ent-gegengesetzter Richtung. ‚Sie kommen schon zurück?’ fragte der kleine Prinz … Das sind nicht die gleichen’, sagte der Weichensteller. ‚Das wechselt.’ ‚Waren sie nicht zufrieden dort, wo sie waren?’ ‚Man ist nie zufrieden dort, wo man ist’, sagte der Weichensteller.“

Diese kleine Szene ist erhellend, wenn wir nach den tieferen Gründen für den neu-zeitlichen Beschleunigungswahn fragen. „Man ist nie zufrieden dort, wo man ist“, sagt der Weichensteller. Aber warum? Eine recht einleuchtende Erklärung dafür hat Marianne Gronemeyer gegeben. In ihrem Buch „Das Leben als letzte Gelegenheit“ weist sie darauf hin, dass der hauptsächliche Grund für unsere innere und äußere Hast in der Angst vor dem Tod zu suchen ist. Hatte man im christlich geprägten Mittelalter noch die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod, so geht der Blick in der säkularisierten Neuzeit oft nicht mehr über die Grenze des Todes hinaus. Die Folge davon ist, dass man alles, was man für sinnvoll hält, in dieses Leben packen muss. Gleichzeitig werden die Lebensmöglichkeiten aufgrund unseres technischen und zivilisatorischen Fortschritts immer größer. Kamen die Großeltern manchmal kaum aus dem eigenen Dorf oder der eigenen Stadt heraus, so gehören heute Fernreisen zu den Selbstverständlichkeiten einer normalen Durchschnittsfamilie. Kurz: Zur durch den Tod angefachten Lebenssehnsucht gesellt sich eine inflationäre Steigerung der Le-bensmöglichkeiten. Mit den Worten des Philosophen Hans Blumenberg: Die Schere zwischen Lebenszeit und Weltzeit geht immer weiter auseinander. Die Folge davon ist ein rasanter Beschleunigungswahn. Das Leben wird bis zum Letzten voll gepackt, damit man mitnehmen kann, was nur geht. Freilich: Eine Qualitätssteigerung bedeu-tet dies nur selten. Die innere und äußere Hetze führt nämlich dazu, dass wir technisch zwar fast alles können, aber es immer weniger vermögen, den Augenblick zu genießen. Wer auf einer Studienreise jeden Tag unzählige Orte „mitgenommen“ hat, hat ohne Zweifel eine erstaunliche Leistung vollbracht, fast schon ein Martyrium. Aber vermutlich hat er weit weniger „gesehen“ als Goethe auf seiner ein Jahr dauern-den Italienreise.

Auf humoristisch-ironische Weise hat Heinrich Böll diesen Zustand des Getriebens-eins beschrieben:
„Ein Mann bewarb sich um Arbeit … Erste Frage: ‚Halten Sie es für richtig, daß der Mensch nur zwei Arme, zwei Beine, Augen und Ohren hat?’ Hier erntete ich zum ersten Male die Früchte meiner Nachdenklichkeit und schrieb ohne Zögern hin: ‚Selbst vier Arme, Beine, Ohren würden meiner Nachdenklichkeit nicht genügen. Die Ausstattung des Menschen ist kümmerlich.’ Zweite Frage: Wieviel Telefone können Sie gleichzeitig bedienen? Auch hier war die Antwort so leicht wie die Lösung einer Gleichung ersten Grades. ‚Wenn es nur sieben Telefone sind’, schrieb ich, ‚werde ich ungeduldig, erst bei neun fühle ich mich vollkommen ausgelastet.’ Dritte Frage: ‚Was machen sie nach Feierabend?’ Meine Antwort: ‚Ich kenne das Wort Feierabend nicht mehr – an meinem fünfzehnten Geburtstag stich ich es aus meinem Vokabular, denn am Anfang war die Tat.’“ (Heinrich Böll, Wunsiedels Fabrik)

Der Sabbat als Hilfe zur Entschleunigung

Wir brauchen heute zweierlei: Eine neue Form der Langsamkeit. Eine Achtsamkeit, die das Leben wieder genießen kann. Eine Gegenwärtigkeit, die uns nicht immer schon beim Nächsten und Übernächsten sein lässt. Wir brauchen gleichzeitig aber auch einen neuen Sinnhorizont. Denn wenn wir keinen Glauben und keine Hoffnung haben, die unser irdisches Leben übersteigen, dann wird es nur schwer möglich sein, eine Lebenshaltung der Gelassenheit zu entwickeln. Meine Hoffnung ist, dass der jüdische Sabbat oder ein im Geist dieses Sabbats gefeierter christlicher Sonntag uns wieder zu beidem verhelfen kann. Diese Hoffnung auf Heilung ist dann auch der entscheidende Grund, warum ich im Folgenden versuchen möchte, mich dem Geheimnis des jüdischen Sabbat anzunähern. Ich tue dies bewusst als Christ, als jemand, der sich von außen in diese faszinierende Seite jüdischen Glaubens einfühlt, und der dabei die überraschende Entdeckung macht, dass das Herzstück jüdischen und christlichen Glaubens einander in tiefer Weise entsprechen. Gerade diese Entsprechung hat mich zur Einsicht geführt, dass jüdische Sabbattheologie und Sabbatpraxis auch für Christen von hoher Relevanz sind. Vielleicht ist der Sabbat ein Geschenk, das der Gott Israels nicht nur seinem Volk Israel, sondern der ganzen Menschheit gemacht hat. Damit will ich nicht sagen, dass wir als Christen nun den jüdischen Sabbat übernehmen sollen. Nein, die Feier des Sabbats im eigentlichen Sinn gehört nur zur Berufung Israels. Aber vielleicht wäre ja schon viel gewonnen, wenn wir uns vom Geist des Sabbat inspirieren lassen, um ihn in passender Weise in unseren christlichen Kontext zu übersetzen. Es geht deshalb auch in keiner Weise darum, Juden etwas wegzunehmen, wie das schon häufig in der christlich-jüdischen Geschichte geschehen ist. Meiner Ansicht nach sind Juden und Christen je auf ihre Weise von Gott erwählt und dazu bestimmt einander durch ihr jeweils eigenes Selbstverständnis zu inspirieren und – wo nötig – auch zu provozieren.

Aktuelles

5. April 2021

„Das Café am Rande der Welt“ und die Geschichte von den Emmausjüngern

Gestern habe ich ein kleines Büchlein gelesen: „Das Café am Rande der Welt“, von John Strelecky. Ein Bestseller! Deutsche Erstausgabe: 2007. Ich halte die 54. Auflage aus dem letzten Jahr in der Hand. Beachtlich! Wieder mal ein Bestseller, den ich relativ spät gelesen habe.

Wie auch immer. Ich fand das Buch anregend. Nicht so sehr wegen seines Inhalts. Den habe ich einfach schon zu oft gehört und gelesen in der immer inflationärer werdenden Lebensratgeber-Literatur. Er heißt auf den Punkt gebracht: „Lebe dein Leben, und zwar jetzt – und lass dich nicht für blöd verkaufen von denen, die dir durch ihre oft materiellen Glücksverheißungen das Blaue vom Himmel versprechen.“ In diesem Buch wird übrigens sogar ein Kürzel für den Sinn des Lebens gefunden, und das heißt: „ZDE“ = „Zweck der Existenz“. Diesen ganz individuellen „ZDE“ gilt es zu finden und zu leben. Irgendwie natürlich alles richtig, aber auch ein wenig banal, vor allem: wenn das bloß immer so einfach wäre. Viktor Frankl, der bekannte Psychotherapeut aus Österreich, hat sich dieser Aufgabe übrigens schon vor längerer Zeit auf etwas höherem Niveau gestellt. Er nannte das Logotherapie. Eine Therapie, die den Menschen individuell helfen soll, ihren spezifischen Lebenssinn zu finden, also das, wofür sie da sind. Was wiederum eine der drei Fragen ist, mit denen der Besucher dieses eigenartigen Cafés auf der Speisekarte konkfrontiert wird: „Wozu bin ich da?“ Aber lassen wir das! Wie gesagt, was mir gefallen hat, ist weniger der Inhalt. Es ist vor allem die Rahmengeschichte, und die ist folgendermaßen konstruiert:

weiterlesen
13. März 2021

Wie Corona unsere Gesellschaft verändert

Ich erinnere mich noch an die Zeit vor einem Jahr. Frühling 2020! Damals war Corona für uns alle noch Neuland. Neben allem Schlimmen, das wir erlebten und wovor wir Angst hatten, gab es auch einen leisen Optimismus. Viele hofften, dass durch die Pandemie auch Positives in Gang kommen würde. Covid-19 galt als Augenöffner. Der „Brennglaseffekt“ war in aller Munde. Bernd Ulrich schrieb in der Zeit (20.05.):
„Corona ist nicht die Mutter aller Krisen, noch weniger stellt sie die größte Gefahr für die Menschheit dar (das ist und bleibt das ölologische Desaster, das sich mit wachsendem Tempo vollzieht), Corona ist aber vielleicht die aufklärerischste Krise, weil sie die Welt so verlangsamt hat, dass man ihre Bewegungsgesetze besser verstehen kann.“

weiterlesen