Jüdische Positionen zum christlichen Messiasglauben – ein virtuelles Podiumsgespräch

(aus Hirschberg, P., Die bleibende Provokation. Christliche Theologie im Angesicht Israels, Neukirchen-Vluyn 2008, 91-103.)

Stellen wir uns ein Podium vor, das mit Juden verschiedenster Prägungen besetzt ist, die, von einem christlichen Theologen befragt, darüber Auskunft geben sollen, worum es im jüdischen Messiasglauben geht. An dem Podium nehmen teil: Professor Jonathan Nürnberger, der an einer jüdischen Hochschule Bibel unterrichtet; Professor Jonathan Lieberman, ein jüdischer Philosoph orthodoxer Prägung, dem Rationalismus zugeneigt; Rabbi Shimon Naftali, orthodoxer Gemeinderabbiner mit mystischen Ambitionen; schließlich noch Rachel Goldsmith, Reformrabbinerin. Gesprächsleiter ist Rev. Dr. Smith, der sich seit Jahren für den christlich-jüdischen Dialog interessiert.

Sehr geehrte Damen und Herren, ich freue mich sehr, dass wir uns heute Abend mit kompetenten Fachleuten über den Messiasglauben des nachbiblischen Judentums verständigen dürfen. Als Christen wollen wir dabei vor allem verstehen, warum der christliche Messiasglaube für die meisten Juden so anstößig ist. Mein besonderer Dank gilt unseren hochkarätigen Referenten, die sich trotz eines vollen Terminkalenders für diesen Abend frei machen konnten. Doch ich will mich nicht in langen Vorreden ergehen, dafür ist das Thema viel zu spannend. Ich beginne mit einer ersten Frage, die ich gerne an unseren Bibelfachmann, Herrn Prof. Nürnberger, richten möchte. Herr Nürnberger, wie würden Sie den jüdischen Messiasglauben in allgemein verständlichen Sätzen beschreiben?

Nun, da ich hier Gast bei einer christlichen Versammlung bin, darf ich vielleicht gleich den Punkt herausgreifen, der mir im Verhältnis von Christen und Juden besonders neuralgisch zu sein scheint. Meine verehrten Christen und Christinnen, der Messias ist nach jüdischer Vorstellung keine göttliche Gestalt, sondern ein ganz normaler Mensch. Das mag für viele von Ihnen anstößig sein, ich weiß, aber ich muss dies um der Redlichkeit willen gleich am Anfang so deutlich sagen. Ich will das freilich nicht nur behaupten, sondern es auch begründen, und da ich Bibelforscher bin, möchte ich Ihr Augenmerk vor allem auf das „Alte Testament“ richten. Das Zeugnis der Bibel kann Ihnen vielleicht helfen zu verstehen, warum wir Juden so viel Wert auf die Menschlichkeit des Messias legen.
„Messias“ heißt im Hebräischen maschiach und muss mit „Gesalbter“ übersetzt werden. Die Salbung war im Alten Testament ein ritueller Akt, durch den Menschen, vor allem Könige und Priester, mit besonderer göttlicher Vollmacht und Autorität ausgestattet wurden. Selbst Kyrus, der persische Großkönig, konnte von dem im babylonischen Exil lebenden Propheten – wir nennen ihn in der Bibelwissenschaft Deuterojesaja – als von Gott Gesalbter, wenn Sie so wollen, als „Messias“ bezeichnet werden (Jes 45,1); und das einfach nur deshalb, weil der Prophet in ihm Gottes Werkzeug erkannte, um die Juden aus dem babylonischen Exil zu befreien. Sie merken, dass die Salbung anfangs noch überhaupt nichts mit einer ganz besonderen, in Gottes Heilsplan einzigartigen Rettergestalt zu tun hatte. Der Messiastitel selbst findet sich im Alten Testament noch an keiner einzigen Stelle. Selbst in den berühmten „messianischen“ Texten (Jes 9,1-6; 11,1-9; Jer 23,5f; Jer 3,8f; Ez 34, 23f; Mi 5,1-5; Sach 9,9f) ist noch nicht von „dem Messias“ die Rede, ja selbst die Geistbegabung – nicht einmal die Geist-„salbung“ – kommt nur in Jes 11, 2 vor. Erst in der frühjüdischen Zeit (ab dem 2./1. Jahrhundert v. Chr.) wurde der Messiastitel ein feststehender Begriff im Repertoire unserer endzeitlichen Hoffnungen (1 QSa 2,12; PsSal 17 u. 18). Aber auch wenn es den Messiastitel selbst in alttestamentlicher Zeit noch nicht gab, die Vorstellung, dass Gott einen endzeitlichen Heilskönig senden werde, der das davidische Königtum in einer idealisierten und überhöhten Weise wiederherstellen wird, ist relativ alt. Vermutlich gab es sie schon in vorexilischer Zeit. Es ist diese Vorstellung, die man dann in frühjüdischer Zeit mit dem Messiasprädikat verband, so dass man unter Vorbehalt auch schon von messianischen Texten im Alten Testament sprechen kann. Fazit: Der Messias ist der endzeitliche, durch Gottes Gnade eingesetzte König Israels, aber trotz alles Besonderen eben nur ein Mensch, nicht mehr.

Ich denke, es ist gut, dass Sie uns gleich zu Beginn auf den entscheidenden Kontroverspunkt hingewiesen haben. Aber bevor ich diesen Faden aufnehme, habe ich noch eine kurze Zwischenfrage: Warum muss der Messias eigentlich ein davidischer König sein?
Nun, ich bin im Allgemeinen kein Freund einer allzu stark psychologisierenden Exegese, aber in diesem Fall möchte ich doch eine psychologische Erklärung anbieten. Versetzen Sie sich einmal in die Situation der Einwohner Jerusalems in der vorexilischen Zeit. Dort war, seit man denken konnte, die davidische Dynastie am Ruder. Diese hatte von ihrem Ursprung her große Bedeutung bekommen, denn ihr Begründer David war – wenn man der biblischen Überlieferung trauen darf – der bedeutendste unserer Könige. Ihm gelang es die israelitischen Stämme zu einen und erheblichen Einfluss in der Region auszuüben. Aber noch mehr: Sein Königtum war wahrscheinlich schon von Anfang an mit einer besonderen göttlichen Aura umgeben – und wurde es immer mehr. David galt als der König von Gottes Herzen, so dass in einer alten Verheißung seiner Dynastie sogar ewiger Bestand garantiert wird (2Sam 7,11-16). Klar, dass man sich von seinen Nachfolgern Ähnliches erwartete. Doch leider umsonst! Die meisten aus der davidischen Linie stammenden Könige, die im Südreich herrschten, waren eine herbe Enttäuschung. Sie, die im Auftrag Gottes für Frömmigkeit, Gerechtigkeit und Frieden sorgen sollten, förderten den Abfall von Gott, indem sie heidnische Kulte unterstützten, traten das Recht mit Füßen, indem sie die einfachen Leute ausbeuteten, schmiedeten Bündnisse und führten Kriege, die nicht selten Ergebnis ihres Unglaubens und ihrer Machtgier waren. Irgendwann, so wird man im Volk gehofft haben, muss doch einmal diese Pechsträhne aufhören und endlich ein Davidide auf dem Thron sitzen, der wahrhaft von Gott bevollmächtigt ist. Vor allem Jesaja (11,1) hat das Volk in dieser Hoffnung bestärkt. Er erwartete einen idealen Herrscher aus dem Hause Davids, erwähnte aber den Namen „David“ nicht und sprach nur von einem Reis aus Isais (Davids Vater) Stumpf. Das könnte damit zusammenhängen, dass er das augenblickliche davidische Herrscherhaus so negativ sah. Jedenfalls wird die Enttäuschung über die Inhaber des davidischen Thrones zusammen mit der zunehmenden Verklärung Davids kräftig dazu beigetragen haben, die „messianische“ Erwartung zu schüren. (Kopfschütteln der orthodoxen Podiumsteilnehmer) Missverstehen Sie mich nicht (zu den orthodoxen Podiumsteilnehmern gewandt): Ich will damit nicht sagen, dass die ganze Messiashoffnung nur eine psychologische Projektion ist, aber oft bedient sich Gott ja der Psychologie, um seine Geschichte mit uns Menschen voranzutreiben. Und natürlich können Sie es meinetwegen auch umgekehrt sehen, eben so, dass die Verheißung primär vor Gott ausging und sie vom Volk einfach nur sehnsüchtig und dankbar aufgenommen wurde. Doch wie dem auch sei, selbst als die davidische Dynastie durch das Exil in die Krise geriet und schließlich das Königtum überhaupt obsolet wurde, verschwand diese Hoffnung nicht. Ja, wahrscheinlich führte der äußere Niedergang sogar dazu, dass man umso dringlicher eine radikale Umkehr der oft bedrückenden Verhältnisse erwartete. So erhoffte beispielsweise der Prophet Sacharja nach dem Ende des Exils, dass Gott das davidische Königtum messianisch erneuern wird (Sach 4,1-14; 6,9-15). Richtig ausgebaut wurde diese Hoffnung aber, wie ich bereits erwähnt habe, erst in frühjüdischer und rabbinischer Zeit.

Eine für mich durchaus einleuchtende Erklärung. Aber nun will ich auf Ihre anfänglichen Ausführungen zurückkommen, in denen Sie die Menschlichkeit des Messias so stark herausgestellt haben. Ich will nicht verhehlen, dass manche Ihrer Gedanken für mich zwar überlegenswert sind, ich mich aber schon frage, ob der Messias nicht doch irgendetwas Göttliches an sich haben muss. Ist er wirklich nur ein Mensch wie Sie und ich? Vielleicht darf ich diese Frage einmal an unseren Philosophen, Herrn Prof. Lieberman, richten.
Zuerst einmal: Herr Kollege Nürnberger hat völlig Recht. Auch ich würde sagen, dass der Messias ein Mensch wie Sie und ich ist, wobei er natürlich – wenn Sie es so ausdrücken wollen – etwas „Göttliches“ an sich hat. Er ist mit Gottes Geist gesalbt und mit einem einzigartigen Charisma ausgestattet. Dies wird sehr schön deutlich, wenn man den bereits öfter erwähnten Text Jes 11, vielleicht den wichtigsten messianischen Text im Alten Testament überhaupt, näher betrachtet. Dort wird in deutlichen Worten die Geistbegabung des Messias beschrieben: „Es ruhte auf ihm der Geist des Herrn“ (Jes 11,2). Diese Geistbegabung allein ist es, die den Messias mit einer einzigartigen Vollmacht und Autorität ausstattet und ihn zu all den heilvollen Taten befähigt, die in den folgenden Versen (VV. 2-5) beschrieben werden. Aber noch einmal: Der Messias bleibt dabei ein Mensch und wird nicht vergöttlicht. Die christliche Vorstellung, der Messias müsse in irgendeiner Weise göttlichen Ursprungs sein, ja vielleicht sogar Gott selbst, ist dem traditionellen Judentum völlig fremd. Der Messias kann sozusagen aus der direkten Nachbarschaft kommen.

Aber meine Frage, Herr Lieberman, ist, wie uns ein rein menschlicher Messias erlösen soll. Sündenvergebung, die Ermöglichung eines versöhnten Gottesverhältnisses, all dies und noch viel mehr, kann man doch nicht von einer rein menschlichen Gestalt erwarten.
Sehen Sie, Sündenvergebung, die Erfahrung von Gottes Nähe und Gegenwart, all diese Dinge, die sie als Christen mit Jesus verbinden und weswegen Sie ihn wahrscheinlich auch als Messias bezeichnen, sind auch für Juden von Bedeutung. Aber, um es sehr direkt zu sagen: Dafür brauchen wir den Messias nicht! All das kommt direkt von Gott! Die Aufgaben des Messias sind primär auf unsere irdisch-geschichtliche Wirklichkeit bezogen. Was er zu leisten hat, ist, wenn ich es so platt sagen darf, effiziente Politik. Er soll die überall in der Welt verstreuten Juden wieder in das Land ihrer Väter bringen – na ja, vielleicht nicht gleich alle (Podiumsteilnehmer schmunzeln) – den Tempel neu bauen und Frieden zwischen Israel und den Völkern stiften, was unter den momentanen Umständen sicher das größte Wunder wäre. So hat es der für die jüdische Geistesgeschichte nicht ganz unbedeutende und sehr rationalistisch eingestellte Religionsgelehrte Maimonides im 12. Jahrhundert beschrieben. In Mischne Tora (Hilchat Melachim 11) schreibt er: „Sollte daher ein König vom Stamme David erstehen, der seinen Geist der Tora zuwendet und wie der Stammvater David die Gebote erfüllt, sowohl der schriftlichen wie der ,mündlichen Lehre’, auch ganz Israel veranlasst, nach der Tora zu leben und sie zu befestigen, so kann er für den Messias gehalten werden; nimmt seine Wirksamkeit einen glücklichen Verlauf, besiegt er die Nationen der Umgebung, erbaut den Tempel und versammelt die Zerstreuten Israels, so ist kein Zweifel mehr, dass er der Richtige war.“ Das heißt natürlich nicht, dass der Messias nicht auch geistliche Aufgaben hat. So soll er der schriftlichen und mündlichen Tora gemäß leben und auch sein Volk zu einem solchen Leben ermutigen. Aber fast noch wichtiger ist die erfahrbare Veränderung unserer geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklichkeit. So könnte jeder charismatische und gottesfürchtige Jude tatsächlich der Messias sein. Aber ob er es wirklich ist, das zeigen nur seine Werke. In dieser Hinsicht geht es bei uns nicht um Glauben oder Nicht-Glauben wie bei den Christen. Wir haben klare Kriterien, die uns helfen den Messias zu identifizieren.

Herr Rabbiner Naftali, Sie sitzen so unruhig auf Ihrem Stuhl. Gehe ich recht in der Annahme, das Sie hier noch etwas hinzufügen wollen?
Das will ich, allerdings! Zuerst einmal: Ich stimme mit meinen beiden Kollegen völlig darin überein, dass der Messias sichtbare Werke vollbringen muss. Eine nur geistliche Erlösung, das ist für orthodoxes Judentum, auch für orthodoxes Judentum mystischer Prägung, ein Unding. Aber man sollte nicht verschweigen, dass es auch jüdische Konzeptionen gibt, in denen die messianische Zeit sehr übernatürliche Züge bekommt. Neben der rationalistischen Variante des Maimonides, die modernen Zeitgenossen wahrscheinlich eher einleuchtet, steht eine Auffassung, nach der der Messias derart radikal in das Welt- und Naturgeschehen eingreift, dass diese Welt und ihre bisherigen Gesetze von Grund auf verändert werden. Den Messias des Maimonides kann man sich mit ein wenig Phantasie auch in den Schlagzeilen einer modernen Zeitung vorstellen, der Wundermessias des Typus, auf den ich nun das Augenmerk richten will, hat, wenn man es pointiert sagen will, eine Zeitung gar nicht mehr nötig. Er hat den Himmel so auf die Erde gebracht, dass dies jeder Erdenbürger – auch ohne Medienberieselung – sofort erkennt.
Gershom Scholem bezeichnet in seinem berühmten Aufsatz zur Messiasfrage die rationale Erwartung als restaurativen, die eher mirakulöse als utopischen Typus. Bei ersterer geht es primär um eine Restauration des davidischen Königtums, wenn auch in einer dieses Königtum bereits überhöhenden und idealisierenden Weise. Beim utopischen Typus dagegen stellt man sich das messianische Zeitalter in deutlich überirdischen Kategorien vor, so dass der Himmel sich zur Erde öffnet und die Erde eine geradezu himmlische Verklärung erfährt. Das lässt sich übrigens gut an Jes 11 illustrieren. Neben der rational-allegorischen Interpretation, die in dem großartigen Bild vom Tierfrieden „nur“ einen Hinweis auf den zukünftigen messianischen Frieden zwischen Israel und den Völkern sieht, gibt es die übernatürliche Erklärung. Herr Kollege Lieberman, Sie haben doch den Text von Maimonides da. Wären Sie so freundlich, ihn mir mal kurz zu geben? Dann würde ich nämlich zuerst einmal die rationale Form des Maimonides zu Gehör bringen. Danke! Moment, jawohl, hier ist der Abschnitt. Ich lese: „Du sollst nicht denken, daß in den Tagen des Messias irgend etwas im Lauf der Welt aufhört oder daß es eine Neuerung in der Schöpfung des Anfangs gibt. Vielmehr geht die Welt ihren gewohnten Gang. Was aber die Stelle bei Jesaja (11,6) anbetrifft – ‚und es weilt der Wolf beim Schaf, der Leopard lagert beim Zicklein’ –, so ist dies ein Gleichnis und Rätsel. Sein Sinn: die Israeliten leben mit den Übeltätern unter den Völkern, die mit Wolf und Leopard verglichen werden (Jer 5,6), in Sicherheit. Alle kehren zur Religion der Wahrheit zurück, sie rauben und verderben nicht, genießen das Erlaubte, zusammen mit Israel, in Ruhe … Alles, was das Thema ‚Messias’ betrifft ist als Gleichnis zu verstehen, und in der messianischen Zeit wird sich erweisen, wofür es als Gleichnis gestanden hat und was damit angedeutet wurde“ . Typisch Maimonides! Typisch Rationalismus! Die wörtliche Interpretation dagegen – oft in direkter Antithese zu Maimonides – geht davon aus, dass in der messianischen Zeit überirdische Zustände in dieser Welt herrschen werden und deshalb die Natur in ihrem Wesen so radikal transformiert wird, dass alle Feindschaft zwischen den Geschöpfen ein Ende finden wird und dann tatsächlich Wölfe bei den Lämmern wohnen und Säuglinge am Loch der Otter spielen. Nach Uffenheimer wird sich die Natur auf wunderbare Weise verändern, bis der göttliche Friede alles durchdringt. Allerdings – und insofern ist der Unterschied doch wieder nur relativ – ist selbst in der utopischen Form der Schauplatz der messianischen Vollendung immer noch der Bereich der geschichtlichen Welt. Denn so wunderbar und überirdisch auch alles vorgestellt wird: Es ist der Himmel auf Erden, noch nicht der „endgültige Himmel“.

Aha, es gibt also auch im Judentum, obwohl die messianische Hoffnung sehr irdische Züge trägt, die Hoffnung auf eine endgültige Erlösung? (Nürnberger meldet sich) Bitte Herr Nürnberger!
Ohne Zweifel! Jeden Tag bekennen sich Juden, wenn sie das jüdische Hauptgebet, die Amida (= „Stehendes Gebet“ bzw. Achtzehnbittengebet) beten, zur Auferstehung der Toten. Und diese steht natürlich eher in einem Zusammenhang mit der Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde als in einem Bezug zur messianischen Zeit. Die Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde wiederum ist ein Erbe der Apokalyptik, die sich im Gegensatz zu den meisten Texten der biblischen Tradition mit einer rein innerweltlichen Vollendung nicht mehr begnügen konnte und so im Laufe der Zeit die Hoffnung auf eine kommende Welt (haolam haba = die kommende Welt) entwickelt hat. Man hoffte auf eine Welt, die in radikalem Gegensatz zu dieser Welt steht, weil sich die Frommen aufgrund leidvoller Verfolgungen durch gottlose Machthaber nicht mehr vorstellen konnten, dass in dieser abgrundtief bösen Welt das Gute und Gottgewollte irgendwann einmal noch den Sieg erringen wird. Eine Zeit lang standen sich die alttestamentliche Hoffnung auf eine innerweltliche messianische Vollendung und die apokalyptische Sehnsucht nach jener ganz anderen Welt unvermittelt gegenüber. Doch im Laufe der Zeit, beginnend am Ende des 1. Jahrhunderts, und noch stärker in der rabbinischen Periode (2. – 5. Jahrhundert), kam es zu einem zunehmenden Ausgleich. Man stellte sich die messianische Zeit in Kontinuität zur alttestamentlichen Hoffnung weiter als Vollendung unserer realen Geschichte vor, ging aber davon aus, dass danach – oft nach einer Zwischenphase – die kommende Welt Gottes in all ihrem Glanz und in ihrer Herrlichkeit an die Stelle unserer alten Welt treten wird. Wenn man so will: ein Ausgleich zwischen alttestamentlicher Diesseitsbejahung und apokalyptischer Jenseitssehnsucht. Die Wirksamkeit des Messias bleibt in erster Linie auf diese Welt bezogen, wobei faktisch natürlich die messianische Zeit zu einer Art Übergangszeit geworden ist, so dass die Übergänge zwischen „irdisch“ und „himmlisch“ insgesamt fließend geworden sind. Manchmal tut der Messias Dinge, die man eigentlich erst in der kommenden Welt erwarten würde, und umgekehrt trägt die kommende Welt manchmal sehr irdische Konturen.

Vielleicht erklärt gerade die Kombination der beiden Vorstellungen ja auch, warum die messianische Zeit in manchen Traditionen sehr übernatürliche Züge bekommen konnte. Aber wie dem auch sei, nun möchte ich doch einmal die einzige Frau in unserer Runde, Frau Rabbinerin Goldsmith, zu Wort kommen lassen. Meine Frage an Sie: Welche Vorstellung haben denn Reformjuden vom Messias?

Vermutlich bin ich diejenige, die zu diesem Thema am wenigsten zu sagen hat. Warum? Weil die Mehrheit des Reformjudentums die Erwartung eines persönlichen Messias ablehnt. In der Zeit, als das Reformjudentum entstand, also im 19. Jahrhundert, stand eindeutig die Erwartung einer messianischen Zeit ohne Messias im Zentrum. Und selbst die messianische Zeit hat man der traditionell-jüdischen Inhalte entkleidet, weil man alles abschütteln wollte, was irgendwie nach jüdischem Partikularismus roch – und so roch natürlich fast alles: die Rückkehr aus der Diaspora, zurück ins Land der Väter, der Neubau des Tempels und vor allem eine erneute Abgrenzung vom Rest der Menschheit. Nein, das konnte unmöglich im Sinne der Reformbewegung sein, die bewusst auf Integration und Assimilation setzte. Außerdem ist zu bedenken, dass man dem allgemeinen Fortschrittsglauben dieser Zeit huldigte, der bekanntlich davon ausging, dass es innergeschichtlich stetig bergauf gehen werde. Ich habe natürlich mit dieser Frage gerechnet und deshalb einige Texte mitgebracht. Hier ist der Text der „Pittsburg Conference“ aus dem Jahre 1885: „Wir erkennen in der modernen Ära universaler Kultur von Herz und Verstand das Nahen der Verwirklichung der großen messianischen Hoffnung Israels für die Errichtung des Reiches der Wahrheit, der Gerechtigkeit und des Friedens für alle Menschen. Wir betrachten uns nicht länger als Nation, sondern als eine Religionsgemeinschaft und erwarten daher weder eine Rückkehr nach Palästina noch einen Opferdienst durch die Nachkommen Aarons noch die Wiederherstellung irgendeiner Gesetzgebung bezüglich eines jüdischen Staates.“ Nun hat sich inzwischen viel geändert. Das Reformjudentum insgesamt ist wieder jüdischer geworden. Der Staat Israel wird meist positiv gesehen. Und der allgemeine Fortschrittsglaube hat nach den Tragödien des 20. Jahrhunderts viel an Attraktivität eingebüßt . Die Erwartung eines persönlichen Messias ist allerdings nach wie vor nicht sehr beliebt, was nicht heißt, dass sie überhaupt nicht existierte. Aber es bleiben doch Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Es geht also auch ohne Messias. Diese reformjüdische Position ist meiner Meinung nach übrigens gar nicht so weit vom orthodoxen Judentum entfernt. Wir haben ja jetzt schon oft gehört, dass es auch dort primär um das geht, was der Messias bewirkt, und nicht um das, was er als Person darstellt.

Es ist spannend, diese Pluralität im Judentum zu entdecken. Hier ganz traditionelle Messiasvorstellungen, rational oder eher übernatürlich akzentuiert, dort die Erwartung einer Messiaszeit ohne Messias. Eines ist aufgrund all Ihrer Beiträge freilich sehr deutlich geworden: Wenn man überhaupt noch auf einen jüdischen Messias hofft, dann ist dieser ein normaler Mensch mit Aufgaben, die sich auf diese Weltwirklichkeit beziehen. Nun habe ich allerdings eine Frage, die noch ein wenig in eine andere Richtung geht: Ist, wenn ich den Messias und seine Zeit im Rahmen einer rein irdischen Vollendung denke, die Gefahr nicht sehr groß, dass irgendwelche religiösen Neurotiker sich als Messias ausgeben und dadurch viele Menschen verführen? Ich möchte diese Frage Herrn Naftali stellen, der als Rabbiner auch eine seelsorgerliche Verantwortung für seine Gemeinde hat. Wie ist das, Herr Naftali, ist es vorstellbar, dass jemand zu Ihnen kommt und behauptet, er habe den Messias gefunden? Entschuldigen Sie, wenn ich eine so skurrile Frage stelle.

So skurril ist Ihre Frage gar nicht. Vielleicht haben Sie schon von der Chabadbewegung gehört. Das sind orthodoxe Juden chassidisch-charismatischer Prägung. Hier kam es tatsächlich dazu, dass ein Teil dieser Bewegung den vor einigen Jahren gestorbenen Rebbe Menachem Mendel Schneerson aus New York für den Messias gehalten hat, und das noch zu seinen Lebzeiten! Diese Messiasproklamation des heiß geliebten Rebbe war zwar selbst in der Chabadbewegung umstritten, zumal Schneerson sich selbst nie öffentlich als Messias bekannt hat. Aber immerhin zeigt das gewagte Unternehmen dieser orthodox-chassidischen Juden in trefflicher Weise, wie konkret und praktisch jüdische Messiaserwartung auch im 21. Jahrhundert noch sein kann. So konkret, dass ein in Brooklyn lebender Rabbiner für den Messias gehalten werden kann. Freilich, man darf die Messiasschwärmerei dieser kleinen jüdischen Gruppe nicht überbewerten. Diese Leute sind wirklich die Ausnahme, auch wenn sie einen großen Wirbel erzeugen. Aber natürlich ist die Frage interessant: Was würde ich machen, wenn einer von meiner Gemeinde dieser Messiasschwärmerei zugeneigt ist. Aus orthodoxer Perspektive könnte ich ihm wohl nur sagen: Es gibt gewisse Kriterien für das, was der Messias zu tun hat. Und wenn man diese auf Schneerson anwendet, dann muss man zu dem Urteil kommen: Seine Anhänger haben sich getäuscht. Er hat die Werke des Messias zu seinen Lebzeiten nicht vollbracht. Und wenn sie nun, nach seinem Tod, immer noch an ihrem messianischen Traum festhalten, manche sogar glauben, dass ihr Rebbe aus der „Verborgenheit“ hervortreten wird, um das messianische Werk doch noch zu vollbringen, dann kann ich nur empfehlen: Lass sie gewähren, bis die Zukunft sie endgültig widerlegen wird. Und sollte es anders kommen, dann soll es uns nur recht sein. Aber bis dahin ist alles offen.

An dieser Stelle schaltet sich direkt Frau Goldsmith ein:
Eine gute Antwort. Aber man sollte um der Aufrichtigkeit willen doch darauf hinweisen, dass nicht alle messianischen Bewegungen in der jüdischen Geschichte so harmlos waren wie die Chabadbewegung. Ich denke an Bar Kochba, den Rabbi Akiba im 2. Jahrhundert als Messias proklamiert hat. Bar Kochba war der Anführer des zweiten jüdischen Aufstands gegen Rom (132-135 nach der Zeitrechnung). Nachdem der römische Kaiser Hadrian beschlossen hatte, aus Jerusalem eine Militärkolonie zu machen, es also richtiggehend zu paganisieren, erhob sich unter der Führung des Bar Kochba – mit seinem richtigen Namen hieß er eigentlich Simon ben Kosiba – ein zweiter Volksaufstand gegen Rom. Rabbi Akiba bezog die messianische Verheißung aus Num 24, 14 („Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen …“) auf Bar Kosiba und nannte ihn von nun an Bar Kochba („Sternensohn“). Als der Aufstand von den Römern blutig niedergeschlagen war und sich die messianische Proklamation des Rabbi Akiba als falsch herausgestellt hatte, wurde Bar Kochba wieder mit seinem alten Namen benannt. Freilich interpretierte man diesen Namen nun als „Lügensohn“, da aus dem Kosiba das hebräiche kzb ( = lügen) herausgelesen werden konnte. Rabbi Akiba bezahlte seinen messianischen Irrtum mit einem blutigen Martyrium durch die Hände der Römer.

Noch verhängnisvoller war der Fall „Sabbatai Zwi“ im 17. Jahrhundert. Sabbatai Zwi kam aus Smyrna, dem heutigen Izmir, war stark von der lurianischen Kabbala geprägt, einem Zweig des mystischen Judentums, und gelangte auf mehreren Umwegen zu der Überzeugung, dass er der Messias sei. Im Jahre 1665 ließ er sich in Jerusalem öffentlich zum Messias proklamieren. Der kabbalaistische Prophet Natan Benjamin ha-Levi rührte für ihn die Werbetrommel. Während man Sabbatai Zwi in Jerusalem ablehnte – anscheinend hatte man in Jerusalem schon Erfahrung mit durchgedrehten religiösen Psychoten –, ja ihn sogar verbannte, gelang es ihm, in Smyrna eine gläubige Anhängerschaft um sich zu sammeln. Von dort aus erfasste die messianische Begeisterung ganz Europa und Nordafrika, wo nach den schrecklichen mittelalterlichen Pogromen und Vertreibungen die Sehnsucht nach Erlösung dementsprechend groß war. Doch dann kam der große Schlag: Im Jahre 1666 wurde Sabbatai Zwi vom Sultan verhaftet und vor die Wahl zwischen Hinrichtung oder Konversion zum Islam gestellt. Sabbatai Zwi entschied sich für die Konversion, so dass das durch ihn ausgelöste messianische Fieber ein jähes und enttäuschendes Ende fand. Aber auch nicht überall, denn sogar nach seiner Konversion gab es weiter Juden, die an seiner Messianität festhielten. Sie versuchten seine Konversion zu rechtfertigten, indem sie die These aufstellten, dass der wahre Messias die Welt nur dann erlösen kann, wenn er selbst zuvor in das äußerste Dunkel der Sünde eingegangen ist. Was konnte das anderes sein als die Konversion zum Islam?
All diese Beispiele zeigen mir, dass die jüdische Messiaserwartung alles andere als unproblematisch ist. Gerade weil die messianische Frage so an unsere konkret-geschichtliche Welt gebunden ist, stand man ständig in der Gefahr irgendwelche Messiasprätendenten für den wirklichen Messias zu halten, und dementsprechend groß war die Enttäuschung, wenn sich herausstellte, dass man sich wieder einmal geirrt hat. Von den Opfern an Leib und Leben einmal ganz abgesehen. Sie haben von seelsorgerlicher Verantwortung gesprochen. Vielleicht wird man dieser doch am ehesten gerecht, wenn man wie im Reformjudentum den Glauben an einen persönlichen Messias ein für alle Mal ad acta legt.

Professor Nürnberger:
So weit wie Frau Goldsmith würde ich nicht gehen wollen. Ich denke, man hatte in der rabbinischen Zeit aufgrund negativer Erfahrungen einen Grundsatz aufgestellt, mit dem die rabbinischen Autoritäten ihrer seelsorgerlichen Verantwortung durchaus gerecht wurden: Der Grundsatz, dass man das Ende nicht bedrängen darf. Gott allein ist es, der zu seiner Zeit die messianische Wende heraufführen wird. Aller menschlich-messianische Aktivismus, der versucht, Gott ins Handwerk zu pfuschen, ist Sünde und Unglaube. Dieser Grundsatz ist seit der Zerstörung des zweiten Tempels im Jahre 70, die ja in gewisser Weise auch das Werk messianischer Aktivisten war – damals in der zelotischen Variante – immer sehr ernst genommen worden.

Rabbinerin Goldsmith:
Leider nicht immer! Denken Sie nur an die heutige innerorthodoxe Diskussion, wo es durchaus wieder Gruppen gibt, die damit liebäugeln, dass der messianische Prozess bereits begonnen hat und man deshalb Gott ein wenig unter die Arme greifen muss. Die radikalen Siedler will ich gar nicht erst ins Gespräch bringen, obwohl sie das beste Beispiel für die Existenz einer modernen Variante des alten zelotischen Messianismus sind. Aber das ist das unumgehbare Grunddilemma einer zu konkret auf diese Welt bezogenen messianischen Hoffnung. Man kann noch so viele Sicherheitsmechanismen einbauen, wenn diese Welt Ort der Vollendung ist, dann ist die Aufmerksamkeit auch auf diese Welt fixiert. Es fehlt dann nur noch eine Zeitenkonstellation, die sich kongenial in die biblischen Verheißungen fügt, und schon reißt der messianische Enthusiasmus die nüchterne Ratio mit sich fort.

Ich sehe schon, hier gäbe es noch viel Gesprächsstoff. Leider ist die Zeit weit fort geschritten und wir müssen langsam zu einem Ende kommen. Ich möchte mich bei Ihnen allen herzlich bedanken. Sie haben uns sehr geholfen zu verstehen, worum es in der messianischen Erwartung des Judentums geht. Wenn ich es in einem Satz zusammenfasse: Der Messias ist nicht nur ein ganz normaler Mensch, wenn auch mit besonderem Charisma ausgestattet, er vollbringt auch ganz irdische Taten. Sein Reich ist diese Welt, und deshalb braucht man auch keinen besonderen Glauben, um ihn zu erkennen. Das ist für uns Christen zwar erst einmal eine gewaltige Provokation, aber wie ich hoffe, eine letztlich konstruktive und inspirierende.

Aktuelles

5. April 2021

„Das Café am Rande der Welt“ und die Geschichte von den Emmausjüngern

Gestern habe ich ein kleines Büchlein gelesen: „Das Café am Rande der Welt“, von John Strelecky. Ein Bestseller! Deutsche Erstausgabe: 2007. Ich halte die 54. Auflage aus dem letzten Jahr in der Hand. Beachtlich! Wieder mal ein Bestseller, den ich relativ spät gelesen habe.

Wie auch immer. Ich fand das Buch anregend. Nicht so sehr wegen seines Inhalts. Den habe ich einfach schon zu oft gehört und gelesen in der immer inflationärer werdenden Lebensratgeber-Literatur. Er heißt auf den Punkt gebracht: „Lebe dein Leben, und zwar jetzt – und lass dich nicht für blöd verkaufen von denen, die dir durch ihre oft materiellen Glücksverheißungen das Blaue vom Himmel versprechen.“ In diesem Buch wird übrigens sogar ein Kürzel für den Sinn des Lebens gefunden, und das heißt: „ZDE“ = „Zweck der Existenz“. Diesen ganz individuellen „ZDE“ gilt es zu finden und zu leben. Irgendwie natürlich alles richtig, aber auch ein wenig banal, vor allem: wenn das bloß immer so einfach wäre. Viktor Frankl, der bekannte Psychotherapeut aus Österreich, hat sich dieser Aufgabe übrigens schon vor längerer Zeit auf etwas höherem Niveau gestellt. Er nannte das Logotherapie. Eine Therapie, die den Menschen individuell helfen soll, ihren spezifischen Lebenssinn zu finden, also das, wofür sie da sind. Was wiederum eine der drei Fragen ist, mit denen der Besucher dieses eigenartigen Cafés auf der Speisekarte konkfrontiert wird: „Wozu bin ich da?“ Aber lassen wir das! Wie gesagt, was mir gefallen hat, ist weniger der Inhalt. Es ist vor allem die Rahmengeschichte, und die ist folgendermaßen konstruiert:

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13. März 2021

Wie Corona unsere Gesellschaft verändert

Ich erinnere mich noch an die Zeit vor einem Jahr. Frühling 2020! Damals war Corona für uns alle noch Neuland. Neben allem Schlimmen, das wir erlebten und wovor wir Angst hatten, gab es auch einen leisen Optimismus. Viele hofften, dass durch die Pandemie auch Positives in Gang kommen würde. Covid-19 galt als Augenöffner. Der „Brennglaseffekt“ war in aller Munde. Bernd Ulrich schrieb in der Zeit (20.05.):
„Corona ist nicht die Mutter aller Krisen, noch weniger stellt sie die größte Gefahr für die Menschheit dar (das ist und bleibt das ölologische Desaster, das sich mit wachsendem Tempo vollzieht), Corona ist aber vielleicht die aufklärerischste Krise, weil sie die Welt so verlangsamt hat, dass man ihre Bewegungsgesetze besser verstehen kann.“

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