Predigt zu Matthäus 12,38-34

Predigt am Sonntag Reminiscere zu Matthäus 12,38-42, gehalten am 20.03.2011 in der Friedenskirche Bayreuth:

Liebe Gemeinde!

Eigentlich ist es doch schade, dass uns kein eindeutiges Zeichen gegeben wird. Gerade dort, wo es um die zentralen Fragen des Lebens geht, könnten wir ein solches gut brauchen. Gibt es Gott? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Macht unser Leben Sinn? Dürfen wir trotz aller Katastrophen in unserer Welt – und davon haben wir in dieser Woche einige erlebt – auf so etwas wie ein letztes und universales Happy End hoffen? Unendlich wichtige Fragen! Aber auch überaus unterschiedliche Antworten, die uns da immer wieder angeboten werden! Wer hat denn nun Recht unter all den Philosophen, Theologen und anderen weisen Menschen, die sich zu Wort melden? Die Optimisten oder die Pessimisten? Die Atheisten oder die Gläubigen? „Wir“ oder „die anderen“? In all diesem oft verwirrenden Pluralismus, wäre es da nicht wunderbar, wenn uns jemand endlich ein eindeutiges Zeichen geben könnte? Wenn ein Prophet aufträte, der uns klipp und klar sagt: „So und so ist das“ –, und der eben nicht nur redet, sondern in aller Öffentlichkeit den Beweis antritt, durch eindeutige Argumentation, durch Wunder und Zeichen, so dass jeder Gutwillige zugeben muss: Er hat Recht! Ohne Wenn und Aber! „Meister, wir möchten gern ein Zeichen von dir sehen.“ Ich jedenfalls kann diesem Satz, mit dem sich Pharisäer und Schriftgelehrte an Jesus wenden, durchaus etwas abgewinnen.

Doch Jesus weigert sich, ein eindeutiges Zeichen zu geben! Ja, nicht nur das: Er verurteilt diese Zeichenforderung sogar mit überaus scharfen Worten. Er spricht von einem bösen und abtrünnigen Geschlecht. Warum ist Jesus so hart? Warum gibt er uns nicht endlich ein Zeichen? Will er uns weiter in der Qual der Unwissenheit lassen?

Ich habe über diese Frage viel nachgedacht. Meine Antwort heißt: Jesus lehnt das eindeutige Zeichen nicht deshalb ab, weil er uns in der Unwissenheit lassen will. Er lehnt es ab, weil ein solches Zeichen allerhöchstens unseren Verstand bekehren würde, nicht aber unser Herz, nicht die Mitte unseres Wesens. Warum? Wie komme ich auf diese Antwort?

Ich möchte Sie zu einem kleinen Gedankenexperiment einladen. Gehen Sie doch einmal einen Moment davon aus, dass jemand ein eindeutiges Zeichen geben könnte, eine Art Gottesbeweis. Was wäre denn, wenn ich dieser Bibel, die hier auf dem Altar liegt, befehlen würde, einmal durch den Kirchenraum zu schweben, um dann wieder auf ihren Platz zurückzukehren? Vorher würde ich ein Gebet sprechen, in dem ich sage: „Gott, wenn Jesus Christus wirklich dein Sohn ist, dann lass dieses Wunder geschehen, damit die Menschen an dich glauben können.“ Nehmen wir einmal an, darauf hin würde es tatsächlich zu dem in Aussicht gestellten Wunder kommen. Wie würden die Menschen darauf reagieren? Wie würden Sie darauf reagieren? Ich vermute mal, dass die einen sagen würden: „Ich glaube das dennoch nicht. Ich kann zwar nicht sagen, wo der Fehler liegt, aber irgendeinen Fehler oder faulen Trick wird es bei dem, was uns da vorexerziert wurde, schon geben.“ Diese Reaktion zeigt eines sehr deutlich: dass man sowieso nur glaubt, was man glauben will, dass also die Beantwortung der letzten Fragen immer auch mit unseren innersten Grundeinstellungen und „Vorurteilen“ zu tun haben. Selbst ein objektiv eindeutiger Beweis wird ein ungläubiges Herz nicht bekehren, wenn es sich nicht bekehren lassen will, wenn nicht eine gewisse Bereitschaft zum Glauben da ist. Andere, die dieses Zeichen sehen, würden vielleicht sagen: „Das ist ja wunderbar. Jetzt haben wir es Schwarz auf Weiß, der christliche Glaube ist tatsächlich wahr.“ Die Frage ist nur, ob diese theoretische Überzeugung, die diese Mensch durch das Wunder gewonnen haben, automatisch etwas in ihrem Leben verändern wird. Wissen allein verändert nicht zwangsläufig. Wir alle wissen zum Beispiel, dass wir einmal sterben werden. Aber leben wir deshalb bewusster und dankbarer? Sind wir deshalb verantwortlicher? Nicht unbedingt. Man könnte deshalb auch etwas zugespitzt sagen: „Wir wissen zwar, dass wir sterben werden, aber wirklich glauben tun wir es nicht.“ Ein Glaube, der nur in der Theorie, der nur im Kopf da ist, aber der nicht wirklich in unser Herz hinein gefunden hat, der nicht wirklich durch Erfahrung bewährt ist, wird uns deshalb kaum verändern. Es gibt eine schöne jüdische Geschichte von einem Schüler, der zu seinem Rabbi kommt und ihm stolz sagt: „Rabbi, ich bin schon dreimal durch den ganzen Talmud gegangen.“ In der deutschen Ausgabe sind das über zehn Bände! Darauf hin sagt der Rabbi nur: „Aber wie viel vom Talmud ist durch dich hindurch gegangen?“ Der langen Rede kurzer Sinn: Es könnte durchaus sein, dass ein eindeutiger Gottesbeweis – wenn es ihn gäbe – uns zwar irgendwie beruhigt, aber er uns letztlich doch schadet, weil wir dadurch nicht in der Tiefe unseres Seins verändert werden.

Die Frage heißt dann natürlich: Was verändert uns, und zwar nicht nur im Kopf, sondern auch im Herzen? Antwort: Nur die lebendige Erfahrung, die persönliche Begegnung mit Gott, das Berührtwerden von Gott in der Seele, das Ergriffensein von seiner Liebe, das sich vertrauensvolle Einlassen auf ihn. Das ist so wie bei einer menschlichen Beziehung. Vielleicht sagt mir jemand: „Diese Frau da ist in dich verliebt. Ich kann dir das sogar bewiesen. Ich habe nämlich zufällig einen Liebesbrief von ihr gefunden, den sie an Dich geschrieben, aber dann doch nicht abgeschickt hat.“ Glaube ich aufgrund dieser Aussage an ihre Liebe? Vielleicht ein wenig. Aber so richtig ergriffen und verändert werde ich erst dadurch, dass ich mich persönlich auf sie einlasse. Vielleicht muss ich sie zum Essen einladen, um dadurch zu merken, wie sie mich ansieht, wie sie mit mir spricht, welche Signale sie aussendet. Erst in einem solchen Prozess und natürlich immer vorausgesetzt, dass auch ich eine Beziehung zu ihr möchte, kann ich mir ihrer Liebe innerlich gewiss werden. So ist das auch bei Gott.

Man kann deshalb sagen: Es braucht vielleicht schon ein göttliches Zeichen, aber eben keinen objektiven Beweis, sondern ein Zeichen, das uns persönlich berührt: Wenn ein Zeichen mich dazu bringt, im Herzen verändert zu werden, dann ist es ein gutes göttliches Zeichen. Wenn nicht, dann ist es ein schlechtes Zeichen. Deshalb sagt Jesus: Es wird euch schon ein Zeichen gegeben werden, aber ein ganz besonderes Zeichen, das Zeichen des Jona. Damit spielt er auf seinen Tod und seine Auferstehung an. Denn so wie Jona drei Tage im Bauch des Wales war, so wird Jesus sterben und nach drei Tagen wieder auferweckt werden. Dieses Zeichen ist ein gutes Zeichen, weil die, die auf dieses Zeichen schauen, darin die Liebe Gottes erkennen können und so vielleicht ermutigt werden, sich ganz auf diesen Gott einzulassen.

Schauen wir doch mal hin, ans Kreuz! Da hängt der, der den Menschen Gottes Liebe gebracht hat, und der dennoch immer wieder mit der Hartnäckigkeit und Ablehnung der Menschen, mit ihrer Selbstsucht konfrontiert wurde. Jesus hat darauf nicht immer nur nett reagiert. Die Worte über die Pharisäer und dieses Geschlecht zeigen uns das auf ihre Weise. Sie zeigen uns einen zornigen und erbosten Jesus, der mit harten Gerichtsworten reagiert. Aber gerade deshalb ist das Kreuz ein so wichtiges Zeichen. Es zeigt uns, dass Jesus zwar mit der Bosheit der Menschen innerlich gekämpft hat, dass zum Schluss dann aber doch die Liebe gesiegt hat. „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ So bezeugt es Lukas. Jesus verharmlost die Sünde nicht. Er kehrt sie nicht unter den Teppich. Aber in der größten Herausforderung seines Lebens, dort wo all die menschliche Bosheit sich zusammenballt und ihn ans Kreuz bringt, unterscheidet er zwischen uns und unseren Taten. Er verurteilt die Sünde, aber nicht den Sündern. Der Liebhaber unseres Lebens kann und will uns nicht abschreiben. Diese Liebe, gegen die kein Kraut der Bosheit gewachsen ist und die am Kreuz offenbar geworden ist, diese Liebe bestätigt Gott durch die Auferweckung Jesu und verleiht ihr damit endgültige und universale Bedeutung. Gott sagt: „Die Liebe, die Jesus Euch bis zum Ende erwiesen hat, ist meine Liebe. Ich war in ihm. Dieser eine kommt von Anfang an von mir her.“ Das ist das Zeichen, das uns Gott gibt. Dieses Zeichen ist kein Beweis. Man kann auch sagen: „Der da am Kreuz hängt, ist verrückt.“ Man kann den Zeugen der Auferweckung Jesu vorwerfen, dass sie uns bewusst getäuscht haben oder sie sich das alles nur eingebildet haben. Aber jeder und jede, die nur ansatzweise von dieser Botschaft berührt wird, kann auch in sich gehen, ein Gebet daraus machen und sagen: „Jesus, wenn Du wirklich auferweckt wurdest, wenn du wirklich lebendig bist und in Dir die Liebe Gottes endgültig gesiegt hat, dann komm zu mir und lass mich das schmecken, so dass ich mir deiner innerlich gewiss werde. Gib mir die Zeichen, die ich brauche, damit ich an Dich glauben kann.“ Es gibt keinen objektiven Gottesbeweis, aber es gibt die Gewissheit des Herzens – und die will Gott uns schenken.

Amen

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