Leben durch den Tod hindurch (Joh 12,20-26)

Liebe Gemeinde!

Der Sonntag Lätare wird häufig auch als kleines Osterfest bezeichnet. Mitten in der Passionszeit, wo wir des Leidens Jesu gedenken, öffnet sich der Blick auf die Auferstehung, auf die Fülle des Lebens, auf das Licht, das uns von Gott her entgegenkommt.

Ich denke, dass in dieser liturgischen Ortsbestimmung viel Lebensweisheit steckt. Im Grunde genommen wird da eine ganz zentrale Frage unseres Lebens angesprochen, und die heißt: Wie kann ich Leben, Freude und Zuversicht finden, und das trotz all des Leidens, trotz all der Schwierigkeiten und Probleme, die mich oft an die Grenzen bringen. Wir Menschen sind in gewisser Hinsicht ja sehr einfach gepolt. Wir denken oft in den Kategorien: Entweder „es geht mir gut“ oder „es geht mir schlecht“. Gute Tage! Schlechte Tage! Die Konsequenz ist, dass wir die schlechten Tage von vornherein abschreiben und uns darum bemühen möglichst viele gute Tage zu haben. Was aber ist, wenn sich auch in den „schlechten Tagen“ Gutes finden lässt? Freude im Leiden? Leben im Tod? Was ist, wenn unsere Bewertungen „gut“ oder „schlecht“ oft gar nicht stimmen, weil von einer höheren Warte aus betrachtet alles noch einmal ganz anders aussieht?

In unserem heutigen Predigttext sagt Jesus: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Ich denke, dass Jesus mit diesem Beispiel aus der Natur bei uns zweierlei erreichen will:
Das erste, was Jesus uns vor Augen stellt, klingt sehr positiv und verheißungsvoll. Jesus macht uns darauf aufmerksam, dass das Sterben eines Weizenkorns ein wunderbares Resultat hat, nämlich eine Ähre mit ganz vielen neuen Körner. Der Akzent liegt auf dem Ergebnis. Das ist so, wie wenn man Kindern im Kindergottesdienst ein Korn zeigt, dann die neue Ähre mit den Körnern, und schließlich sagt: „Ist es nicht klasse, dass es so etwas geben kann! Aus einem Korn werden ganz viele! Wow!“ Bezogen auf unser Thema heißt das: Wenn es dir gelingt, mit dem Lebensfeindlichen, mit den allerschwierigsten Herausforderungen deines Lebens in angemessener Weise umzugehen, dann kann dabei am Ende etwas Wunderbares herauskommen, und zwar nicht erst jenseits unseres Todes, wenn du bei Gott sein wirst, sondern schon jetzt, mitten im Leben.

Wie könnte das gemeint sein? Ich habe immer wieder wunderbare Menschen kennengelernt. Menschen, die eine innere Wärme ausstrahlen, die einfühlsam sind, die einen großen inneren Schatz haben und die doch irgendwie demütig und bescheiden wirken. Kurz: Menschen, denen man sich anvertrauen kann. Wenn man dann genauer nachfragt, dann sind das nicht selten Menschen, die einiges durchgemacht haben. Manchmal waren es eher äußere Umstände, die sie leiden ließen: Krankheit oder der Tod eines sehr nahen Menschen. Manchmal waren es einschneidende Auseinandersetzungen: eine Scheidung, Konflikte mit Eltern oder Kindern, die an die Nieren gehen, oder im Beruf. Vielleicht auch Leiden an psychischen Problemen. Aber was immer es auch war: Diese Menschen haben es irgendwie geschafft, so mit all dem umzugehen, dass sie das positiv verändert hat. Da ist reife Frucht entstanden. Da kam es zu einer inneren Transformation. Diese Menschen „haben“ etwas, das wir vielleicht auch gerne hätten. Richard Rohr sagt in seinen Büchern öfters, dass es nach seiner Erfahrung nur zwei Dinge gibt, die Menschen in der Tiefe verändern, und das ist die Erfahrung großer Liebe oder die Erfahrung großen Leidens. Vielleicht hat er recht. So will uns Jesus durch dieses Gleichnis Lust machen will: Lust auf Transformation. Lust auf ein Leben, das den Namen wirklich verdient, auf ein tiefes, erfülltes, überfließendes Leben. Frucht!

Das zweite, was Jesus will: Er will uns darauf vorbereiten, dass der Weg dorthin durch Tod und Sterben hindurch führt! Das klingt natürlich erst einmal nicht so verlockend. Aber vielleicht steht uns das Bild eines erfüllten und Früchte bringenden Lebens ja so sehr vor Augen, dass wir jetzt bereit sind, uns auf diesen Gedanken einzulassen. Durch den Tod zum Leben!
Lassen Sie mich erstmal sagen, was es nicht bedeutet. Jesus sagt nicht, dass wir durch Leid und Tod automatisch zum Leben gelangen. Wir alle wissen doch: Das Leid kann auch verbittern. Es kann uns hart machen. Es kann uns ins Selbstmitleid stürzen. Es kann uns zu Atheisten werden lassen. Leid und Tod verändern uns anscheinend nur dann, wenn wir sie bewusst annehmen, wenn wir sie letztlich aus Gottes Händen nehmen. Das ist der entscheidende Unterschied zum Weizenkorn. Ein Korn stirbt automatisch. Es hat keine Todesängste. Das „Stirb und Werde“ gehört irgendwie zur Natur dazu. Wir dagegen haben Todesängste. Wir wollen im Normalfall nicht sterben, sondern leben. Wenn es uns nun jedoch gelingt, das Dunkle, Leid und Tod anzunehmen, es aus Gottes Hand zu nehmen, dann so sagt uns Jesus, werden wir dadurch zum Leben finden. Etwas zweites, was Jesus nicht sagt: Jesus rät uns nicht, das Leiden und den Tod zu suchen. Eine solche falsche Leidensmystik gab es in der Geschichte des Christentums zwar immer wieder, aber sie ist nicht das, was Jesus gewollt hat. Jesus war ein Mensch, der das Leben genießen konnte, der leidenschaftlich gern gelebt und gefeiert hat. Auch die Liebe zum Leben verwandelt uns, wie wir bei Richard Rohr gehört haben. Nein, Jesus will nicht, dass wir das Leiden suchen. Es geht um mein Leid, das mir ganz persönlich begegnet und an dem ich nicht vorbeikomme. Es geht um „mein Kreuz“!

Aber jetzt zur entscheidenden Frage: Warum kann uns das Leid verwandeln? Es kann uns verwandeln, weil es uns an unsere Grenzen bringt, weil es unseren eingefleischten Narzissmus ins Wanken bringt. Es erschüttert das, was der Psychoanalytiker Eberhard Richter einst als „Gotteskomplex“ bezeichnet hat: unseren Wahn, die Herren der Welt zu sein, alles im Griff zu haben. Wenn es uns das Erleiden des Leidens durch Gottes Gnade dazu bringt, unsere Ohnmacht und Hilflosigkeit zuzugeben und sie Gott hinzuhalten, wenn wir uns Gott vertrauensvoll überlassen, dann sind wir wie das sterbende Weizenkorn, dann wird Gott sich uns nicht vorenthalten, sondern sein Leben in uns hinein und durch uns hindurch fließen lassen. Wir werden eine Veränderung an uns erfahren, die wir nicht erklären können: Gottes Gegenwart, Geborgenheit, ja sogar Freude, und das mitten im Leiden. Wir Menschen sind eigentlich als Durchgangsgefäße konzipiert: Röhren, Kanäle. Göttliches Lebenswasser soll durch uns hindurchfließen. Aber unser EGO ist wie ein Stöpsel, eine Verstopfung im Schlauch, und erst, wo diese Eigenmächtigkeit gelöst wird, kann das Wasser wieder fließen. Meister Eckhart sagt: Wo das der Fall ist, wo „ich aus meinem Eigenwollen herausgegangen bin … und nicht mehr für mich selber will, dann muss Gott für mich wollen, und würde er daran etwas versäumen, dann würde er sich selbst versäumen.“ Gott ist die Güte. Er kann nicht anders, als sich uns schenken, wenn wir uns öffnen. D.h. nicht, dass das Leid weg ist, aber es kann so passieren, dass ich traurig bin, ohne in der Traurigkeit zu versinken.

Das waren jetzt große Worte. Ich weiß. Ich stehe auch hinter diesen Worten: Dennoch möchte ich jetzt noch einmal betonen, dass es hier nicht um ein Hau-Ruck-Verfahren geht, sondern um einen Prozess, um viele kleine Schritte, Schritte des Annehmens, des Gott-Hinhaltens, des Auf-Gott-Wartens, auch des Zorns und des Protests. Es geht nicht darum, das Menschliche in uns zu unterdrücken, aber es zu integrieren in einen größeren Horizont. Ich darf deshalb auch klagen und jammern. Ich darf zu Gott sagen: „Warum schläfst du? Siehst du nicht, wie dreckig es mir geht? Warum tust du nichts?“ Aber es ist wichtig, dass ich es Gott sage. Dass ich mit ihm im Gespräch. Damit bleibt ein kleiner Spalt offen, durch den Gott eintreten kann. Es geht nicht um ein vorschnelles „ich füge mich“. In einem solchen Prozess werden sicher nicht alle Fragen beantwortet, aber es wird Lichtblicke geben. Es wird Wandlung geben. Transformation. Frucht.

Jesus hat mit diesem Gleichnis natürlich auch von sich gesprochen! Von seinem Weg zum Kreuz. Von seinem Tod. Auch er wollte nicht sterben. Gethsemane! Aber er hat den Tod angenommen und auf sich genommen, weil er zur Einsicht kam, dass dies sein Weg ist. Er, der von der Fülle des Lebens gesprochen hat, von grenzenloser Liebe, von Vergebung, von einer Freude, die nie enden soll, wird am Ende mit dem Tod konfrontiert, mit abgrundtiefem Narzissmus, menschlichem Hass und großem Leiden. Jesus hat verstanden: Wenn er dem ausweicht, wenn er nicht darauf vertraut, dass der Gott, der in ihm wohnt, stärker ist als all dies Dunkel, dann wird sein Leben zur Lebenslüge. So geht er im Vertrauen diesen letzten Weg, im Vertrauen auf das Leben. So bringt er Leben in den Tod, Vergebung zur Sünde, Licht in die Finsternis. All das, was ich gesagt habe, dass im Leid Gott gefunden werden kann, kann ich eigentlich nur sagen, weil ich an einen Gott glaube, der in die tiefste Dunkelheit einging, auch in meine tiefste Dunkelheit, damit diese nicht dunkel bleibt.

Ich arbeite in Bad Alexandersbad, nicht weit weg von Flossenbürg, dem Ort wo Dietrich Bonhoeffer hingerichtet wurde. An Bonhoeffer kann man vielleicht ein wenig ablesen, was mit all dem gemeint ist. Er, der nicht zu schnell bereit war aufzugeben, der nicht jenseitsverliebt und frömmelnd war, wusste, wann es an der Zeit ist, den Tod anzunehmen, sich Gott anzuvertrauen, sich ihm zu überlassen. Wir alle kennen das schöne Lied: „Von guten Mächten wunderbar geborgen,“ Beim Abschied von einem Mitgefangenen, auf dem Weg zur Hinrichtungsstätte sagte er „Dies ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens.“ Ich sage das nicht, um einen Märtyrerkult zu entfachen. Es ist Gnade, wenn man so sterben kann. Aber diese Gnade will Gott auch uns schenken. Im Tod, aber auch schon jetzt, mitten im Leben.
Amen

Aktuelles

5. April 2021

„Das Café am Rande der Welt“ und die Geschichte von den Emmausjüngern

Gestern habe ich ein kleines Büchlein gelesen: „Das Café am Rande der Welt“, von John Strelecky. Ein Bestseller! Deutsche Erstausgabe: 2007. Ich halte die 54. Auflage aus dem letzten Jahr in der Hand. Beachtlich! Wieder mal ein Bestseller, den ich relativ spät gelesen habe.

Wie auch immer. Ich fand das Buch anregend. Nicht so sehr wegen seines Inhalts. Den habe ich einfach schon zu oft gehört und gelesen in der immer inflationärer werdenden Lebensratgeber-Literatur. Er heißt auf den Punkt gebracht: „Lebe dein Leben, und zwar jetzt – und lass dich nicht für blöd verkaufen von denen, die dir durch ihre oft materiellen Glücksverheißungen das Blaue vom Himmel versprechen.“ In diesem Buch wird übrigens sogar ein Kürzel für den Sinn des Lebens gefunden, und das heißt: „ZDE“ = „Zweck der Existenz“. Diesen ganz individuellen „ZDE“ gilt es zu finden und zu leben. Irgendwie natürlich alles richtig, aber auch ein wenig banal, vor allem: wenn das bloß immer so einfach wäre. Viktor Frankl, der bekannte Psychotherapeut aus Österreich, hat sich dieser Aufgabe übrigens schon vor längerer Zeit auf etwas höherem Niveau gestellt. Er nannte das Logotherapie. Eine Therapie, die den Menschen individuell helfen soll, ihren spezifischen Lebenssinn zu finden, also das, wofür sie da sind. Was wiederum eine der drei Fragen ist, mit denen der Besucher dieses eigenartigen Cafés auf der Speisekarte konkfrontiert wird: „Wozu bin ich da?“ Aber lassen wir das! Wie gesagt, was mir gefallen hat, ist weniger der Inhalt. Es ist vor allem die Rahmengeschichte, und die ist folgendermaßen konstruiert:

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13. März 2021

Wie Corona unsere Gesellschaft verändert

Ich erinnere mich noch an die Zeit vor einem Jahr. Frühling 2020! Damals war Corona für uns alle noch Neuland. Neben allem Schlimmen, das wir erlebten und wovor wir Angst hatten, gab es auch einen leisen Optimismus. Viele hofften, dass durch die Pandemie auch Positives in Gang kommen würde. Covid-19 galt als Augenöffner. Der „Brennglaseffekt“ war in aller Munde. Bernd Ulrich schrieb in der Zeit (20.05.):
„Corona ist nicht die Mutter aller Krisen, noch weniger stellt sie die größte Gefahr für die Menschheit dar (das ist und bleibt das ölologische Desaster, das sich mit wachsendem Tempo vollzieht), Corona ist aber vielleicht die aufklärerischste Krise, weil sie die Welt so verlangsamt hat, dass man ihre Bewegungsgesetze besser verstehen kann.“

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